Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2015 / 03 S. 07

Abnehmen um jeden Preis?

Wie EU-Kontrollbehörden versagen

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© J. Schaaber

Bereits in den 1960er Jahren erweckten Pharmahersteller den Anschein, appetithemmende Medikamente könnten übergewichtige Menschen schützen: Sie sollten die Risiken überzähliger Pfunde auf das Herz-Kreislauf-System günstig beeinflussen. Belege dafür gibt es bis heute nicht. Im Gegenteil: Für die meisten Arzneimittel, die angeblich zu einer schlanken Linie verhelfen sollen, steht fest, dass sie Herz und Kreislauf sogar schädigen können.1

Der Versuch, mit Arzneimitteln abzunehmen, ist ein seit Jahrzehnten durch Werbung propagierter Irrweg. Tausende Menschen wurden durch Appetithemmer geschädigt, weil sie in der Hoffnung rasch abzunehmen auf aggressiv beworbene, aber miserabel geprüfte und schlecht verträgliche Mittel vertraut hatten.

Mit Appetithemmern lässt sich das Gewicht nicht dauerhaft drosseln. Wer das Präparat absetzt, nimmt stetig wieder zu (Jojo-Effekt). Und für eine langfristige Einnahme sind die Präparate gar nicht untersucht. Schwere Schäden des Herz-Kreislauf-Systems sowie andere unerwünschte Wirkungen ziehen sich seit Jahrzehnten wie ein roter Faden durch das wechselnde Angebot von Appetithemmern.1 Bis heute.

Blick zurück im Zorn

In den 1960er bis 1980er Jahren – zu Zeiten von Wirtschafts­wunder und Wohlstandsbauch – ging es in Sachen Appetithemmer Schlag auf Schlag: Rezeptfreie Appetithemmer wurden verschreibungspflichtig, oder  sie flogen sofort vom Markt, weil sie den Blutdruck im Lungenkreislauf steigern konnten. Ein solcher Lungenhochdruck führt zu Herzschwäche und schränkt so die körperliche Belastungsfähigkeit stark ein und führt oft zu einem frühen Tod. Ende der 1960er Jahre erkrankten fast 1.000 Menschen, die Menocil® eingenommen hatten, an Lungenhochdruck – und überlebten diese Komplikation im Durchschnitt nur dreieinhalb Jahre.1 Und das war nur eines der damals vertriebenen Präparate.

Beim Abnehmen ist Eigeninitiative gefragt

Vor den besonderen Risiken amphetaminartiger Appetit­hemmer ist bereits in den 1970er Jahren gewarnt worden.2 Dennoch gab es damals eine Menge verwandter Mittel, deren Wirkstoff alle von dem anregenden Amphetamin abgeleitet waren: Avicol®, Effox®, Menocil®, Mirapront®, Netto-Longcaps®, Schlank Schlank E.B.® und viele andere. Sie verschwanden nach und nach ganz vom Markt oder wurden in neuer Zusammensetzung angeboten – bis auch diese als riskant erkannt wurden.

Wer die Mittel kaufte, wurde ausgetrickst: Packungsbild und Handelsname blieben bei den Umstellungen nahezu unverändert. So wurde beispielsweise Mirapront® zu Mirapront® N und Schlank Schlank® E.B. zu Schlank Schlank E.B.® 2000. Auch die Werbung lief unverändert weiter: Firmen bewarben Appetithemmer als Lifestylemittel für eine Traumfigur (z.B. Recatol® Werbung 1984: „Mit Recatol® zur Wunschfigur“).
Die 1990er Jahre brachten keine Besserung: Lungenhochdruck kam auch bei den neueren Amphetaminen Fenfluramin (Ponderax®) und Dexfenfluramin (Isomeride®) vor. Beide wurden 1997 wegen lebensbedrohlicher Schäden an Herzklappen aus dem Handel gezogen. Danach kam das Aus für Rimonabant (Acomplia®, 2008), weil es unter anderem Angst, Depressionen, Selbsttötungstendenzen ausgelöst hatte. Und wegen Herzinfarkt, Schlaganfall und anderen Herzkreislaufschäden ist auch Sibutramin (Reductil®, 2010) nicht mehr im Handel. Skrupellose Anbieter verkaufen dennoch bis heute – meist per Internet – so genannte Nahrungsergänzungsmittel, die mit Sibutramin gepanscht sind. Sie machen den Löwenanteil der GPSP-Internetdatenbank „Gepanschtes“ aus (­siehe auch S. 27).

Aktuell nur vier Wirkstoffe

Derzeit sind in Deutschland nur noch vier Wirkstoffe gegen starkes Übergewicht als Arzneimittel im Handel. Darunter befinden sich immer noch drei Amphetaminabkömmlinge, für die die gleichen Bedenken gelten wie für die bereits vom Markt zurückgezogenen Varianten. Es handelt sich um D-Norpseudo­ephe­drin (Alvalin®-Tropfen), Phenylpropanolamin (Antiadi­positum Riemser®, Recatol® Mono) und Amfepramon (Rege­non®, Tenuate®). Für alle drei fehlen Studien, die einen tatsächlichen gesundheitlichen Nutzen belegen. Wird die Einnahme beendet, steigt auch bei diesen das Körpergewicht wieder an.4 Und die Risiken sind die gleichen: Gefährdung durch Lungenhochdruck und Schlaganfall.

