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Medikamente zum Abnehmen: Eine Horrorshow

Die Risiken der Appetitzügler

Bereits 1930 kam ein Medikament auf den Markt, das schnelle Hilfe beim Abnehmen versprach. Viele weitere folgten. Statt nachhaltigem Nutzen zeigten sich jedoch vor allem beträchtliche Risiken.

Anfang der 1960er Jahre erschütterte ein Arzneimittelskandal die deutsche Öffentlichkeit: die Contergan-Katastrophe. Doch schon einige Jahre später gab es den nächsten: die Menocil-Affäre. Unter diesem Handelsnamen war der von dem Aufputschmittel Amphetamin abgeleitete Wirkstoff Aminorex als Appetitzügler in Deutschland und anderen Ländern erhältlich. Unter den damals laxen Zulassungsbedingungen war das Medikament aber nur unzureichend getestet worden.1 Zum Vergleich: In den USA hatte die zuständige Behörde FDA Aminorex und übrigens auch vielen anderen Appetitzüglern die Zulassung verweigert.

Nebenwirkung: Schwere Krankheit und Tod

Anfang 1968 häuften sich Meldungen von Menschen, die unter der Einnahme des Appetithemmers Lungenhochdruck entwickelten. Dabei steigt der Druck im Blutkreislauf der Lunge gefährlich an, die Betroffenen entwickeln starke Luftnot. Plötzlich erkrankten epidemieartig 1.000 Menschen in Deutschland daran, nachdem sie Aminorex-haltige Mittel genommen hatten. Die durchschnittliche Überlebenszeit lag bei nur dreieinhalb Jahren.

In Österreich und der Schweiz wurde das Mittel bereits Anfang Oktober 1971 vom Markt genommen. In Deutschland sollte es noch zwei Monate länger dauern.

Dabei spielten auch industrie­freundliche hochrangige Ärzte­funktionär:innen2 eine unrühmliche Rolle.3 Ihre Gespräche mit dem Menocil-Anbieter sollten drei Jahre später die Staatsanwaltschaft beschäftigen. Im Gerichtsprozess wurde klar: Die Funktionär:innen hatten den Anbieter dabei unterstützt, Informationen zu den Risiken des Medikaments gegenüber Ärzt:innen und Apotheker:innen zu verschleiern.

Weitere problematische Medikamente

Obwohl schon seit den 1970er Jahren erhebliche Risiken der Appetitzügler auf Amphetamin-Basis bekannt waren, wurden immer wieder Medikamente mit ähnlichen Wirkstoffen zugelassen. Wurden Medikamente wegen Nebenwirkungen vom Markt genommen, änderten die Hersteller zwar die Zusammensetzung ihres Präparats. Für Verbraucher:innen war das aber oft nicht erkennbar, weil das Packungsbild und die Handelsnamen nahezu unverändert blieben. Und die neuen Präparate enthielten zwar andere, aber ähnlich bedenkliche Wirkstoffe.4

Neuer – aber nicht sicherer

Arzneimittelrisiken setzten sich aber auch bei neueren Wirkstoffen fort: So wurde 1999 trotz fehlender Langzeitstudien das ebenfalls mit Amphetamin verwandte Sibutramin zugelassen, bei dem sich bald herausstellte, dass es das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöhte. Es wurde erst 2010 verboten.

Auch Wirkstoffe aus anderen Arzneimittelklassen, die zur Gewichtsreduktion entwickelt wurden, mussten später wegen Gesundheitsrisiken wieder vom Markt genommen werden. Dazu gehörte etwa Rimonabant, bei dem sich herausstellte, dass der Wirkstoff das Risiko für Suizide erhöht.

Erfolgreiche Verzögerungstaktik

Trotz nachweislicher Risiken behaupteten die Hersteller schon seit den 1930er Jahren, als der erste Appetitzügler D-Norpseudoephedrin (Alvalin) auf den Markt kam, etwas ganz anderes: Die Appetitzügler könnten demnach die negativen Auswirkungen von Übergewicht auf das Herz-Kreislauf-System reduzieren. Belege dafür gab es aber nie.

Stattdessen wiederholte sich die Strategie der Anbieter: 1968 setzte Cilag Chemie, der Menocil-Anbieter, nach ersten Hinweisen auf schwere Nebenwirkungen alles daran, das Mittel auf dem Markt zu halten. Auch andere Anbieter verzögerten behördliche Sicherheitsmaßnahmen. So hob zum Beispiel 2003 der Europäische Gerichtshof aus formaljuristischen Gründen eine Entscheidung der EU-Kommission auf, zwei amphetaminhaltigen Appetithemmern die Zulassung zu entziehen. In anderen Fällen klagten Anbieter gegen Behörden, die im Rahmen der Nachzulassung wegen fehlender Nutzenbelege die Mittel vom Markt nehmen wollten. Solange solche Rechtsstreitigkeiten noch laufen, bleiben die Mittel weiter erhältlich.

Bis zu spürbaren Veränderungen vergeht oft viel Zeit: So konnte die EU-Kommission die Zulassung von Medikamenten mit dem Wirkstoff Amfepramon erst nach 60 Jahren widerrufen, D-Norpseudoephedrin blieb trotz lange bekannter Risiken gar 90 Jahre auf dem Markt. Das Kapitel Appetitzügler ist damit aber noch nicht abgeschlossen: Denn einige der Wirkstoffe sind immer noch illegal in gepanschten Nahrungsergänzungsmitteln enthalten.

Bessere „Fett-Weg-Spritze“?

Seit einiger Zeit sorgt ein neuer Wirk­stoff für Schlag­zeilen: Sema­glutid. Er wurde ursprünglich für Typ-2-Diabetes eingesetzt, ist inzwischen aber auch zur Gewichtsreduktion bei starkem Übergewicht zugelassen. Für dieses Anwendungsgebiet ist es in Deutschland aber noch nicht auf dem Markt. In Studien bei Menschen mit Diabetes zeigte sich trotz einiger anderer unerwünschter Wirkungen anders als bei den Appetitzüglern bisher kein negativer Effekt auf das Herz-Kreislauf-System. Bei Übergewicht wird Semaglutid allerdings in einer höheren Dosis angewendet. In diesem Anwendungsgebiet sind längere Studien noch nicht abgeschlossen. Dabei muss sich zeigen, ob Semaglutid langfristig sicher ist und ob sich die erreichte Gewichtsreduktion halten lässt.5,6

Ungeachtet dessen wird die „Fett-Weg-Spritze“ auf der Kurzvideo-Plattform TikTok als risikoloses Wundermittel für alle Abnehmwilligen angepriesen. Auf Twitter propagierte Elon Musk das Medikament. Was dabei unerwähnt bleibt: An leicht übergewichtigen Menschen wurde das Mittel nicht getestet. Eine Folge hat der Hype bereits: Weltweit kam der Anbieter aufgrund der gesteigerten Nachfrage mit der Produk­tion nicht hinterher. Deshalb wurde das Mittel für Menschen mit Typ-2-Diabetes knapp.7

Mit gefährlichen Wirkstoffen gepanschte Produkte finden Sie in unserer Datenbank „Gepanschtes“:
https://gutepillen-schlechtepillen.de/gepanschtes

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– Gute Pillen – Schlechte Pillen 03/2023 / S.16