Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2017 / 02 S. 06

Kopfschmerz bei Kindern

Keine Lappalie

© Kerkezz/ fotolia.com
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Wenn Kinder über Kopfweh klagen, denken manche Eltern, „geht ja bald wieder vorbei“. Andere fragen sich, ob eine ernsthafte Krankheit dahinter steckt.

Von den Kindern oder Jugendlichen, die mit Beschwerden in eine Arztpraxis kommen, klagen viele über Kopfschmerzen. Kopfschmerz ist nicht gleich Kopfschmerz. Der Schmerz hat vielfältige Ursachen und entsteht an verschiedenen Stellen am und im Kopf. Denn die äußere Kopfhaut, die Schädelmuskulatur, die Hirnhäute und Hirngefäße im Kopfinneren verfügen jeweils über eigene Schmerzrezeptoren. Wenn diese durch Reize aktiviert werden, leiten sie Nervensignale weiter und erzeugen das Schmerzerlebnis. Ein ganzes Netzwerk von Nervenbahnen und Schaltstellen im Gehirn ist einbezogen.

Um den jungen Patienten besser zu helfen, unterscheiden Mediziner verschiedene Kopfschmerzarten. Dadurch lassen sich die Auslöser besser finden und die Beschwerden gezielter behandeln.

Wie Kinder Schmerzen mitteilen
Gerade bei jüngeren Kindern ist die ärztliche Diagnose oft kompliziert, denn bis zum Alter von etwa zwei Jahren können Kinder meist noch nicht angeben, dass sie Schmerzen haben. Eltern und Ärzte müssen das oft indirekten Hinweisen entnehmen. Mit etwa drei Jahren können Kinder Schmerzen mitteilen, aber nicht den Ort ihrer Schmerzempfindung benennen. Erst mit etwa vier Jahren sind Kinder in der Lage zu sagen, wo sie den Schmerz spüren. Und mit fünf oder sechs Jahren können sie schließlich auch die Art ihrer Schmerzen beschreiben.

Wichtige Unterschiede
Zunächst teilt man Kopfschmerzen in zwei große Gruppen ein: primäre und sekundäre Kopfschmerzen. Die primären Kopfschmerzen sind eigenständige Krankheiten, also nicht Folge einer anderen Erkrankung. In diese Kategorie gehören vor allem Kopfschmerzen vom Spannungstyp und Migräne, die beide stark verbreitet sind. Davon unterschieden werden die sekundären Kopfschmerzen, die auf einer anderen Krankheit oder einer Verletzung beruhen. Diese Kopfschmerzarten sind eher selten.

Migräne
Schon kleine Kinder können unter Migräne leiden.3 Wie aus dem Nichts treten plötzlich starke Kopfschmerzen auf. Sie können sich nach einem kurzen beschwerdefreien Intervall wiederholen. Migräneattacken sind bei Kindern in der Regel kürzer als bei Erwachsenen. Und es gibt noch einen Unterschied: Während sie bei Erwachsenen meist halbseitig auftreten, können sie bei Kindern häufiger beide Kopfseiten betreffen.

Bei etwa zwei von zehn Kindern wird ein Migräneanfall von einer „Aura“ begleitet. Aura bezeichnet ein Phänomen, bei dem ungewöhnliche Sinneswahrnehmungen gleichzeitig zum Kopfschmerz erlebt werden: etwa ein Flimmern vor den Augen, seltsame Töne oder Gerüche. Es kann aber auch zu ausgeprägten neurologischen Störungen bis hin zu Lähmungen kommen.

Spannungskopfschmerzen
Spannungskopfschmerzen sind meist nicht so heftig wie eine Migräne und beeinträchtigen das Allgemeinbefinden weniger.

Kopfschmerz als Krankheitsfolge
Was nun die sekundären Kopfschmerzen angeht, ist ein grippaler Infekt die häufigste Ursache. Ernsthafte Erkrankungen wie Bluthochdruck, Augenkrankheiten, Probleme im Hals-Nasen-Ohren-Bereich, an den Zähnen, an der Halswirbelsäule oder Kopfverletzungen spielen hingegen nur eine geringe Rolle.

