Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2008 / 03 S. 09

Kein Grund zur Panik

Wespen und Bienen im Anflug

Mit den Sonnenstrahlen im Frühjahr kommen die ersten Hummeln, Bienen, Hornissen, Wespen und andere Insekten – und vermehren sich den Sommer über prächtig. Was Obstbauern und Imker freut, ist für viele Menschen Anlass zur Panik. Die ist allerdings in der Regel unbegründet.

BienenstichHummeln stechen normalerweise nicht und auch die übrigen drei Hauptverdächtigen (Bienen, Wespen und Hornissen) machen dies meist nur in Notwehr. Sie stechen vor allem dann,

  • wenn sie etwa unter ein T-Shirt geflogen sind und dort plötzlich eingeklemmt werden oder keinen „Ausgang“ finden,
  • wenn Sie auf das Tierchen treten oder sich drauf setzen,
  • wenn Sie in den Obstkuchen beißen, auf dem sich gerade eine Wespe niedergelassen hat.

Bevor Insekten stechen, müssen sie logischerweise in unsere Nähe gekommen sein – oder wir in ihre. Das eine geschieht, wenn wir sie anlocken, etwa durch den Duft süßer Lebensmittel1 oder durch kosmetische Düfte wie Haargel, Shampoo, Lotion (siehe Tipps). Das andere ergibt sich, wenn wir uns etwa einem Bienenstock nähern oder eine Wespenkönigin entschieden hat, ganz in unserer Wohnnähe ein Nest zu bauen. Das wächst im Laufe des Sommers beträchtlich.2

Insektenstiche sind unangenehm, oft schmerzhaft und ganz selten sogar lebensbedrohlich. Dazu müsste ein Nicht-Allergiker allerdings 50 bis 200 mal gestochen werden.3 Wirklich gefährlich sind Stiche vor allem für Allergiker (siehe Kasten) und für Menschen, die beim Trinken oder Essen in Mund oder Rachen gestochen werden, so dass ihre Atemwege zuschwellen können.

Dieses Problem verursachen besonders häufig Wespen, die z.B. auf dem Eisbecher sitzen oder in ein Getränk gefallen sind. Doch gerade diese ­Stiche lassen sich im Prinzip verhindern, wenn Sie konsequent ein Auge auf das werfen, was Sie oder Ihre Kinder im Freien essen oder trinken.

HummelDass drei Hornissenstiche einen Erwachsenen töten können, ist ein Volksmärchen. Hornissengift ist weniger gefährlich als Wespen- oder Bienengift, und erst mehrere hundert Stiche können tödlich sein. In Sachen Insektenstich sind auch die Medien als Panikmacher bekannt und schüren bei diesem Thema gern die Emotionen. All dies führt leider zu Hektik, wenn Insekten anschwirren, und auch dazu, dass man um sich schlägt, um einen Plagegeist zu vertreiben. Das bewirkt aber genau das Gegenteil: Auch das Insekt fühlt sich bedroht und wehrt sich. 

Versuchen Sie lieber, das Tier zu beobachten, behalten Sie es im Auge und entfernen Sie sich ruhig – am besten in den Schatten, wenn es sich Ihnen immer wieder annähert. Völlig falsch ist, das Tierchen wegzupusten, denn das Kohlendioxid unserer Atemluft ist im Stock von Bienen und Co. eine Art Alarmsignal. Man vermutet, dass es ihre Angriffsbereitschaft erhöht.

Reaktionen auf Insektengifte sind meist auf die Einstichstelle begrenzt. Die Haut drum herum ist gerötet, geschwollen oder juckt. Man spricht von einer örtlichen, nicht allergischen Reaktion. Meist klingt die örtliche Schwellung nach zwei Stunden ab, aber die Stelle kann noch am Tag darauf dick und verhärtet sein.

WespeIst die betroffene Hautfläche größer als eine Handfläche (10 cm Durchmesser), geht man davon aus, dass es sich um eine örtliche allergische Reaktion handelt.4 Manchmal ist der betroffene Arm oder das Bein geschwollen oder juckt, gegebenenfalls sogar der ganze Körper.


Was tun nach einem Stich?
  • Entfernen Sie möglichst rasch den Stachel, der bei Bienen meist stecken bleibt. Die Technik ist unwichtig.5
  • Kühlen Sie sofort die Einstichstelle mit Eiswürfeln, einer kalten Getränkeflasche oder verpacktem Speiseeis. Kühlen mindert die Ausbreitung des Giftes im Körper.
  • An der Stelle des Einstichs sollen Spucke, eine halbe Zwiebel oder Zitronensaft Linderung verschaffen.6 Neuerdings wird zur Schmerzlinderung auch warmes (40 Grad Celsius) Wasser empfohlen. Sowohl Säure als auch hohe Temperaturen können das giftige Insekteneiweiß zerstören.
  • Gegen örtliche Reaktionen kann eine cortisonhaltige Salbe helfen (GPSP 2006/4 S. 5). Bei schweren Reaktionen ist die Einnahme eines Antihistaminikums ratsam.

