Arzneimittel bei Senioren: Neue Priscus-Liste veröffentlicht
Welche Medikamente Älteren Probleme bereiten können
Dass bei älteren Menschen bestimmte Medikamente mehr Probleme bereiten können als bei jüngeren, ist keine neue Erkenntnis. Bei einigen Wirkstoffen geht das sogar so weit, dass in der Regel der mögliche Schaden den möglichen Nutzen überwiegt. Deshalb gibt es in vielen Ländern inzwischen Verzeichnisse mit „potenziell ungeeigneten“ Wirkstoffen im Alter, in Deutschland etwa seit über zehn Jahren die so genannte Priscus-Liste.1 Anfang 2023 wurde eine Aktualisierung veröffentlicht.2
Mehr Daten verfügbar
Die ursprüngliche Priscus-Liste beruhte nur auf Einschätzungen von Fachleuten,3 für die Version 2.0 sind einige davon jetzt zusätzlich mit systematischen Datenaufarbeitungen zu Nebenwirkungen speziell bei älteren Patient:innen unterfüttert. Und auch die Erfahrungswerte haben zugenommen: Von früher 83 wuchs die Liste jetzt auf 177 Wirkstoffe an. Gleichzeitig haben die Fachleute auch Unterschiede zwischen Stoffen aus der gleichen Wirkstoffgruppe besser berücksichtigt.
Alternativen und Hinweise
In der ausführlichen Liste findet sich für jeden genannten Wirkstoff eine Begründung, warum er bei Älteren Probleme verursachen kann, sowie mögliche Alternativen. Ein Beispiel: Bei Mitteln gegen Sodbrennen, die die Magensäure neutralisieren, sind Aluminium-haltige Wirkstoffe eher ungünstig, weil die Nieren im Alter Aluminium schlechter ausscheiden und es so leichter zu Verwirrtheit kommen kann. Besser sind im höheren Lebensalter deshalb Mittel auf der Basis von Alginat.
Bei anderen Wirkstoffen spielen die Dosierung und die Dauer der Einnahme eine Rolle. So sollten Protonenpumpenhemmer, die im Magen die Säurebildung verringern, im Alter möglichst nicht länger als acht Wochen eingenommen werden, weil sonst das Risiko für Knochenbrüche und bestimmte Darminfektionen steigt.
Gelistet sind auch einige Medikamente, die gerade bei Älteren so genannte anticholinerge Nebenwirkungen verursachen können. Diese äußern sich etwa durch Verwirrtheit oder eine eingeschränkte Gedächtnisfunktion.
Einzelfall beachten
Allerdings ist die Priscus-Liste keine Verbotsliste. Deshalb kann der Einsatz dort verzeichneter Medikamente in Einzelfällen gerechtfertigt oder sogar notwendig sein, wenn besser geeignete Alternativen fehlen und eine Behandlung nicht verzichtbar ist. Für solche Situationen finden sich in der Priscus-Liste Hinweise zur ärztlichen Überwachung, etwa bestimmter Blutwerte, um Risiken zu minimieren.
Weil sich die Priscus-Liste in erster Linie an Fachleute richtet, enthält sie nur relativ wenige Wirkstoffe aus dem Bereich der Selbstmedikation (Beispiele in der Tabelle unten). Hauptsächlich stehen auf ihr rezeptpflichtige Medikamente. Für Sie als Patientin oder Patient bedeutet das umgekehrt auch: Wenn Sie auf der Priscus-Liste ein Medikament finden, das Sie aktuell einnehmen, muss das nicht zwangsläufig problematisch sein. Und keinesfalls sollten Sie es ohne Rücksprache mit Arzt oder Ärztin absetzen. Es kann sich aber lohnen, beim nächsten Arztbesuch nachzufragen, ob das Medikament notwendig ist, ob zusätzliche Überwachungsmaßnahmen sinnvoll sind oder es sogar Alternativen gibt. Das gilt besonders dann, wenn Sie vermuten, dass ein Gesundheitsproblem mit dem Medikament zusammenhängen könnte.
| Anwendungsgebiet | Wirkstoffe | Probleme im Alter | Alternativen |
| Sodbrennen | Magnesium-haltige Antazida | Mögliche Störung des Magnesiumspiegels im Blut | Antazida mit Alginat oder kurzzeitig Protonenpumpenhemmer wie Pantoprazol |
| Aluminium-haltige Antazida | Verringerte Ausscheidung von Aluminium über die Niere | ||
| Schmerzen | Acetylsalicylsäure | Erhöhtes Risiko für schwerwiegende Magenprobleme | Je nach Einsatzgebiet Paracetamol, wenn das nicht reicht, ärztliche Rücksprache nötig |
| Schmerzen | Doxylamin, Diphenhydramin |
Anticholinerge Nebenwirkungen z.B. Verwirrtheit, Mundtrockenheit, Verstopfung, Beschwerden bei der Blasenentleerung oder Einschränkung der Gedächtnisfunktion |
Nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Schlafhygiene |
Nicht-medikamentöse Maßnahmen sind generell zu bevorzugen und sind deshalb hier nicht überall aufgeführt. Bei sehr starken oder länger anhaltenden Beschwerden ist immer ärztliche Beratung sinnvoll.
Stand: 30. Juni 2023 – Gute Pillen – Schlechte Pillen 04/2023 / S.10