Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2017 / 02 S. 19

Nachgefragt:

Dr. Gisela Schott

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Dr. med. Gisela Schott arbeitet seit mehr als zehn Jahren als Referentin bei der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und beschäftigt sich unter anderem mit dem Thema „Interessenkonflikte in der Medizin“. Dabei untersucht sie besonders, ob und wie sich enge Verbindungen zwischen Ärzten und pharmazeutischen Firmen auf die Zuverlässigkeit von Studien, Leitlinien und das ärztliche Wissen auswirken. Sie arbeitet außerdem als Fachärztin für Innere Medizin in einer großen Notaufnahme in Berlin.


Mehr unverzerrtes Wissen

Fortbildung für Ärzte in der Hand von Pharmafirmen

© kasto80/ iStock
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Als Patient erwartet man von seinem Arzt oder seiner Ärztin, dass sie auf dem aktuellen Wissensstand sind. Deshalb müssen sie sich regelmäßig fortbilden. Viele medizinische Fortbildungsveranstaltungen sind allerdings von der Pharma­industrie finanziert. Mit Gisela Schott von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) haben wir über die Folgen für das ärztliche Wissen und für die Patienten gesprochen.

GPSP: Wie konkret wissen wir, welcher Anteil der ärztlichen Fortbildung durch die Industrie gesponsert wird?

Gisela Schott: Genaue Werte gibt es für Deutschland nicht. Schätzungsweise sind 60 bis 70 Prozent aller Fortbildungsveranstaltungen für Ärzte zu Arzneimitteln oder Medizinprodukten von der Industrie zumindest mitfinanziert. Zahlen aus Österreich sind in diesem Zusammenhang sehr aufschlussreich:1 Danach unterscheidet sich das Sponsoring je nach Fachrichtung sehr stark. Besonders hoch ist der Anteil in der Rheumatologie, in der Endokrinologie – wo es etwa um Diabetes oder Schilddrüsenerkrankungen geht – und in der Hämato-Onkologie mit dem Fokus auf Blut- und Krebserkrankungen. Das liegt möglicherweise daran, dass hier besonders hochpreisige Arzneimittel verordnet werden.

Dort ist also der Gewinn besonders hoch, und es lohnt sich für die Firmen. Aber warum ist pharmagesponserte Fortbildung problematisch?

Die Hersteller von Arzneimitteln oder Medizinprodukten unterstützen Veranstaltungen finanziell, um Ärzte zu beeinflussen, sonst würden sie es nicht machen. Sie wollen ihre Produkte vermehrt absetzen und finden dazu auch Mittel und Wege.

Wie muss man sich das vor­stellen?

Die Beeinflussung ist häufig sehr unterschwellig. Das fängt damit an, dass der Sponsor die Schwerpunkte einer Veranstaltung mitbestimmt und so dafür sorgt, dass seine Produkte im Mittelpunkt stehen. Oder indem er Referenten vorschlägt, die seinen Produkten wohlgesonnen gegenüber stehen. Einige Referenten sind sogar Mitglied der so genannten „speakers bureaus“ von pharmazeutischen Unternehmen und lassen sich dafür bezahlen, die Vorteile eines Arzneimittels herauszustellen. Gelegentlich benutzen Referenten Vortragsfolien, die der Hersteller vorbereitet hat. Die stellen das Produkt natürlich sehr positiv dar und blenden Nebenwirkungen aus. Das verzerrt die Wirklichkeit auf mehr oder weniger subtile Weise. Die Psychologie nennt das „Spin“, weil die Studienergebnisse dadurch den gewünschten „Dreh“ bekommen. Ich war selbst mal auf einer pharmagesponserten Veranstaltung zu neuen Blutgerinnungshemmern. Da wurden hauptsächlich Werbebotschaften vermittelt.

Können Ärzte eine solche verzerrte Darstellung nicht leicht erkennen?

Im Gegenteil. Es ist häufig sogar sehr schwer, den Spin zugunsten eines Präparates zu durchschauen, besonders wenn man sich mit einem Thema nicht hundertprozentig auskennt. Das ist wohl bei den meisten Ärztinnen und Ärzten der Fall, denn sie nehmen ja an der Fortbildung teil, um etwas dazu zu lernen.

Was sind Anhaltspunkte für eine verzerrte Darstellung?

Die AkdÄ hat für Fortbildungsveranstaltungen einen Bewertungsbogen mit verschiedenen Fragen erstellt, die helfen sollen, die Verzerrung zu erkennen. Da wird zum Beispiel gefragt, ob der Referent verschiedene therapeutische Optionen vorstellt und bei neuen Medikamenten auch Nachteile benennt.

