Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2020 / 03 S. 27

Gepanschtes:

Internationale Zusammenarbeit von Behörden überfällig

© Annika Ucke

Wegen starker unerwünschter Wirkungen, die mit einem angeblich rein pflanzlichen Tee in Verbindung gebracht wurden, ließ das Schweizerische Arzneimittelinstitut Swissmedic Tees im Labor überprüfen. Jetzt warnt die Behörde „dringlich vor der Einnahme der Schlankheitsprodukte Esillaa und Alpiflor Tee“.1

Die Teebeutel enthielten keinen pflanzlichen Tee, sondern „stattdessen ein weißes Pulver und verschiedene verbotene nicht deklarierte synthetische Arzneistoffe“, darunter den Appetithemmer Sibutramin. Dieser wurde bereits vor zehn Jahren wegen Herz-Kreislauf-Schädlichkeit aus dem Handel gezogen (GPSP 2/2010, S. 8). In einzelnen Chargen wurden zudem der Erektionsförderer Sildenafil gefunden sowie Lidocain, das beispielsweise gegen bestimmte Herzrhythmus­störungen verwendet wird. „Bei Konsum von mehreren Beuteln am gleichen Tag können Lidocain und Sildenafil zu unerwünschten Wirkungen bis hin zu kardiovaskulären und respiratorischen Problemen sowie Krampfanfällen führen“,1 kommentiert Swissmedic. Der türkische Hersteller des „Tees“, Esillaa Ltd., behauptet auf Anfrage hingegen, von nichts zu wissen: Er enthalte keine gefährlichen Zutaten, und verursache „keine schwerwiegenden Nebenwirkungen“.2

Über derartige Panschereien berichtet GPSP seit nunmehr einem Dutzend Jahren in jeder Ausgabe. Und immer laufen die Panschereien nach dem gleichen Schema ab: Eine Behörde oder Verbraucherorganisation warnt – und nichts passiert. Die kriminellen Panscher, die mit ihren angeblich natürlichen Nahrungsergänzungsmitteln die Gesundheit, zum Teil sogar das Leben der Anwender gefährden, machen weiter wie zuvor. Allenfalls wird der Name des Produktes etwas verändert.

Beispielsweise sind Orgazen 3000, Orgazen 3500 und Orgazen 3580 bereits entlarvt worden, dass sie den Erektionsförderer Tadalafil enthalten (siehe GPSP -Datenbank Gepanschtes). Jetzt wurde in dem als „100% Natural“ angepriesenen Orgazen 5800 der Erektionsförderer Sildenafil nachgewiesen.3 Der Anbieter – und auch andere – können ihre Produktserien offensichtlich ungehindert fortsetzen.

So darf es nicht weitergehen. Angesichts des Grenzen überschreitenden Handels mit illegalen Nahrungsergänzungsmitteln sind nationale Behörden überfordert. Sie können die kriminellen Anbieter nicht stoppen. Eine effektive Kooperation der Behörden international erscheint überfällig, mit dem Ziel, die skrupellosen Firmen abzumahnen und – vor allem – strafrechtlich zu verfolgen. Panschereien von Nahrungsergänzungsmitteln mit gefährlichen Stoffen sind kein Kavaliersdelikt, sondern kriminelle Machenschaften. Deutsche Behörden schaffen es jedoch noch nicht einmal, Verbraucher vor den entlarvten Produkten regelmäßig zu warnen.

In den zwei Monaten seit der letzten Ausgabe von GPSP haben wir weitere illegale Produkte aufgespürt, erneut überwiegend gepanscht mit Erektionsförderern. Im Internet (www.gutepillen-schlechtepillen.de/heft-archiv/gepanschtes) finden Sie jetzt Näheres zu rund 2.200 illegalen Nahrungsergänzungsmitteln. Damit haben Sie Zugriff auf die weltweit umfangreichste öffentlich zugängliche Datenbank zu gepanschten Produkten. Doch auch diese zeigt leider nur die Spitze des Eisbergs, weil eine systematische behördliche Überprüfung der Qualität von Nahrungsergänzungsmitteln fehlt.


1 Swissmedic (2020) Update-Warnung vor den Abmagerungstees Esillaa und Alpiflor. Mitteilung vom 3. März www.a-turl.de/?k=osta
2 zitiert nach: Breitinger E.: Saldo 18/2019 www.a-turl.de/?k=alha
3 FDA (2020) Public Notification: OrgaZEN Gold 5800 contains hidden drug ingredient. 5. Feb.


