Zum Inhalt springen
© Bet_Noire/iStock

Profite mit Krebsmedikamenten

Mit welchen Methoden die Pharmaindustrie versucht, Gewinne zu maximieren

Die Pharmaindustrie wird nicht müde, exorbitante Medikamentenpreise mit angeblich hohen Forschungskosten zu rechtfertigen. Sie verschweigt gerne, dass in den teuren Arzneimitteln viel öffentlich finanzierte Forschung steckt.

Für seltene Erkrankungen oder für Krebserkrankte aus ärmeren Ländern sind die Gewinnaussichten für die Pharmaindustrie oft zu niedrig, sodass sie sich eher wenig für die Entwicklung entsprechender Mittel interessiert.

Um Pharmafirmen zu motivieren, mehr in die Forschung für seltene Erkrankungen und solche mit einem ungedeckten medizinischen Bedarf zu investieren, wurden ihnen in den letzten zwanzig Jahren verschiedene Vergünstigungen eingeräumt. Die Hersteller haben sie jedoch auch häufig für die Entwicklung lukrativer Krebsmittel genutzt.

Wie die Pharmaindustrie versucht, Gewinne zu maximieren

In elf Jahren hat das Krebsmittel Pembrolizumab (Keytruda®) dem Pharmaunternehmen MSD einen Umsatz von 162,8 Milliarden US-Dollar beschert. Mit einem Jahresumsatz von 31,7 Milliarden lag Keytruda® 2025 weit oben im globalen Ranking der weltweit umsatzstärksten Arzneimittel. Die schweizerische Nichtregierungsorganisation (NGO) Public Eye hat akribisch nach Studien gesucht, die für den Wirkstoff durchgeführt und von MSD gesponsert wurden und festgestellt: Mit dem Krebsmedikament Pembrolizumab werden enorme Gewinne erzielt.

Kein Fortschritt, aber ein neues Patent

2028 läuft das Patent für Pembrolizumab aus, dann droht Konkurrenz. Doch MSD hat sich etwas einfallen lassen: Die Firma entwickelte eine neue Darreichungsform – ein Trick, mit dem man die Preise hochhalten kann. Statt einer ­Infusion wird der Wirkstoff unter die Haut gespritzt. Sie hat dafür ein neues Patent beantragt und kann damit den Preis noch für mehrere Jahre hoch halten. Pembrolizumab kostet in Deutschland über 80.000 Euro pro Jahr, in den USA rund das Doppelte.

Entwicklungskosten für Arzneimittel trägt oftmals die Öffentlichkeit

Die Pharmaindustrie begründet die enormen Preise für Arzneimittel mit eigenen hohen Forschungskosten, dabei steckt in den teuren Arzneimitteln viel öffentlich finanzierte Forschung. Unsere Redakteurin Claudia Wild war bis 2025 Leiterin des österreichischen Instituts für Health Technology Assessment in Wien und ist Expertin für Transparenz in der Arzneimittelforschung. Im Interview erklärt, wie die Pharmaindustrie Profit mit öffentlichen Mitteln macht.

Schnelle Zulassung von Krebsmedikamenten

Da sich die kommerzielle Pharmaforschung wegen geringerer Gewinnaussichten lange wenig für seltene Krankheiten interessiert hat, werden sie auch verwaiste Erkrankungen genannt (engl.: „Orphan Dis­eases“), entsprechende Medikamente heißen „Orphan Drugs“. Um die Pharmafirmen zu motivieren, mehr in die Forschung für seltene Erkrankungen und solche mit einem ungedeckten medizinischen Bedarf zu investieren, wurden ihnen in den letzten zwanzig Jahren verschiedene Vergünstigungen eingeräumt: Die Anforderungen an Wirksamkeitsnachweise sind niedriger, sie sind länger vor der Konkurrenz durch Mitbewerber geschützt. Entsprechend hat der Anteil der in der EU beschleunigt zugelassenen Medikamente in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Zwei von drei beschleunigt zugelassenen Arzneistoffen wurden für die Behandlung von Krebserkrankungen entwickelt und mehr als die Hälfte dieser Krebsmittel sind mittlerweile beschleunigt und/oder als „Orphan Drug“ zugelassen. Krebsmedikamente als Orphan Drugs sind teuer, trotz dünner Fakten.

Arme Länder werden Opfer fehlender Qualitätskontrolle

Der häufigste Krebs bei Kindern ist die akute lymphatische Leukämie (ALL). Der Wirkstoff Asparaginase bildet einen wichtigen Baustein der Therapie, die bei ausreichender Qualität das Leben der meisten Kinder retten kann. Zuerst fiel es 2017 in Brasilien auf: Kinder, die mit dem Asparaginase-haltigen Markenprodukt Leuginase behandelt wurden, wurden nicht wieder gesund, obwohl das erfahrungsgemäß möglich gewesen wäre. Laboruntersuchungen ergaben schließlich, dass das Krebsmedikament zu wenig Wirkstoff enthielt und zudem bakteriell verseucht war. 2018 untersagte das Gesundheitsministerium die Verwendung von Leuginase. Berichte über minderwertige Krebsmedikamente für Kinder im Globalen Süden häufen sich.

 

Mit dem Krebsmedikament Pembrolizumab werden enorme Gewinne erzielt