Es gibt auch vermeintlich neutrale Veranstaltungen, bei denen trotzdem einzelne Vortragende finanziell mit der Industrie verknüpft sind. Was ist das Problem dabei?

Den Mechanismus kennt wohl jeder: Wenn Menschen ein Geschenk erhalten, wollen sie das in der Regel gerne erwidern. Ein Beispiel: Mein Besuch bringt Blumen mit – werde ich von ihm eingeladen, fühle ich mich ebenfalls zu einem Gastgeschenk verpflichtet. Psychologen nennen das Reziprozitätsprinzip. Das ist ein tief verankerter unbewusster Mechanismus. Für die Gesellschaft ist das im Allgemeinen gut, wenn sich Menschen sozial verhalten. Wenn bei Verbindungen zur Industrie der gleiche Mechanismus greift, besteht aber die Gefahr, dass der Vortragende ein Produkt zu positiv darstellt und Nachteile nicht benennt.

Interessenkonflikte müssen Ärzte inzwischen deklarieren. Vor dem eigentlichen Vortrag zeigen Referenten darum auf einer Folie für wenige Sekunden, mit welchen Firmen sie in Verbindung stehen. Reicht das?

Sicher nicht. Diese Interessenkonflikte transparent zu machen, ist ein notwendiger erster Schritt. Aber die Zuhörer brauchen genügend Zeit, diese Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten. Vor allem muss das langfristige Ziel sein, dass die Referenten bei Fortbildungsveranstaltungen keine finanziellen Verbindungen mit der Industrie haben und sich so ihre Glaubwürdigkeit bewahren.

Manche Fachleute behaupten allerdings, dass Industriekontakte eine Art Gütekriterium für den Referenten sind.

Das hört man häufig. Man muss sich aber klarmachen: Die Industrie sucht den Kontakt nicht wegen der wissenschaftlichen Expertise des Fachmanns. Wichtig sind ihr vor allem eine positive Haltung gegenüber dem Produkt, die den Marketing-Zielen des Unternehmens dient.

Auch pharmagesponserte Fortbildung wird in der Regel von der zuständigen Landesärztekammer anerkannt, obwohl die Inhalte der ärztlichen Fortbildung „frei von wirtschaftlichen Interessen“ sein sollen.2

Die Ärztekammern bekommen sehr viele Anträge auf Zertifizierung und können meist nur anhand des Programms prüfen. Dann ist es im Einzelfall schwierig nachzuweisen, dass das Sponsoring die Darstellung der Inhalte verzerrt. Wenn es nach mir ginge, würden pharmagesponserte Fort­bildungen gar nicht mehr zertifiziert. Denn ohne ein wirtschaftliches Interesse würde ein Unternehmen eine Veranstaltung nicht sponsern. Es wurde schon vorgeschlagen, für unabhängige Veranstaltungen die doppelte Punktzahl anzuerkennen. Das würde helfen, dass sich ein größerer Markt von unabhängigen Veranstaltungen etabliert.

Können Ärztinnen und Ärzte heute schon genügend Punkte mit unabhängiger Fortbildung bekommen?

Außer bei Vorträgen können sie auch über die unabhängigen Arzneimittelzeitschriften wie DER ARZNEIMITTELBRIEF oder das arznei-telegramm® zusätzliche Fortbildungspunkte sammeln. Und es gibt natürlich auch unabhängige Fortbildungen und andere Veranstaltungen.3 Ich denke, man bekommt die Punkte zusammen, insbesondere wenn man bereit ist, dafür Geld auszugeben.

Für pharmagesponserte Fortbildungen müssen Ärzte häufig gar nichts oder nur sehr wenig bezahlen.

Auch unabhängige Veranstaltungen müssen gar nicht teuer sein, wenn man auf Essen und luxuriöses Ambiente verzichtet. Also wenn der Veranstalter zum Beispiel in einer Klinik oder einer Universität nach einem günstigen Raum sucht und nicht in ein schickes Hotel geht. Es ist also durchaus realistisch, sich industrieunabhängig fortzubilden.

Für ihre eigenen Fortbildungsveranstaltungen hat die AkdÄ die Regeln im Oktober 2015 verschärft. Was ist neu?