Neu gefunden

Mit chemischen Potenzmitteln gepanscht

Produkt: auf der Packung nicht deklarierte Stoffe

Active Male Kapseln: Tadalafil
Dragon „Wolverine“: Sildenafil + Chloramphenicol
XXX Platinum WOODIE: Sildenafil + Tadalafil
Bow & Arrow Kapseln: Sildenafil
Performance Plus Kapseln: Sildenafil
Rhino: Tadalafil
2000 Ginseng Red: Sildenafil
Magnum XXL 25K: Tadalafil
OrgaZen Gold 5800: Sildenafil

Sildenafil ist der Wirkstoff des Arzneimittels Viagra® (auch in zahlreichen Generika erhältlich), Tadalafil wurde zuerst als Cialis® angeboten, inzwischen gibt es ebenfalls viele Generika. Die Panscherei von Nahrungsergänzungsmitteln mit nicht deklarierten – also verheimlichten – verschreibungspflichtigen Wirkstoffen gegen Erektionsstörungen ist besonders heimtückisch und kriminell. Sie können Verbraucher erheblich gefährden. Denn manche Menschen dürfen gerade solche chemischen Erektionsförderer nicht einnehmen. Dazu gehören Herzkranke, die gleichzeitig Nitropräparate wie Isosorbiddinitrat (ISDN) oder ähnliche Arzneimittel gegen Angina pectoris benötigen (GPSP 2/2013, S. 4 – http://www.gutepillen-schlechtepillen.de/angina-pectoris/). In Kombination mit einem chemischen Erektionsförderer wie Sildenafil kann der Blutdruck lebensbedrohlich abfallen. Vor allem wer aus medizinischen Gründen chemische Erektionsförderer meiden muss, erhofft sich jedoch möglicherweise Hilfe von den als harmlos beworbenen Nahrungsergänzungsmitteln und ist unwissentlich gefährdet, wenn er an ein gepanschtes Produkt gerät.

Bei Chloramphenicol handelt es sich um ein schlecht verträgliches Antibiotikum, das in den 1950er Jahren auf den Markt gebracht worden und seit 2006 in Deutschland nicht mehr zum Einnehmen im Handel ist. Vor allem Blutschädigung ist als unerwünschte Folge der Einnahme gefürchtet. Mit Chloramphenicol gepanschte Nahrungsergänzungsmittel sind bedenklich, eine Kombination von Chloramphenicol plus Erektionsförderer – wie bei Überprüfung von Dragon „Wolverine“ im Labor entdeckt – ist zudem schlichtweg unsinnig.


Mit chemischem Appetithemmer gepanscht

Produkt: auf der Packung nicht deklarierte Stoffe

Alpiflor Abmagerungstee: Sibutramin
Esillaa Abmagerungstee: Sibutramin + (in einzelnen Chargen) Sildenafil + Lidocain

Sibutramin  war 1999 bis 2010 als verschreibungspflichtiges Arzneimittel Reductil® im Handel. Dann musste es – längst überfällig – weltweit wegen seines Herz-Kreislauf-schädigenden Potenzials aus dem Handel gezogen werden (GPSP 2/2010, S. 8 – http://www.gutepillen-schlechtepillen.de/kurz-und-knapp-endlich-sibutramin-reductil-vom-markt/). Sibutramin kann den Blutdruck und die Herzschlagrate erhöhen und gefährdet vor allem Menschen mit koronarer Herzkrankheit (Angina pectoris), Herzrhythmusstörungen oder Schlaganfall in der Vorgeschichte. Es drohen Herzinfarkt, Herzstillstand, Schlaganfall u.a. Auch wenn gleichzeitig bestimmte andere Medikamente eingenommen werden, sind lebensbedrohliche Folgen möglich.

Lidocain wird beispielsweise als örtlich betäubendes Mittel (Lokalanästhetikum) verwendet oder gegen bestimmte Herzrhythmusstörungen eingenommen. Unter anderem weil Lidocain selbst Herzrhythmusstörungen auslösen kann, wird es heute nur noch selten in diesem Anwendungsbereich verwendet. Magen-Darm-Störungen, Übelkeit und Erbrechen oder Benommenheit sind häufige dosisabhängige unerwünschte Wirkungen. Appetithemmend wirkt Lidocain ebenso wenig wie der ebenfalls in den angeblichen Kräutermitteln enthaltene Erektionsförderer Sildenafil (Weiteres hierzu siehe weiter oben).


Mit chemischem Schmerzmittel/Entzündungshemmer gepanscht

Produkt: auf der Packung nicht deklarierte Stoffe

RMFLEX: Diclofenac

Diclofenac ist ein Schmerz- und Rheumamittel, das – abhängig vom Verwendungszweck und von der empfohlenen Dosis – rezeptfrei oder verschreibungspflichtig angeboten wird. Gepanschte sogenannte Nahrungsergänzungsmittel, die Diclofenac ohne Deklaration enthalten, gefährden die Anwender, vor allem solche, die Diclofenac aus medizinischen Gründen meiden müssen und vielleicht gerade deshalb zu einem angeblich harmlosen Nahrungsergänzungsmittel greifen. Diclofenac kann im Magen-Darm-Trakt Reizungen, Schmerzen, Blutungen, Geschwüre und selten sogar auch tödlich endende Perforationen auslösen. Auch Herzkranke können gefährdet sein. Die Risiken steigen, wenn gleichzeitig Arzneimittel eingenommen werden, die – wie Diclofenac – aus der Gruppe der nichtsteroidalen Entzündungshemmer stammen.



Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.


Titelbild dieser Ausgabe


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