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© Elena Medocs_iStock

Extraportion Eiweiß gefällig?

Warum High-Protein-Produkte Geldverschwendung sind

Lebensmittel mit hohem Gehalt an Protein sind im Trend. „High Protein“ leuchtet in trendigem Weiß auf Schwarz aus der Kühltheke mit den Milchprodukten. „Proteinquelle“ steht auf Chips aus Linsen. Schokoriegel gibt es „reich an Protein“. Einen gesundheitlichen Nutzen haben High-Protein-Produkte aber nicht.

Bis in die 2010er-Jahre gab es Proteinprodukte wie Pulver, Shakes und Riegel fast nur in Fitnessstudios oder im Fachhandel für Leistungssport und Bodybuilding. Mittlerweile hat der Proteintrend die Lebensmittelgeschäfte erreicht. Es gibt Eiweißbrot, Proteinmüsli, High-Protein-Pudding und Proteineis. Auch bei Fertiggerichten, Nudeln, Chips und Süßigkeiten gibt es Produkte, für die Hersteller mit „Protein“ werben.

Marketingerfolg der Lebensmittelindustrie

Die Rolle von Fetten, Kohlenhydraten und Proteinen für eine gesundheitsfördernde Ernährung ist seit Jahrzehnten in der Diskussion. Sie ist nicht nur Inhalt von Studien, sondern es entstehen auch immer wieder neue Ernährungstrends. Derzeit ist Protein angesagt. Es gilt als gesund, muskelaufbauend, sättigend und schlank machend.

Die Lebensmittelindustrie mischt kräftig mit: Hersteller loben an sich proteinreiche Lebensmittel wie Quark als „Proteinquelle“ aus. Als neuere eiweißreiche Lebensmittel kamen seit 2015 Skyr (Frischkäsezubereitung aus entrahmter und fermentierter Milch), Nudeln aus Hülsenfrüchten wie Linsen und Erbsen sowie Produkte aus Insekten und Algen auf den Markt. Daneben kreieren Hersteller neue Produkte, indem sie zum Beispiel bei Fertiggerichten Zutaten mit hohen Proteingehalten kombinieren oder verarbeiteten Lebensmitteln – zum Beispiel Brot – Proteinkonzentrate, etwa aus Weizen, Soja oder Lupinen, zusetzen.

Das Marketing der Hersteller richtet sich an die breite Masse gesundheitsbewusster, alltagsaktiver Erwachsener. Ihnen werden Proteinerzeugnisse als Lifestyle-Produkte verkauft, die „Genuss ohne Reue“ versprechen. Mit Erfolg: Zwischen 2013 und 2017 vervierfachte sich der Umsatz mit Eiweißprodukten. Und 54 % der Verbraucher:innen sind bereit, dafür mehr zu bezahlen. Das müssen sie auch: Mit „Protein“ beworbene Produkte können bis zu dreimal teurer sein als herkömmliche Lebensmittel.2

Flop für die Gesundheit

Einzelne der Trendprodukte können sinnvolle zusätzliche Alternativen für bestimmte Gruppen sein. Zum Beispiel Nudeln oder Mehl aus Hülsenfrüchten für Menschen mit Zöliakie (Glutenunverträglichkeit).

Als Proteinquelle für die breite Masse sind High-Protein-Produkte jedoch überflüssig. In Deutschland sind die Menschen gut mit Eiweiß versorgt: Die durchschnittliche Zufuhr liegt bei Männern bei 80 g und bei Frauen bei 60 g pro Tag4 und damit über der von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlenen Menge.3 Menschen, die einen höheren Proteinbedarf haben, also männliche Jugendliche, Schwangere, Stillende, über 65-Jährige und Leistungssportler:innen (siehe Lexikon), werden vom Marketing der Hersteller meist nicht angesprochen. Doch selbst sie können über herkömmliche Lebensmittel genug Eiweiß bekommen.3

Wirkungen wie Muskelaufbau oder dauerhafte Gewichtsabnahme sind allein durch mehr Protein bei sonst unveränderter Ernährung und Bewegung nicht möglich.3

Bei Gesunden ist einerseits also kein Nutzen durch High-Protein-Produkte zu erwarten, andererseits auch kein gesundheitliches Risiko. Nur für Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion kann eine erhöhte Eiweißzufuhr problematisch sein, weil sie das Fortschreiten der Niereninsuffizienz fördern kann.5

Falsch-positives Image

Mit „Protein“ gelabelte Produkte erwecken den Eindruck, besonders „gesund“ zu sein. Laut Verbraucherschutzorganisationen können solche Proteinprodukte aber in Bezug auf Nährstoffgehalte, Zusatzstoffe und allergenes Potenzial (insbesondere wegen Sojaprotein) sogar schlechter zu bewerten sein als vergleichbare herkömmliche Produkte.2,6

Viele High-Protein-Produkte sind hochverarbeitete Lebensmittel. Sie entstehen in aufwendigen technologischen Prozessen aus billigen industriellen Zutaten, werden verlockend verpackt und intensiv vermarktet. Für Verbraucher:innen sind sie bequem (haltbar, verzehrfertig) und schmackhaft. Das Problem: Hochverarbeitetes verdrängt mehr und mehr frisch Zubereitetes und gering verarbeitete Lebensmittel von unseren Tellern. Das kann der Gesundheit der Menschen und unserem Planeten schaden.

Fazit

Es ist leicht, genug Eiweiß über herkömmliche, möglichst naturbelassene Lebensmittel zu essen. Dann sind hochverarbeitete, teurere Proteinprodukte überflüssig. Und Vorsicht bei Proteinlabeln auf Süßigkeiten und Co.: Eine Extraportion Protein macht Ungesundes nicht gesünder!

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– Gute Pillen – Schlechte Pillen 01/2022 / S.04