Pseudoephedrin: Neue Risiken
EU-weite Untersuchung zu Mitteln gegen Erkältung und Heuschnupfen
Der Ausschuss für Risikobewertung bei der europäischen Zulassungsbehörde EMA hat im Februar 2023 ein neues Verfahren für Arzneimittel gestartet, die den Wirkstoff Pseudoephedrin enthalten.1 Die Neubewertung betrifft auf dem deutschen Markt mehr als 20 Produkte: Meist sind es Kombi-Erkältungsmittel, die außer Pseudoephedrin noch Ibuprofen, ASS oder Paracetamol enthalten.
Zwei Präparate sind bei Heuschnupfen zugelassen
Anlass für das Verfahren sind neue Erkenntnisse zu Gefahren: Pseudoephedrin kann die Blutgefäße verengen, die das Gehirn versorgen. Dadurch kann es zu Kopfschmerzen, Übelkeit und Krampfanfällen kommen. In Einzelfällen sind schwerwiegende oder sogar lebensbedrohliche Folgen möglich.
Frankreich war aufmerksam
Die möglichen Risiken sind der französischen Arzneimittelbehörde bei einer Routine-Überprüfung von Pseudoephedrin-haltigen Präparaten aufgefallen. In Datenbanken, die Meldungen von Nebenwirkungen sammeln und in der medizinischen Fachliteratur fanden sich entsprechende Hinweise bei Menschen, die außer der Einnahme von Pseudoephedrin keine anderen Risikofaktoren für Verengungen der hirnversorgenden Blutgefäße hatten. Die französische Arzneimittelbehörde weist darauf hin, dass die Medikamente mit solchen erheblichen Nebenwirkungen bei harmlosen Erkrankungen wie Erkältung oder Heuschnupfen eingesetzt werden, bei denen die Beschwerden meist nur für kurze Zeit bestehen. Das bedeute, dass Nutzen und Schaden in einem ungünstigen Verhältnis zueinander stehen.
Ähnliche Risiken bekannt
Der Verdacht auf diese Nebenwirkungen ist auch deshalb plausibel, weil sie sich mit dem bekannten Wirkungsmechanismus von Pseudoephedrin erklären lassen: Der Wirkstoff verengt Blutgefäße und verringert so die Durchblutung. In der Nase ist das bei Schnupfen erwünscht, weil dadurch die Schleimhaut abschwillt und Betroffene dann wieder leichter durch die Nase atmen können. Weil die Präparate mit Pseudoephedrin eingenommen werden, kann der Arzneistoff diese Wirkung aber grundsätzlich im gesamten Körper entfalten.
Aus diesem Grund gibt es auch jetzt schon Einschränkungen für Mittel mit Pseudoephedrin: So dürfen Menschen mit schwerer koronarer Herzkrankheit die Präparate nicht einnehmen, weil bei ihnen die Durchblutung des Herzens sowieso schon eingeschränkt ist. Gleiches gilt auch nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall, bei anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist Vorsicht geboten. Die Warnungen in den Produktinformationen sind bisher aber nicht einheitlich.
Was tun?
GPSP rät von Kombi-Erkältungsmitteln seit langem ab. Bei starken Beschwerden ist es sinnvoller, je nach Symptom gezielt ein Einzelmittel zu nutzen, etwa ein Medikament zum Fiebersenken oder ein abschwellendes Nasenspray. Pseudoephedrin ist bei Erkältung und Heuschnupfen entbehrlich – das gilt angesichts der neu erkannten Risiken umso mehr.
Stand: 5. Mai 2023 – Gute Pillen – Schlechte Pillen 03/2023 / S.21