Amphetamine
Stimulierende, aufputschende Wirkstoffe, die im Hungerzentrum des Gehirns appetithemmend wirken. Durch ihre stimulierenden Effekte erhöhen sie zudem den Kalorienverbrauch. Typische Schadeffekte sind Lungenhochdruck, Blutdrucksteigerung, Schlaganfall, Herzklappenschäden.

Der vierte heute noch zugelassene Wirkstoff Orlistat (Xenical®, Generika) hat einen anderen Wirkmechanismus: Orlistat blockiert fettspaltende Enzyme im Darm, sodass Fettbestandteile der Lebensmittel weniger stark vom Körper aufgenommen und verstärkt ausgeschieden werden. Der Eingriff in die Fettverdauung hat lästige und unangenehme Folgen: Jede Dritte bis Sechste leidet unter Bauchkrämpfen und unwillkürlichem Stuhlabgang (GPSP 6/2008, S. 11). Zudem kommen – wenn auch selten – Entzündungen der Bauchspeicheldrüse vor. Die Belohnung für die häufige Stuhlinkontinenz, gemessen an verlorenen Kilos, ist dürftig und vorübergehend. Wenn Orlistat abgesetzt wird, steigt das Körpergewicht sowieso wieder an.

Enormes Marktpotenzial
Jeder sechste Erwachsene in Deutschland gilt als stark übergewichtig (adipös).3 Ein enormes Marktpotenzial, aber dennoch schrumpfte bei uns der Verkauf von Arzneimitteln mit appetithemmenden Wirkstoffen innerhalb von 30 Jahren auf ein Zehntel – von 7 Millionen Packungen 1983 auf weniger als 0,7 Millionen Packungen 2013. Vor allem die schädlichen Wirkungen und der damit verbundene schlechte Ruf solcher Medikamente dürften dazu beigetragen haben. Allerdings zu früh gefreut, wenn man denkt, dass die Deutschen nun verstärkt auf angemessene Ernährung und auf Bewegung zur Übergewichtsvermeidung setzen würden, denn viele setzen wohl stattdessen auf das massive Angebot von Nahrungsergänzungsmitteln, für die Anbieter mangels Überwachung durch Behörden phantastische Wirkungen versprechen.

Behörde gegen Verbraucher

Und es kommt schlimmer: Die europäische Arzneimittelbehörde handelt verantwortungslos und den eigenen Vorgaben zuwider. Sinnvollerweise sollen Medikamente, die das Körpergewicht verringern, die Gefährdung durch Herz- und Kreislaufschäden bei Übergewichtigen verringern und nicht steigern5 – so ein Leit­linienentwurf der europäischen Behörde EMA. Eigentlich sollte dies eine Selbstverständlichkeit sein.

Die aktuelle Zulassungspraxis sieht anders aus. Dort bleibt die gute Idee des vorbeugenden Verbraucherschutzes offensichtlich unberücksichtigt.2 Die Behörde hat nämlich kürzlich die Zulassung von zwei Appetithemmern empfohlen bzw. diese bereits zugelassen, ein Kombinationspräparat mit einer Amphetaminvariante sowie ein ausgesprochen schlecht verträgliches Mittel, Liraglutid (Saxenda®). Dieses Präparat gegen starkes Übergewicht war bei Redaktionsschluss in Deutschland noch nicht im Handel. Es muss täglich injiziert werden. Der Wirkstoff ist bereits seit 2009 unter dem Namen Victoza® in geringerer Dosierung gegen Diabetes mellitus im Handel. Das Mittel ist allerdings auch in diesem Anwendungsgebiet heftig umstritten:6 Jeder Zehnte hat die Behandlung in klinischen Studien abgebrochen, was ein schlechtes Zeichen ist. Mit beschleunigtem Herzschlag, eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse und Nierenversagen ist zu rechnen. Im Tierversuch mit Nagern bemerkten Wissenschaftler vermehrt Tumoren der Schilddrüse.2

Die Zulassung von Lorcaserin (Belviq®) für stark Übergewichtige in den USA wirkt sich bereits jetzt auf Europa aus, obwohl das Mittel hier nicht zugelassen worden ist: Über gepanschte Nahrungsergänzungsmittel kommt dieser Wirkstoff, der beispielsweise Herzklappen schädigen und Depressionen auslösen kann, nun dennoch unerlaubter­weise nach Europa (vgl. GPSP 2/2015, S. 27).

Was taugt der Body-Mass-Index (BMI)?  
GPSP 3/2013, S. 9

Was tun?

Unsere Erfahrungen mit dem jahrzehntelangen Verkauf gefährlicher Appetithemmer zei­gen: Fürs Abnehmen sind Arzneimittel die falsche Strategie. Auch die viel beworbenen Nahrungsergänzungsmittel und diätetischen Lebensmittel, die angeblich ohne großen Aufwand eine Traumfigur ermöglichen, behindern eher die notwendige langfristige grundlegende Umstellung von Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten.
Nur wer weniger Kalorien aufnimmt als verbraucht, kann abnehmen. Hilfreiche Strategien, dickmachende Lebensgewohnheiten zu verändern, haben wir in GPSP 2/2009 (S. 3) beschrieben.


Quellen
1    e a-t (2015) Nr. 2/2015 vom 20. 2.
2    arznei-telegramm® (1972) Nr. 3-4, S. 3
3    RKI (2014) Gesundheit in Deutschland aktuell 2012
4    arznei-telegramm® (2015) 46, S. 18
5    EMA (2014) Guideline on clinical evaluation of medicinal products used in weight control (Draft), 26. Juni www.a-turl.de/?k=aden
6    arznei-telegramm® (2012) 43, S. 64

Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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