Ein Hirntumor oder ein anderer Tumor des Schädels ist äußerst selten der Grund für Kopfschmerzen bei jungen Patienten.4 Da solche Tumore in der Regel mit weiteren Symptomen einhergehen, können Ärzte sie bei der Diagnose meist gut erkennen.

Chronische Kopfschmerzen
Wenn Kopfschmerzen zu einem ständigen Begleiter werden, spricht man von chronischen Kopfschmerzen. Wie sehr sie das Leben von Kindern beeinträchtigen, wird von Eltern und Lehrern häufig unterschätzt. Dabei leiden die Betroffenen oft ebenso sehr wie andere chronisch kranke Patienten.

Schrittweise zur Diagnose
Jungen Schmerzpatienten – oder ihren Eltern – stellen der Arzt oder die Ärztin eingangs Fragen dieser Art: Wie oft kommen deine Kopfschmerzen vor? Wie stark sind sie? Später wird auch nach dem Ort und der Art der Kopfschmerzen gefragt: Wo spürst du sie – vorne, seitlich oder hinten? Und sind sie eher ziehend oder pochend?

Manchmal bittet der Arzt die Eltern, über die nächsten Wochen ein Kopfschmerztagebuch zu führen und dabei zu notieren, wann die Kopfschmerzen auftreten, wie stark sie sind und auch auf vermutete Auslöser zu achten. Verschiedene Internetseiten bieten entsprechende Formulare zum Herunterladen an.5

Die Ärztin oder der Arzt möchte außerdem wissen: Machen sich die Schmerzen in bestimmten Situationen bemerkbar oder werden sie in diesen verstärkt, etwa im Laufe des Schultages oder beim Lesen? Das könnte dann auf Probleme mit dem Sehen hinweisen.

Treten Kopfschmerzen aber zum Beispiel ohne erkennbaren Grund auf, insbesondere morgens, und sind sie dann mit Übelkeit und Erbrechen verbunden, wäre das ein Alarmzeichen. Es könnte ein erhöhter Hirndruck oder gar einen Hirntumor dahinterstecken.

Üblicherweise fragen Ärzte bei der Diagnosestellung auch: Leiden andere Familienmitglieder ebenfalls unter Kopfweh? Der Grund: Kopfschmerzen können „ansteckend“ wirken. Wenn andere Familienmitglieder über Kopfschmerzen klagen, verspüren Kinder vielleicht eher welche und berichten davon.

Was die weiterführende diagnostische Technik angeht, sind die Möglichkeiten begrenzt. Werden Sehstörungen als Auslöser vermutet, sollte eine augenärztliche Untersuchung erfolgen. Vielleicht braucht das Kind eine Brille. Bei Verdacht auf einen Tumor kann zudem eine Kernspintomographie (MRT) des Schädels erforderlich sein.

Ein beträchtliches Problem
Im Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) wurde 2007 erstmals die Häufigkeit von Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland systematisch erfasst.1 Sie rangieren bei Kindern im Alter von 3 bis 10 Jahren an zweiter Stelle, gleich hinter den Bauchschmerzen. Zwischen 11 und 17 Jahren steht der Kopfschmerz sogar auf Position eins der Beschwerden – sowohl was die Häufigkeit als auch die Intensität der Beschwerden betrifft. Mädchen sind etwas häufiger betroffen als Jungen, etwa im Verhältnis von 3:2.2

Was fördert Kopfschmerzen?
Eine Übersichtsarbeit zu möglichen Risikofaktoren4 unterteilt die Bereiche: Lebensstil, Schule, Psyche.

Was den Lebensstil betrifft, können zu wenig Bewegung – und bei Jugendlichen auch ­Koffein, Nikotin und Alkohol – Kopfschmerzen begünstigen. Auch Stress zu Hause und im Schulalltag kann eine Rolle spielen. Wenn Eltern zu hohe Erwartungen an die schulischen Erfolge ihrer Kinder stellen, kann das ebenfalls Beschwerden fördern. Auch psychische Probleme oder Misshandlungen können sich mit Kopfschmerzen äußern.

