Lernen im Luxushotel – Extravagant oder angemessen?
Warum der FSA-Pharmakodex ein zahnloser Tiger ist
„Herzlich willkommen zum 16. Koserower Kolloquium für Nephrologie und den Usedomer Ärztetagen hier im wunderschönen Ostseebad Kölpinsee!“ hieß es in der Einladung des MVZ Usedom zu einer dreitägigen Fortbildung im 4-Sterne Superior Strandhotel Seerose Mitte März 2025, Teilnahme kostenlos.1
Wie heißt es so schön im freiwilligen FSA-Verhaltenskodex der Pharmaindustrie: „Die Auswahl des Tagungsortes (…) hat allein nach sachlichen Gesichtspunkten zu erfolgen. Ein solcher Grund ist beispielsweise nicht der Freizeitwert des Tagungsortes. Die Unternehmen sollen ferner Tagungsstätten vermeiden, die für ihren Unterhaltungswert bekannt sind oder als extravagant gelten.“2 Trifft alles auf das Hotel zu.
Zehn Mitgliedsunternehmen des FSA sponserten die Fortbildung trotzdem. Auf eine Beschwerde hin mahnte die FSA die Firmen ab. Drei Unternehmen wollen aber auch künftig nicht auf solches Sponsoring verzichten. Also ging das Verfahren in die 2. Instanz. Ergebnis: Passt schon.3 Auch der großzügige Wellnessbereich – klares Ausschlusskriterium laut FSA-Kodex – sei kein Problem, schließlich hätten das (zulässige) Businesshotels inzwischen auch schon. Von Anreizwirkung könne auch keine Rede sein: „Zu dieser Zeit würden auf Usedom typischerweise 7 Grad mit zahlreichen Regentagen herrschen. Etwaige auch bei dieser Kälte mögliche Freizeitaktivitäten hätten die Teilnehmer wegen des ganztägigen und eng getakteten Veranstaltungsprogramms und des frühen Sonnenuntergangs nicht wahrnehmen können.“ Ein Blick ins Programm zeigt erhebliche Freizeitlücken und wer sagt, dass jeder Vortrag fesselt? Fast 400.000 Besucher:innen finden Usedom jedenfalls im März attraktiv, so schlimm kann das mit dem Wetter also nicht sein.
Egal, dass das Hotel am Strand liegt, da der Tagungsort „sowohl an das Binnengewässer Achterwasser als auch an die Ostsee angrenzt.“ Das Verfahren gegen die Firmen wurde eingestellt. Zurück bleibt ein leicht brackiger Geruch.
Stand: 24. Juni 2026 – Gute Pillen – Schlechte Pillen 04/2026 / S.28