Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2018 / 01 S. 13

Der perfide Zwilling

Neues zum Nocebo-Effekt

© VLADGRIN/ iStockphoto.com
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Der Placebo-Effekt ist in der Medizin schon lange bekannt – und er hat durchaus seine guten Seiten. Jetzt gibt es gerade wieder interessante Erkenntnisse zu den Auswirkungen von Arzneimitteln bei negativen Erwartungen und Einschätzungen des Anwenders.

Das menschliche Gehirn ist schon eine merkwürdige Einrichtung der Natur: Es lässt zum Beispiel einen Patienten Schmerzlinderung empfinden, obwohl die eingenommene Tablette nur Zucker enthält. Eine positive Erwartungshaltung gepaart mit guten Erfahrungen, unter Umständen auch ein natürlicher Rückgang von Beschwerden, sorgen für den bekannten Placebo-Effekt. Von ihm profitieren Patienten und der Medizinbereich, inklusive aller Heilpraktiker und Wunderheiler.1

Mund oder Mülleimer?
Aber das Placebo (wörtlich übersetzt „ich werde gefallen“) hat einen perfiden Zwilling, der auf den Namen „Nocebo“ hört („ich werde schaden“). Er sorgt dafür, dass einem schon beim Lesen des Beipackzettels ganz schwummrig werden könnte: Schwindel? Okay. Hautausschlag? Na ja. Aber auch gleich tödliche Blutungen im Magen-Darm-Trakt?

Eigentlich wollte ich doch nur schnell etwas gegen die Kopfschmerzen einnehmen … Bleibt nur die Frage, ob ich besser die Tabletten oder die Packungsbeilage im Mülleimer versenke.

Ungelöste Rätsel
Beim genaueren Hinsehen bietet der Nocebo-Effekt viel Stoff zum Nachdenken: So haben Forscher in Studien zur Vorbeugung eines Herzinfarkts herausgefunden, dass Patienten seltener über Muskelschmerzen klagen, wenn sie nicht wissen, ob sie ein Statin zur Cholesterinsenkung oder ein Placebo einnehmen.2 In der Praxis, wenn die Patienten also die Risiken ihres Medikaments kennen, sind Muskelschmerzen eine der häufigsten Beschwerden. Allerdings sind starke Muskelschmerzen auch ein mögliches Anzeichen für tatsächliche Muskelschäden, die sehr selten bei der Einnahme von Statinen auftreten können (GPSP 4/2017, S. 12).

Was ist jetzt das beste Vorgehen, um Patienten durch den Hinweis auf mögliche Muskelbeschwerden nicht unnötig zu beunruhigen und trotzdem diese gefährliche Nebenwirkung im Auge zu behalten? Die Frage ist bisher nicht hinreichend geklärt.

Ist billiger auch besser?
Und noch eine interessante Erkenntnis hat uns die Forschung zum Nocebo-Effekt kürzlich beschert: Bisher war schon bekannt, dass hinsichtlich der Wirk­sam­keit der Placebo-Effekt bei teuren Marken-Arzneimitteln stärker ausgeprägt ist als bei güns­tigen Generika mit gleichem Wirkstoff (GPSP 3/2008, S. 11). Jetzt haben Wissenschaftler untersucht, wie sich der Verkaufspreis auf die Wahrnehmung von Neben­wirkungen auswirkt.3 Dazu behandelten sie Studienteilnehmer mit einer Hautcreme ohne Wirkstoff, die als angebliche Nebenwirkung die Haut temperatur­empfindlicher machen sollte.

Nach dem Zufallsprinzip benutzten die Forscher dabei eine Cremeverpackung, die entweder sehr teuer oder eher preiswert aussah. Verblüffenderweise verspürten die Teilnehmer bei der vermeintlich billigeren Creme weniger Nebenwirkungen als Teilnehmer, die das angeblich teurere Präparat angewendet hatten. Günstige Arzneimittel richten in der Selbstwahrnehmung offenbar weniger Schaden an. Sie schonen also nicht nur den Geldbeutel, sondern offensichtlich auch die Nerven.

Placebo-Effekt
GPSP 3/2012, S. 3

1    DER ARZNEIMITTELBRIEF (2017) 51, S. 25
2    Gupta A u.a. (2017) Lancet; 389, S. 2473
3    Tinnermann A u.a. (2017) Science; 358, S. 105

Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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