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© Annika Ucke

Medikamente: Verkaufsschlager aus gutem Grund?

Was wirtschaftlich erfolgreich ist, muss medizinisch nicht automatisch sinnvoll sein

Pharma-Unternehmen streben nach Umsatz. Logisch, sie sind ja auch Wirtschaftsunternehmen, die Gewinne machen müssen, um ihre Investoren zufriedenzustellen. Doch da Medikamente gesundheitliche Effekte haben, unterliegt die Branche besonderen Regeln. Diese Regeln gab es jedoch nicht schon immer. Sie entstanden nach einer der größten Gesundheitskatastrophen des 20. Jahrhunderts: dem Contergan-Skandal.

Der Hersteller des Schlaf- und Beruhigungsmittels Contergan, die Firma Grünenthal, versuchte wegen des wirtschaftlichen Erfolgs von Contergan in den 1960er Jahren Hinweise auf schwerste Nebenwirkungen zu verheimlichen. Dank der Lehren, die aus diesem Skandal gezogen wurden, müssen Pharmaunternehmen heute akribisch nachweisen, dass ihre Produkte sicher und wirksam sind.

Pharma-Unternehmen können aber weiterhin ihre Medikamente mit irreführenden Versprechen bewerben. Dabei tricksen sie auch immer wieder bei der Interpretation von Studienergebnissen. Vor allem wenn diese die vermeintlichen Vorteile von neuen Arzneimitteln gegenüber bewährten nicht belegen können. Der Fall eines sehr erfolgreichen Gerinnungshemmers, der dem Hersteller einen Umsatz von mehr als einer Millarde Dollar jährlich einbringt, zeigt, welche Tricks zu geschönten Studienergebnissen führen.

Gerinnungshemmer Ticagrelor: Methodische Mängel in Zulassungsstudie

Ticagrelor ist ein Wirkstoff, der die Bildung von Blutgerinnseln verhindert. Er wird unter anderem zur Behandlung von Patienten:innen mit akutem Koronarsyndrom eingesetzt. Dem Hersteller AstraZeneca bringt er jährlich über eine Milliarde Dollar ein. Doch eine neue Analyse schürt den Verdacht, dass in der Zulassungsstudie wichtige Daten fehlen oder falsch sein könnten. Was lässt sich aus dem Fall Ticagrelor über methodische Mängel in Arzneimittelstudien lernen?

Topseller in Apotheken: Nasenspray, Schmerzmittel und Co.

Medikamente gehen millionenfach über die Apothekentheken – doch hohe Verkaufszahlen sagen wenig über den tatsächlichen Nutzen aus. Oft werden Präparate eingesetzt, deren Nutzen begrenzt oder deren Wirksamkeit fragwürdig ist. Zu den gefragtesten Mitteln gehören Nasensprays mit dem Wirkstoff Xylometazolin, der bei längerer Anwendung Gewöhnungseffekte zeigt: Dann können Schleimhäute schneller anschwellen. Bei anderen Topsellern sieht es ähnlich aus: zu wenig Wirkung, zu viele Nebenwirkungen – aber trotzdem beliebt.

Wie ein Fehler in einer Pressemitteilung der Pharmaindustrie nutzt

Der Universität Maastricht war 2022 in einer Pressemitteilung ein Fehler unterlaufen: Die darin genannten Zahlen zu Übergewicht und Fettleibigkeit in den Niederlanden waren dubios. Die geschätzten Kosten, die durch diese Krankheiten angeblich entstehen, lagen weit über den Ergebnissen internationaler wissenschaftlicher Studien. Bis heute wurden die falschen Zahlen vielfach zitiert. Auch, weil Hersteller von Abnehmmitteln sie nutzen, um ein positiveres Bild ihrer Produkte zu erzeugen.

Wie die Pharmaindustrie Bürger:innen zweimal in die Tasche greift

Die Entwicklung von Medikamenten kostet Geld. Doch der Hauptteil der kostenintensiven Forschung leisten Universitäten und Forschungsinstitute, die von Steuergeldern finanziert werden. Die Pharmaindustrie betont jedoch permanent, dass ihre Produkte so teuer sein müssen, weil sie selbst hohe Entwicklungskosten hat. Uns fiel auf, dass eine Pressemitteilung des Lobbyverbands der großen Pharmafirmen anlässlich der Verleihung der Medizin-Nobelpreise im Herbst 2025 tatsächlich wie ein Eingeständnis klang, dass die Pharmaunternehmen den Menschen tatsächlich zweimal in die Tasche greifen.

Wie ein Skandal die Zulassung von Arzneimitteln deutlich verschärfte

Anfang der 1960er Jahre erschütterte die Contergan-Katastrophe das Vertrauen in Arzneimittel. Das als besonders verträglich angepriesene Schlaf- und Beruhigungsmittel mit dem Wirkstoff Thalidomid sorgte in vielen Ländern für großes Leid: Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft das Mittel eingenommen hatten, kamen mit teilweise schweren Missbildungen von Organen und Gliedmaßen zur Welt. Das machte deutlich, dass strengere Regeln für die Prüfung und Zulassung von Arzneimitteln gebraucht wurden.

 

Verkaufsschlager in Apotheken

Arzneimittelstudien: Beschönigung, Täuschung oder Betrug?