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© Jörg Schaaber

Blutdrucksenker besser abends einnehmen?

Neue Studie findet keinen Vorteil

Bei hohem Blutdruck ist es viel günstiger, die Medikamente am Abend einzunehmen – behauptete zumindest eine umstrittene spanische Studie. Eine große britische Untersuchung kann das nicht bestätigen.

Wann ist der beste Zeitpunkt, um Blutdrucksenker einzunehmen? Vor einigen Jahren hatten die Ergebnisse der großen spanischen HYGIA-Studie Aufsehen erregt: Danach soll die abendliche Einnahme von Blutdrucksenkern deutlich besser vor Herzinfarkten und Schlaganfällen schützen, als wenn die Mittel – wie üblich – morgens oder über den Tag verteilt eingenommen werden. Andere Wissenschaftler:innen hatten jedoch zahlreiche Ungereimtheiten in der Studie entdeckt. Sie gilt bis heute als umstritten. Gespannt wartete die Fachwelt deshalb auf die Ergebnisse weiterer Studien. Eine davon ist inzwischen abgeschlossen – und kann die spanische Studie nicht bestätigen.1

Tageszeit ist egal

An der neuen Studie waren mehr als 20.000 Patient:innen mit hohem Blutdruck in Großbritannien beteiligt, die regelmäßig mindestens einen Blutdrucksenker einnahmen. Nach dem Zufallsprinzip wurden sie auf zwei Gruppen verteilt. Die eine sollte die blutdrucksenkenden Medikamente morgens zwischen 6 und 10 Uhr einnehmen, die andere abends nach 20 Uhr. Wer als Blutdrucksenker ein Diuretikum einnahm, das die Urinausscheidung erhöht, konnte die Einnahme auf einen früheren Zeitpunkt am Abend oder doch den Morgen verschieben, wenn sonst zu viele nächtliche Toilettengänge nötig gewesen wären.

Über einen Zeitraum von etwa fünf Jahren zeigte sich kein wesentlicher Unterschied zwischen den Gruppen. Etwa gleich viele Teilnehmende starben durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder mussten wegen Herzinfarkt oder Schlaganfall ins Krankenhaus. Bei Einnahme der Medikamente am Abend war der Blutdruck morgens zwar niedriger als bei morgendlicher Einnahme, dafür aber abends höher. Die Patient:innen berichteten bei abendlicher Einnahme seltener über Schwindel oder Stürze als Nebenwirkung des gesenkten Blutdrucks, allerdings mussten sie häufiger zur Toilette.

Großer Effekt ausgeschlossen

Es zeigte sich aber auch, dass sich die abendliche Einnahme etwas schlechter durchhalten ließ als die morgendliche Einnahme. Dadurch könnte der beobachtete Effekt in der Gruppe mit der abendlichen Einnahme schlechter ausgefallen sein, als wenn sich alle zuverlässig an die vorgeschriebene Zeit gehalten hätten. Dass sich dann aber ein ähnlich großer Effekt gezeigt hätte wie in der spanischen Studie, ist auf der Basis dieser Daten eher unwahrscheinlich.

Besser weiter morgens einnehmen

Zwar zeigten sich in der Studie keine Gründe, die gegen eine abendliche Einnahme sprechen würden – wie etwa vermehrte Risiken. Gute Belege für einen höheren Nutzen liefert die Untersuchung aber nicht.

Das spricht nach Einschätzung des arznei-telegramm®1 nach wie vor nicht für eine generelle Um­stellung auf die abendliche Ein­nahme. Wenn Sie mit ihrer derzeitigen Einnahmezeit für Ihren Blutdrucksenker gut zurechtkommen, gibt es also wenig Anlass, etwas zu ändern.

Die abendliche Einnahme könnte höchstens für Menschen einen Vorteil bieten, denen wegen der Medikamente tagsüber schwindlig ist. Das könnten Sie in Rücksprache mit Arzt oder Ärztin im Einzelfall ausprobieren. Gute Daten gibt es für dieses Vorgehen aber nicht.

Weitere Erkenntnisse wird zukünftig hoffentlich eine kanadische Studie2 liefern, die die gleiche Fragestellung untersucht. Mit Ergebnissen ist aber nicht vor 2024 zu rechnen.

PDF-Download

– Gute Pillen – Schlechte Pillen 02/2023 / S.08