Es darf keine direkte oder indirekte Unterstützung durch die Industrie geben. Neu ist, dass der Referent oder die Referentin in den letzten zwei Jahren kein Geld von einem Unternehmen angenommen haben darf. Nur Geldleistungen an die Klinik für wissenschaftliche Studien erlauben wir, wenn die Referenten nicht persönlich davon profitieren. Außerdem müssen sich die Vortragenden verpflichten, verschiedene Behandlungsmöglichkeiten darzustellen und zu vergleichen, außerdem sowohl ihre Vor- als auch ihre Nachteile zu besprechen. Und zusätzlich müssen sie auf Unsicherheit der medizinischen Erkenntnisse oder auf Nichtwissen hinweisen, etwa wenn die Studien keine genauen Schlussfolgerungen erlauben.

Welche Erfahrungen haben Sie mit den neuen Regeln gemacht?

Wir merken, dass Mitglieder der AkdÄ zunehmend bereit sind, Verbindungen mit der Industrie zu lösen. Am Anfang waren wir etwas besorgt, ob wir nun überhaupt noch genug Referenten finden. Inzwischen hat sich aber herausgestellt, dass das durchaus möglich ist.

Was bedeutet es für Patienten, wenn die Pharmaindustrie das ärztliche Wissen über Arzneimittel beeinflusst?

Wenn Ärzte aufgrund der verzerrten Botschaften Arzneimittel verschreiben, die unnötig sind, dann kann das Patienten schaden. Die Aufgabe der Ärzte ist es, ihre Patienten optimal zu versorgen. Deshalb ärgert mich pharmagesponserte Fortbildung so.

Gibt es so etwas wie Warnzeichen für verzerrte oder beeinflusste Informationen, auf die ich als Patientin oder Patient bei einem Arzt achten sollte?

Das ist sehr schwierig zu erkennen, ob sich solche Verzerrungen im Handeln des Arztes niederschlagen. Vielleicht ist es ein Hinweis auf sein Problembewusstsein, wenn ein Arzt sich entscheidet, in der Praxis keine Industriegeschenke wie Kugelschreiber oder Haftnotizen zu verwenden – wie das die Ärzte tun, die sich in der Initiative „Mein Essen zahl‘ ich selbst (MEZIS)“4 zusammengeschlossen haben.

Umgekehrt lässt sich aus einem Kugelschreiber mit Logo aber nicht schlussfolgern, dass das Wissen des Arztes verzerrt ist. Man kann aber schon nachfragen, ob er bei Anwendungsbeobachtungen mitmacht oder andere finanzielle Verbindungen zu pharmazeutischen Unternehmen oder Herstellern von Medizinprodukten hat.

Haben Sie das schon mal probiert?

Als Patientin habe ich gemerkt, dass es schwierig ist – und habe mich beim ersten Mal nicht getraut. Aber es ging um die Teilnahme an einer Studie, und da habe ich schließlich gefragt, ob und wie viel Geld die Klinik dafür bekommt. Die Frage war dem Arzt ein bisschen unangenehm. Bei dem Gespräch bekam ich dann den Eindruck, dass er selbst von der Studie nicht so überzeugt war.

Wie können sich Patienten sonst vor verzerrtem Wissen schützen?

Unabhängige Informationen sind ein gutes Gegenmittel, wenn man vor einer schwierigen Therapieentscheidung steht. Und wenn diese Informationen nicht zu dem passen, was der Arzt vorschlägt, sollte man das ansprechen und ihn fragen, worauf seine Empfehlung beruht. Und sich nach alternativen Optionen und den Vor- und Nachteilen einer bestimmten Behandlung erkundigen. Gerade Nebenwirkungen oder Risiken sprechen Ärzte meist zu selten von sich aus an, da muss man selbst aktiv werden. Leider ist es so, dass man als Patient nicht alle Verantwortung abgeben kann, sondern sich gut informieren sollte.

Vielen Dank für das Gespräch!

Fortbildungspunkte: Ärzte, die mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen, müssen innerhalb von fünf Jahren 250 Punkte sammeln. Ein Punkt entspricht 45 Minuten Fort­bildungszeit.

Anwendungsbeobachtungen
GPS 1/2014, S. 19 GPS 4/2015, S. 13


1    Ludwig-Boltzmann-Institut für Health Technology Assessment (2015) Sponsoring österreichischer Ärztefortbildung. http://eprints.hta.lbg.ac.at/1053/ (Zugriff 29.01.2017)
2    Sozialgesetzbuch V § 95d
3    zum Beispiel Qualitätszirkel oder Tumorkonferenzen
4   GPSP 04/2012, S. 12

Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.


Titelbild dieser Ausgabe


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