BieneWenn nach dem Einstich die Reaktionen auf den Insektenstich allmählich heftiger werden, sollten Sie dringend einen Arzt aufsuchen oder einen Notarzt rufen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine allergische Allgemeinreaktion entwickelt, ist hoch. Menschen, die ACE-Hemmer (bestimmte Medikamente gegen hohen Blutdruck) einnehmen, sind besonders gefährdet. Wichtig ist bei Atemproblemen, dass Sie die Sauerstoffzufuhr erleichtern – etwa durch Öffnen der Kleidung.
Weitere Infos zum Umgang mit Hautflüglern wie Bienen und Wespen:
www.hymenoptera.de
www.nabu.de/ratgeber/wespen.pdf

 Hornisse

1    Im Hoch- und Spätsommer können das auch Wurstwaren sein. Wespen ernähren ihre Nachkommen
      mit tierischem Eiweiß.
2    Wespennester können Sie durch einen Kammerjäger beseitigen zu lassen. Vor allem seltene
      Wespenarten wie die Sächsische Wespe sollten Sie aber von einem Experten umsetzen lassen.
      Wenden Sie sich an eine Naturschutzbehörde oder einen Imkerverband.
3    Es gibt keine zuverlässigen Angaben (pädiatrische praxis, 58, 431. Prodigy Guidance: Insect bites
      and stings www.prodigy.nhs.uk/insect_bites_and_stings
4    F. Rueff u.a., Diagnose und Therapie von Bienen- und Wespenstichallergie, Allergo J., 9, 8/2000
      S. 458-472
5    K. Vischler, The Lancet, 1996, 348, S. 301-2
6    Ein Notfallset stellt der Allergologe für seinen Patienten zusammen. Das wichtigste ist ein
      Adrenalinpäparat, das es zur Inhalation (Infectokrupp®, 45,60 Euro) beziehungsweise zur
      Selbstinjektion (Fastjekt® Autoinjektor, 85,64 Euro) gibt.       Im Grunde sind beide Präparate
      überteuert! Weiterhin gehört zu einem Notfallset ein Antihistminikum wie Cetirizin und ein  
      Kortisonpräparat.


Vorsicht: Schwere Insektengiftallergie

Am gefährlichsten sind so genannte ­allergische Allgemeinreaktionen, die sich etwa durch Kribbeln, Brennen im Mund, Jucken der Handflächen und Fußsohlen ankündigen. Sie können den ganzen Organismus erfassen. Kennzeichen einer schweren allergischen Reaktion sind Erbrechen, Durchfall, Atemnot, Krämpfe in den Bronchien und Blutdruckabfall. Lebensgefahr besteht, wenn es zu Bewusstlosigkeit, Herz- und Kreislaufstillstand kommt (anaphylaktischer Schock).

Wer bereits Anzeichen einer schweren allergischen Reaktion erlebt hat, sollte sich unbedingt von einem Allergologen untersuchen und beraten lassen,ein so genanntes Notfallset 6 dabei haben und anwenden können.

Besprechen Sie mit dem Allergologen eine mögliche Hyposensibilisierung gegen Insektengift (Siehe GPSP 4/06, S.6).


Was meiden?

  • Insekten anpusten
  • Um sich schlagen und andere hektische Abwehrbewegungen

Wie schützen?

  • Helle Kleidung ist günstig. Vor allem Bienen fliegen auf bunte Kleidung und „schauen“ dort nach Blütennektar.
  • Viele Duftstoffe sind für Insekten attraktiv. Vielleicht benutzen Sie das „falsche“ Shampoo, die „falsche“ Lotion.
  • Oft sitzen Wespen und Co. im Gras oder am Boden – weshalb Sie lieber nicht barfuß laufen sollten.
  • Hat sich ein Insekt auf Ihnen niedergelassen, dann schütteln Sie es vorsichtig ab.
  • Halten Sie Abstand von Wespennestern und Bienenstöcken.
  • Mit engem Strohalm trinken!
  • Reinigen Sie Finger und Mundwinkel von Kindern nach dem Essen.
  • Verschließen Sie Motorradhelme beim Fahren, damit kein Insekt unter den Helm gelangt.

Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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