Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2009 / 04 S. 05

Arm dran

Medikamente in Dritter Welt extrem teuer

In weiten Teilen der Welt bekommen Menschen nicht die Arzneimittel, die sie brauchen. Das betrifft keineswegs nur AIDS-Kranke, deren Medikamente durch Patentschutz extrem teuer sind, sondern gilt für viele Erkrankungen. Woran liegt es? Und wie lässt sich das ändern? 

Während in Industrieländern Arzneimittel 18% der Gesundheitsausgaben ausmachen, sind es in armen Ländern bis zu 60%. Mancherorts müssen neun von zehn Patienten ihre Medikamente selbst bezahlen. Arzneimittel reißen ein riesiges Loch in die Haushaltskasse, nur die tägliche Ernährung ist noch teurer. Viele Kranke können sich die mitunter lebensrettenden Mittel gar nicht leisten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass ein Drittel der Weltbevölkerung keinen gesicherten Zugang zu Arzneimitteln hat. Für 36 arme Länder haben die WHO und Health Action International (HAI) die Situation genau untersucht.1

In fast allen Staaten der Welt gibt es einen öffentlichen Gesundheitsdienst, der die Menschen auch mit Medikamenten versorgt. Doch ist der vielerorts ständig unterfinanziert. Deshalb bekommen dort zwei von drei Patienten nicht das Medikament, das sie brauchen. Es ist schlicht nicht vorrätig. Wird dann eine private Apotheke aufgesucht, ist die Erfolgschance wesentlich größer – bei einem entsprechend höheren Preis. In Afrika muss für ein Generikum im Schnitt das Zwanzigfache des Weltmarktpreises bezahlt werden.2 Bietet der Apotheker ein Originalpräparat an, beträgt der Preis im Schnitt sogar das Sechzigfache.

Ob Generikum oder Original, meist sind die Arzneimittel überteuert. Die enormen Preisunterschiede kommen auch dadurch zustande, dass die Märkte nicht überschaubar sind. Kaum ein Patient ahnt, dass sein Präparat preiswerter sein könnte. Vielfach könnte der öffentliche Gesundheitsdienst billiger einkaufen. Dann wären die benötigten Medikamente wohl auch häufiger vorrätig.


Was „kostet“ das Geld?

Dass die Preise extrem hoch sind, ist nur eine Seite der Medaille. Will man die Kosten vergleichen, muss man auch in Betracht ziehen, wie lange die Menschen in einem Land für selbst bezahlte Medikamente arbeiten müssen. Das haben WHO und HAI in ihrer Studie untersucht. Die Fragestellung: Wie lange muss ein Angestellter im öffentlichen Dienst (niedrigste Lohngruppe) arbeiten, um die Behandlung einer Lungenentzündung mit dem Antibiotikum Amoxicillin bezahlen zu können? Die Behandlung mit einem Generikum kostet in Afrika einen halben Tageslohn. Ist nur ein Originalpräparat erhältlich, muss der Angestellte drei Tage dafür arbeiten. Bei der Behandlung chronischer Erkrankungen sieht es noch schlechter aus: Ein Asthma-Kranker muss in Afrika für eine Packung Salbutamol-Spray den Lohn von zweieinhalb Arbeitstagen ausgeben. In Südamerika kostet das Präparat im Schnitt „nur“ einen Arbeitstag – in einigen osteuropäischen Staaten aber ganze fünf Tage.

Die Untersuchung von WHO und HAI beschäftigte sich mit patentfreien Arzneimitteln, mit denen die meisten Krankheiten erfolgreich behandelt werden können. Die Preise von patentgeschützten Mitteln, die z.B. gegen AIDS benötigt werden, liegen um ein Vielfaches höher und sind für die meisten Menschen damit unbezahlbar. Hier können arme Länder die Versorgung nur mit Zwangslizenzen unter Aufhebung des Patentschutzes sicherstellen. Das versuchen die Hersteller aber oft zu verhindern.
Arzneimittel sind in armen Ländern oft viel zu teuer und der Markt ist undurchsichtig. Ein öffentliches Gesundheitssystem, das ausreichend finanziert ist, könnte mit günstigem Einkauf die Versorgung sichern. Daran haben Hersteller und private Apotheken aber wenig Interesse. Ein besonderes Problem stellen patentgeschützte Präparate dar. Es wäre – nicht nur in armen Ländern – dringend erforderlich, dass der Staat das Preisniveau beobachtet und gegebenenfalls reguliert.


1    A. Cameron et al. Lancet 2009; 373: 240-249
2    Verglichen mit dem internationalen Referenzpreis, der sich an den Preisen von günstigen qualitätsgesicherten Lieferanten orientiert. Transport- und Verteilungs­kosten müssen dazugerechnet werden.


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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