Ginkgo: Keine Hilfe bei Tinnitus
Laut Cochrane-Review lindern Extrakte die Beschwerden nicht
Wirksame Mittel gegen Tinnitus sind rar. Ginkgo-Präparate werden zwar vielfach beworben, ein Nutzen ist aber nicht nachgewiesen. Das bestätigt eine aktuelle Übersichtsarbeit.
Es rauscht, pfeift, brummt im Ohr – ohne, dass für andere tatsächlich ein Laut zu hören wäre. Solche Ohrgeräusche dauern manchmal nur ganz kurz, können aber auch länger anhalten. Wenn sie länger als drei Monate bestehen, sprechen Fachleute von „chronischem Tinnitus“. Die Beschwerden sind manchmal eher schwach, können in anderen Fällen aber die Lebensqualität der Betroffenen verschlechtern, gerade wenn dadurch die Konzentration oder der Schlaf leiden. Ursachen für einen Tinnitus gibt es viele. Oft ist es Lärm, der die Sinneszellen im Innenohr geschädigt hat. Manchmal lässt sich auch keine Ursache feststellen.
Allerdings gibt es bisher keine Behandlungsmöglichkeiten, die den Tinnitus beseitigen. Eine kognitive Verhaltenstherapie kann dabei unterstützen, mit der Belastung im Alltag besser zurecht zu kommen. Bei gleichzeitigem Hörverlust hilft ein Hörgerät.1
Symptome bessern sich nicht
Bisher ist es für kein Medikament belegt, dass es die Beschwerden bei Tinnitus wirksam lindert. Das gilt auch für die häufig beworbenen Ginkgo-Extrakte. Zu diesem Schluss kommt eine systematische Übersichtsarbeit, die das internationale Forschungsnetzwerk Cochrane im November 2022 veröffentlicht hat.2
Das Forschungsteam konnte zwar zwölf randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt knapp 2.000 Teilnehmenden finden. Die meisten verglichen ein Ginkgo-Präparat mit Placebo. Allerdings ließen sich daraus nur wenige Daten verwerten, weil die Studien nicht immer relevante Aspekte untersuchten.
Das Ergebnis der Zusammenfassung: Es fand sich kein Hinweis, dass Ginkgo über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten die Symptome oder die Lebensqualität im Vergleich zu Placebo verbessert. Auch zusätzlich zu einem Hörgerät zeigte sich kein Nutzen für Ginkgo.
Schwache Daten
Allerdings schien die Einnahme von Ginkgo ähnlich sicher zu sein wie die Scheinbehandlung: So traten weder mit Ginkgo noch mit Placebo schwere unerwünschte Wirkungen wie Blutungen auf. Weniger gravierende Probleme wie Magenbeschwerden waren in beiden Gruppen ähnlich häufig. Allerdings dauerten die Studien nur drei Monate, deshalb lassen sich daraus keine verlässlichen Rückschlüsse auf die langfristige Sicherheit ziehen.
Insgesamt ist die Studienlage eher dünn: Für alle Fragestellungen stehen jeweils nur wenige Daten zur Verfügung, zudem haben die meisten Studien methodische Schwächen. Möglicherweise sind auch nicht alle erhobenen Daten veröffentlicht. Das alles schränkt die Aussagekraft ein.
Ginkgo-Präparate weiter auf dem Markt
Der Cochrane-Review bestätigt die Einschätzung der europäischen Zulassungsbehörde EMA. Diese attestierte Ginkgo-Präparaten bereits vor einigen Jahren, dass der Nutzen bei Tinnitus nicht ausreichend belegt ist. In Deutschland gibt es trotzdem entsprechende Präparate, sie sind bereits seit vielen Jahren auf dem Markt und genießen Bestandsschutz.
Wer trotz der fehlenden Nutzenbelege bei Tinnitus ein Ginkgo-Präparat einnehmen will, sollte auf mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten achten. So kann in Kombination mit Blutverdünnern das Risiko für Blutungen steigen.
Stand: 2. März 2023 – Gute Pillen – Schlechte Pillen 02/2023 / S.18