Gesundheit im Internet: Helfen Google und YouTube Health?
Neue Initiativen bieten keine echte Orientierung
Gerade in der Pandemie wurde das Problem sichtbar: Plattformen und Suchmaschinen haben massiv dazu beigetragen, dass sich Fehlinformationen rund um Corona rasant verbreiten konnten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sprach sogar von einer „Infodemie“. Dadurch sind die Internet-Konzerne unter Druck geraten.1
Deshalb hat Google zwei Initiativen gestartet, die Nutzer:innen helfen sollen, die Seriosität von Quellen einzuschätzen. Bereits seit Oktober 2022 gibt es in Deutschland bei der Google-Suche für alle Treffer die Funktion „Informationen zu diesem Ergebnis“, seit Ende Februar 2023 speziell für Gesundheitsthemen ein Qualitätssiegel für Videos auf YouTube („YouTube Health“). Aber wie gut helfen diese Optionen, verlässliche und fragwürdige Anbieter von Gesundheitsinformationen zu unterscheiden?
Suche mit mehr Kontext
Die Google-Funktion „Informationen zu diesem Ergebnis“ öffnet sich, wenn man nach einer Suchanfrage auf die drei senkrechten Punkte hinter einem Treffer klickt. Hier gibt es eine erste kurze Einordnung, etwa seit wann Google die Website kennt oder je nach Anbieter auch ein Ausschnitt und Link zum entsprechenden Wikipedia-Eintrag. Wer auf „Mehr über diese Seite“ klickt, findet Auszüge aus der Eigendarstellung des Anbieters und Links zu Websites, die auf den Anbieter verweisen. Das soll bei der Einordnung helfen und ein Indiz für das Renommee des Anbieters sein. Außerdem blendet Google Websites zu ähnlichen Themen ein. Durch den Vergleich sollen Google-Nutzer:innen die Inhalte des angeklickten Treffers besser einschätzen können.
Keine ausreichende Einordnung
Ein Praxistest verläuft allerdings weniger zufriedenstellend (siehe unten): Der erste Treffer zu der Suchanfrage „Mannose Blasenentzündung“ enthält einen Textausschnitt, von dem Google vermutet, dass er die Suchanfrage besonders gut beantwortet (hervorgehobenes Snippet).

Das scheitert hier, denn der Text suggeriert eine Wirksamkeit von Mannose. Dass dafür gute Belege fehlen, wird nicht erwähnt. Kein Wunder: Denn die dazugehörige Website ist eine Pharma-Information. Das merkt ein kritischer menschlicher Blick recht schnell, Google führt aber erst einmal auf die falsche Fährte: So weist die Infobox darauf hin, dass es sich um ein Suchergebnis, nicht um eine Anzeige handele. Das ist in der Google-Logik zwar korrekt, weil es keine bei Google gekaufte Anzeige ist. Eine unabhängige Information ist der Treffer trotzdem nicht, sondern eindeutig die werbende Seite eines Anbieters von Mannose.
Im Vergleich zu was?
Auch das Konzept der Vergleichsseiten geht nicht immer auf. In unserem Beispiel2 (siehe unten) listet Google: eine umstrittene Gesundheitsseite, die die Verbraucherzentrale wegen mangelhafter Objektivität und fehlender Transparenz über die eigenen Verkaufsinteressen negativ beurteilt hat, ein Portal zum Bestellen von Medikamenten im Netz sowie einen Konkurrenten des Mannose-Anbieters. Hier werden wohl eher keine objektiven Bewertungen zu finden sein. Damit lässt sich auch die Vertrauenswürdigkeit des eigentlichen Treffers nicht unabhängig beurteilen.

Wie sucht Google die Vergleichsseiten aus? In den Erläuterungen zur Funktion heißt es: „Je nach Thema können diese Ergebnisse eine Kombination aus Nachrichtenartikeln, wissenschaftlichen Studien, umfassenden Recherchen oder Shopping-Websites enthalten.“ Dass das keine gleichwertigen Quellen sind, liegt auf der Hand.
YouTube Health für Gesundheitsvideos
„YouTube Health“ hebt bei Videos zu Gesundheitsthemen Quellen besonders hervor, die nach den YouTube-Kriterien als verlässlich eingestuft sind. Unter solchen Videos sehen Nutzer:innen einen Kasten, der die Quelle einordnet, etwa bei Videos der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung den Hinweis „Von einer staatlichen Gesundheitsbehörde“.
Daneben können sich weitere Organisationen oder einzelne Personen akkreditieren lassen. Dazu muss ein Anbieter nachweisen, dass er entweder selbst eine Gesundheitsfachperson ist oder dass eine solche Gesundheitsfachperson die von der Organisation produzierten Videos kontrolliert. Außerdem verlangt YouTube unter anderem eine Bestätigung, dass die Informationen bestimmten Kriterien entsprechen und keine Produktwerbung enthalten.
Unzureichende Kriterien
Die Kriterien für glaubwürdige Quellen von Gesundheitsinformationen in Social Media hat eine US-amerikanische Arbeitsgruppe unter Beteiligung der National Academy of Medicine und der WHO entwickelt. Viele der Prinzipien finden sich auch in anerkannten Kriterien für gute Gesundheitsinformationen wieder, an denen sich auch Gute Pillen – Schlechte Pillen orientiert: zum Beispiel, dass die Anbieter Unsicherheit im medizinischen Wissen benennen, valide Quellen nutzen und verlinken und den Stand der Information angeben sollten. Auch sollten die Anbieter Werbung und redaktionelle Inhalte klar trennen und Interessenkonflikte deklarieren.
Wer prüft?
Soweit die Theorie. Aber wie sieht die Qualitätsprüfung bei YouTube Health aus? Sie besteht zunächst aus der Eigenbestätigung des Anbieters, dass die Gesundheitsinformationen „nach bestem Wissen und Gewissen erstellt wurden, um wissenschaftlich fundiert, objektiv, transparent, rechenschaftspflichtig, inklusiv und gerecht zu sein“. Allerdings finden sich an keiner Stelle Anforderungen an die Qualitätssicherung, etwa dass ein Methodenpapier vorliegen muss oder dass es in Institutionen einen Review-Prozess geben soll. Auch müssen Anbieter ihre Interessenkonflikte nicht im Antragsformular angeben. Angeblich gibt es eine Überprüfung des Anbieters und der Videos durch YouTube, die in regelmäßigen Abständen wiederholt wird.

Fazit: Hilft wenig
Wie die Prüfung genau aussieht, ist nicht bekannt – aber vermutlich fällt sie nicht allzu streng aus. Das würde erklären, warum sich bei den als verlässlich gekennzeichneten Anbietern ein breites Spektrum von sehr unterschiedlicher Qualität tummelt: Von Anbietern mit qualitätsgesicherten Inhalten über Influencer:innen, die durch Kooperationen mit Pharmaherstellern aufgefallen sind, bis hin zu Kanälen, deren Produzenten wegen haltloser Gesundheitsversprechen bereits abgemahnt wurden.
Um seriöse Quellen zu erkennen, helfen die neuen Funktionen von Google und YouTube Health also nicht wirklich. Bleibt also weiter nur die Option, Gesundheitsinformationen von Quellen zu beziehen, die bekanntermaßen qualitätsgesichert arbeiten – zum Beispiel Gute Pillen – Schlechte Pillen.
Stand: 30. Juni 2023 – Gute Pillen – Schlechte Pillen 04/2023 / S.20