Kinder mit Spannungskopfschmerzen klagen häufig auch über Nackenschmerzen. Ob aber Verspannungen durch Fehlhal­tun­gen, etwa bedingt durch Schreib­tischarbeit oder Benutzung von Computern, Handys oder Smartphones, die Kopfschmerzen auslösen, ist nicht sicher. Eine häufige Ursache ist wirklich banal: Manchmal trinken Kinder einfach zu wenig. Oft gibt es allerdings keine erkennbaren Gründe für die Kopfschmerzen.

Schmerzmittel richtig anwenden
Bei der Selbstmedikation sollte man zurückhaltend sein. Und vor allem dürfen Kinder nicht einfach Schmerzmittel ihrer Eltern einnehmen, manche sind für sie nicht geeignet.
Wer Schmerzmittel einnimmt, sollte folgende Obergrenzen einhalten: nicht öfter als an zehn Tagen im Monat, nicht mehr als an drei Tagen hintereinander, pro Tag nie mehr als die empfohlene maximale Tagesdosis.7 Diese Regeln gelten auch für eine ärztlich begleitete Schmerzmedikation.

Was hilft?
Sind mögliche Auslöser für die Kopfschmerzen identifiziert, muss das Kind oder der Jugendliche diese möglichst meiden. Dabei sollten Eltern helfen.

Erfahrungen zeigen, dass bereits die Aufklärung über typische Ursache-Wirkung-Zusammenhänge für eine erfolgreiche Behandlung ganz wesentlich sein kann.4 Reichen aufklärende Gespräche nicht, nützen oftmals andere nichtmedikamentöse Verfahren wie Entspannungsübungen, Sport oder regelmäßige Zeiten ohne Verpflichtungen.

Hilft all das noch nicht, können Schmerzmittel angebracht sein. Lassen Sie diese von einem Arzt oder einer Ärztin verordnen – vor allem wenn die Ursachen für wiederkehrende Kopfschmerzen nicht klar sind. Erste Wahl ist Ibuprofen (siehe S. 12) in altersgerechter Dosierung, an zweiter Stelle wäre Paracetamol zu nennen. Ansonsten ist das medikamentöse Schmerzmanagement komplex und abhängig von der Art der Kopfschmerzen, ihrer Häufigkeit und Intensität.6,7

Fazit
Hinter Kopfschmerzen bei Kindern stecken nur selten bedrohliche Erkrankungen. Dennoch müssen die Beschwerden ernst genommen werden, denn sie sind sehr belastend. Auslöser sind vielgestaltig und finden sich zunehmend im stressigen Umfeld der Kinder. Darum müssen Eltern realisieren und Ärzte daran erinnern, dass bereits kleine Änderungen im Alltag Besserung bringen können. Ansonsten stehen nichtmedikamentöse und medikamentöse Therapieansätze zur Verfügung. Bei häufigeren oder von anderen Beschwerden begleiteten Kopfschmerzen sollten Sie mit Ihrem Kind ärztliche Hilfe suchen.

Schmerzmittel
GPSP 1/2008, S. 3


1    Ellert U u.a. (2007) Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz; 50, S. 711
2    Straube A u.a. (2013) Dtsch Arztebl Int; 110, S. 811
3    Ebinger F (2014) Kopfschmerzen, in: Hoffmann u.a. (Hrsg.) Pädiatrie, 4. Auflage, Berlin/Heidelberg: Springer, S. 1729
4   www.kinderkrebsregister.de/dkkr/ergebnisse/auswertungen-im-detail/hirntumoren.html (Abruf 26.1.2017)
5    z.B. www.deutsches-kinderschmerzzentrum.de/aerzte-und-therapeuten/frageboegen-und-tagebuecher/schmerztagebuecher/ und www.dmkg.de/patienten/dmkg-kopfschmerzkalender.html (Abruf 26.1.2017)
6    Evers S (2015) Nervenheilkunde; 8, S. 611
7    Pothmann R (2016) päd; 22, S. 266

Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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