Focus-Ärzteliste: Was sind Top-Mediziner?
Gericht stuft Ärzte-Siegel als irreführend ein
Seit mehr als 20 Jahren verleiht das Magazin FOCUS das Siegel „TOP-Mediziner“. Das Ärztesiegel soll Mediziner:innen auszeichnen, die angeblich herausragend sind. Das Landgericht München I hat der Werbung mit diesem und einem anderen Siegel, das auf der Ärzteliste von FOCUS Gesundheit basiert, nun einen Riegel vorgeschoben.1
In der Begründung heißt es, die Ärztesiegel seien irreführend, weil ihnen keine sachgerechte Prüfung nach objektiv nachvollziehbaren Kriterien zugrunde liege. Das Gericht beanstandete besonders, dass die vermeintlichen Bestenlisten auf subjektiven Elementen wie etwa Empfehlungen von Kolleg:innen beruhten.
Wie der Burda-Verlag „TOP-Mediziner“ kürt
Nach Daten der Bundesärztekammer gibt es in Deutschland etwa 416.000 berufstätige Ärztinnen und Ärzte. Der im Burda-Verlag erscheinende FOCUS identifizierte daraus zusammen mit FactField eine Gruppe von 75.000 besonders qualifizierten Mediziner:innen – also solche, die etwa habilitiert oder Chefärzt:in sind oder andere Ärzt:innen weiterbilden dürfen. FactField nennt sich selbst Recherche-Institut und gehört ebenfalls zu Burda.2
Diese Auswahl grenzen die Redaktionen von FOCUS und FactField weiter ein. Dafür berücksichtigen sie beispielsweise wissenschaftliche Veröffentlichungen und Qualifikationen, etwa wie viele Facharzt-Titel die Mediziner:innen tragen. So bleiben noch rund 30.000 potenzielle Kandidat:innen für die spätere Bestenliste übrig.3,4
Und jetzt wird es spannend: Die Auserwählten werden vom Verlag angeschrieben. Sie erhalten einen Fragebogen und können darin „ihr Engagement in Wissenschaft, Lehre und Forschung“ angeben. Außerdem können sie Kolleg:innen aller Fachbereiche empfehlen, von denen sie sich selbst behandeln lassen würden.
Die gesammelten Informationen ordnet FactField den fünf Empfehlungskriterien Behandlungsleistung, Qualifikation, wissenschaftliches Engagement, Patientenservice und Reputation zu und errechnet daraus für jede:n Mediziner:in eine Gesamtpunktzahl. Mit dieser stellt FOCUS die Liste der „TOP-Mediziner“ zusammen, auf der aktuell rund 4.200 Behandelnde aus 122 Fachbereichen stehen.
Wenig Rücklauf
Dieses methodische Vorgehen wirft Fragen auf – zum Beispiel nach der Zahl der Ärzt:innen, die überhaupt auf das Anschreiben mit einer Selbstauskunft reagierten. Nach öffentlichen Angaben des FOCUS lieferten die Befragungen 26.319 „Ärzteempfehlungen durch qualifizierte Mediziner“.
Es wurden dabei laut FactField die Empfehlungen aus zwei Jahren von jeweils etwa 5.600 Befragten verwendet. Pro Jahr hat demnach nur etwa jede:r fünfte Kandidat:in auf das Anschreiben des FOCUS reagiert.
Von den 5.600 Auskunftswilligen landeten über 3.000 selbst auf der TOP-Mediziner-Liste. Wie viel dies damit zu tun hat, dass die Kandidat:innen neben den Auskünften gleichzeitig auch ihr Interesse an einer kostenpflichtigen Siegel-Lizenz kundtaten, bleibt ein Geheimnis. Laut Burda-Verlag erhielten immerhin über 1.000 Ärzt:innen die „Auszeichnung”, ohne dass dies auf eine Auskunft in eigener Sache zurückzuführen war.
Dieser Beitrag ist die gekürzte Fassung eines Artikels, der zuerst bei MedWatch veröffentlicht wurde: https://medwatch.de/weitere-artikel/aerztesiegel-behandlungsqualitaet-mit-brief-und-siegel (Abruf 14.4.2023)
Stand: 30. Juni 2023 – Gute Pillen – Schlechte Pillen 04/2023 / S.24