IGeL: Manchmal mehr Schaden als Nutzen
Mehr junge Menschen nutzen individuelle Gesundheitsleistungen
25 Jahre nach Einführung der individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) gibt es zwar klare Regeln für Angebote, die Patient:innen in der Arztpraxis selbst zahlen müssen. In der Praxis sieht es aber oft anders aus. Zu diesem Ergebnis kommt der IGeL-Report 2023, den der Medizinische Dienst Bund erstellen ließ.1 Dabei gaben in einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage knapp 6.000 gesetzlich Versicherte zwischen 20 und 69 Jahren Auskunft.
Rechte wenig bekannt
Nur ein Bruchteil der Befragten wusste aber, dass es solche Regeln gibt. Und diese befolgen die Arztpraxen wohl nicht immer: Fast jeder Fünfte gab an, dass die Behandlung mit einer Kassenleistung vom Kauf einer IGeL abhängig gemacht wurde. Etliche berichteten darüber, dass sie zeitlich unter Druck gesetzt wurden, sich für die IGeL zu entscheiden. Beides ist nicht zulässig.
Immerhin drei Viertel gaben an, dass Arzt oder Ärztin über den Nutzen informiert haben. Aber nur gut die Hälfte hat auch Informationen zu Risiken erhalten.
Wenn Schaden überwiegt
Einige IGeL können durchaus handfeste Nachteile haben. Dazu gehört die Leistung, die laut IGeL-Report am häufigsten angeboten wird: der Ultraschall zur Krebsfrüherkennung der Eierstöcke und der Gebärmutter. Ein Nutzen ist aber nicht belegt. Auch gibt es viele falsch-positive Ergebnisse, die psychische Belastungen und unnötige weitere Untersuchungen und Operationen nach sich ziehen können. Deshalb raten auch die ärztlichen Leitlinien seit Jahren von dieser Früherkennung ab.
Jüngere im Fokus
Die Ultraschall-Untersuchung wird besonders häufig jüngeren Frauen angeboten, obwohl am häufigsten Frauen nach der Menopause an diesen beiden Krebsarten erkranken. Dass Selbstzahlerleistungen zunehmend von Menschen unter 50 Jahren in Anspruch genommen werden, ist laut IGeL-Report eine neue Entwicklung.
Jüngere Menschen scheinen IGeL gegenüber positiver eingestellt zu sein als ältere. Allerdings war die positive Einstellung nicht der Hauptgrund, warum die IGeL verkauft wurden: Rund 80 Prozent der Befragten gaben an, dass sie nicht aktiv nach den Leistungen gefragt haben, sondern Arzt oder Ärztin sie von sich aus angeboten haben.
Finanziell lukrativ
Der IGeL-Report beobachtete weitere neue Entwicklungen: Zunehmend bieten Praxen Pauschal- und Kombi-Angebote an, bei denen mehrere Leistungen im Paket günstiger werden. Wie viel Menschen für IGeL ausgeben, kann individuell sehr unterschiedlich sein: Etwa 40 Prozent gaben an, weniger als 50 Euro pro Jahr für IGeL aufzuwenden, allerdings waren es bei weiteren 40 Prozent bis zu 250 Euro. In Einzelfällen zahlten Patient:innen 1000 Euro und mehr.
IGeL-Unwesen
Der Vorstandsvorsitzende des Medizinischen Dienstes Bund fand bei der Vorstellung des IGeL-Reports bemerkenswert klare Worte: Der Umgang mit IGeL sei im Praxisalltag fragwürdig und widerspreche oft den geltenden Regeln. Besorgniserregend sei, dass selbst Leistungen, die schaden können, wider besseres Wissen weiter verkauft werden. Besonders im Hinblick auf die Ultraschalluntersuchungen zur Früherkennung in der Frauenarztpraxis stelle sich die Frage: Geht es hier noch um das Wohl der Patientinnen oder wird vor allem Kasse gemacht?
Stand: 30. Juni 2023 – Gute Pillen – Schlechte Pillen 04/2023 / S.06