Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2008 / 02 S. 03

Probiotika: Viel Humbug

Nützlich, harmlos oder bedenklich?

„Aktiviert Abwehrkräfte“,  „hilft die Verdauung natürlich zu regulieren“. Mit derartigen Werbesprüchen wird der angebliche Nutzen probiotischer Lebensmittel in den Köpfen verankert. Oft steckt nicht viel dahinter. Als Arzneimittel sind „Probiotika“ teilweise sogar gefährlich.

Die Erprobung von „Probiotika“ bei Patienten mit einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse erwies sich als Desaster: Mehrere Patienten überlebten die Behandlung nicht. In der Studie starben 16 von 100 Patienten, die neben der üblichen Therapie zusätzlich eine Mixtur aus sechs Probiotikastämmen (speziellen Bakterien)1 erhalten hatten. In der Vergleichsgruppe, die zusätzlich ein Plazebo (Scheinmedikament) bekamen, starben 6 von 100 Patienten. Auffällig war vor allem, dass 9 Patienten mit der zusätzlichen „Probiotika“-Therapie schwere Durchblutungsstörungen des Darms erlitten, die bei 8 töd­lich endeten. Diese Komplikation trat in der Plazebogruppe nicht auf.2

Unerwartete Risiken

Die niederländischen Ärzte, die die Studie durchgeführt hatten, bezeichneten den bedrückenden Ausgang als „unerwartet“.3 Sie waren von einem „geringen Risikograd“ ausgegangen.4 Gemeinhin gelten „Probiotika“ (siehe Kasten S. 4) nämlich als unbedenklich. Allerdings gibt es schon länger Berichte, dass diese „probiotischen“ Bakterien in das Blut gelangen und sich dort – mit lebensbedrohlichen Auswirkungen – vermehren können. Bei einigen solchen Komplikationen ließ sich nachweisen, dass die „probiotischen“ Mikroorganismen die Krankheit verursacht hatten.5 Gefährdet sind vor allem Menschen mit geschwächter Immunabwehr.

Der Darm ist von Natur aus mit einer großen Menge unterschiedlicher Bakterien besiedelt (Darmflora). Diese sorgen beispielsweise mit dafür, dass Nahrung verdaut wird, und sie tragen zur Immunabwehr bei.

Die Zusammensetzung der Darmflora ist relativ stabil. Deshalb können sich fremde, krankheitsverursachende Erreger in der Regel nicht langfristig im Darm festsetzen. Auch die künstlich zugeführten „probiotischen“ Erreger verschwinden daher nach wenigen Wochen wieder aus dem Darm6 – ein Zeichen dafür, dass unser Organismus „probiotische“ Erreger wie Fremdstoffe behandelt.

Vor 100 Jahren fing alles an

Der Glaube an die Heilwirkung der vermehrungsfähigen „probiotischen Keime“ reicht weit zurück. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts führte man die hohe Lebenserwartung bulgarischer Bauern auf ihre Vorliebe für Sauermilchprodukte mit bestimmten Bakterienstämmen (Lactobacillus) zurück.

Seit Mitte der 1990er Jahre setzen Lebensmittelproduzenten diversen Milchprodukten lebende „probiotische“ Mikroorganismen zu, für die ein gesundheitlicher Zusatznutzen behauptet wird. Sie gehören damit zur Gruppe der so genannten funktionellen Lebensmittel. Firmen können so ihre Produkte als etwas „Besseres“ darstellen und höhere Preise erzielen. Für Lebensmittelkonzerne sind „probiotische“ Nahrungsmittel ein Umsatzrenner. Vier Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr bringen sie gegenwärtig allein in den USA,7 obwohl ihr Nutzen fraglich ist.

Als Arzneimittel finden sich „Probiotika“ in Apothekenschubladen und als sogenannte funktionelle Lebensmittel in Supermarktregalen. Die Joghurt, Käse, Säuglingsnahrung, Müsliriegeln und Fruchtsäften zugesetzten Bakterien sollen die Verdauung fördern („Activia® hilft die Verdauung natürlich zu regulieren“), die Abwehr stärken („Actimel® aktiviert Abwehrkräfte“) oder in Arzneimitteln Durchfallerkrankungen vorbeugen oder heilen. Sogar in Tampons sollen „Probiotika“ die „Regeneration des weiblichen Intimbereichs unter­stützen“ (Ellen® Tampons). Ver­sprochen wird viel. Allerdings sind die Versprechungen meist so allgemein und unverbindlich gehalten, dass sie sich schon deshalb einer wissenschaftlichen Überprüfung entziehen.

Vorbeugung von Durchfällen

Am besten sind „Probiotika“ untersucht, die als Arzneimittel verkauft werden. Ihr Einfluss auf die Häufigkeit und Schwere von Durchfällen lässt sich prinzipiell leicht untersuchen. So wurde in mehreren Studien geprüft, ob „Probiotika“ jene Durchfälle verhindern können, die als Folge der Einnahme von Antibiotika entstehen.7 Glaubt man den Untersuchungen, können solche Arzneimittel das Risiko für Durchfälle durch Antibiotika mindestens halbieren. Die Qualität der Studien und ihre Auswertungen sind jedoch so schlecht, dass die Ergebnisse nicht vertrauenswürdig sind: In Sammelauswertungen, in denen mehrere dieser Studien systematisch und wissenschaftlich korrekt analysiert wurden, war der zunächst beeindruckend erscheinende prophylaktische Effekt der „Probiotika“ verschwunden.

Zudem gibt es Hinweise darauf, dass Studien, die für „Probiotika“ negativ ausgegangen sind, gar nicht veröffentlicht wurden. Sie sind in den Tresoren der Firmen verschwunden. Dies ist eine besonders unangenehme und häufige Form der Datenmanipulation, weil so das Gesamtbild ins Positive verfälscht wird.5

Durchfall-Behandlung

Leichter akuter Durchfall als Folge einer Infektion soll sich mit probiotischen Arzneimitteln etwa um einen Tag verkürzen lassen. Dies geht aus einer gemeinsamen Auswertung zahlreicher kleiner Studien hervor. Doch auch diese sind überwiegend von miserabler wissenschaftlicher Qualität. Der errechnete Nutzen ist daher zweifelhaft. Patienten mit heftigem Durchfall wurden zudem oft gar nicht erst in die Studien aufgenommen. Die bislang vorliegenden Daten sprechen gegen einen Nutzen von „Probiotika“ zur Behandlung schwerer Durchfälle.3

Noch viel zu klären

Andere mögliche Anwendungen von „Probiotika“ werden geprüft. Die Ergebnisse sind bislang aber enttäuschend. Ein therapeutischer Nutzen bei Kleinkindern mit atopischem Ekzem blieb aus. Stattdessen waren Kinder, die „probiotische“ Lebensmittel erhalten hatten, häufiger gegen Kuhmilch allergisch oder erkrankten an Bronchitis. Allergien lässt sich mit „Probiotika“ somit nicht vorbeugen.

Nicht zuletzt die eingangs geschilderten Todesfälle bei den Patienten mit entzündeter Bauchspeicheldrüse geben den Hoffnungen auf ein ungefährliches Therapeutikum einen starken Dämpfer. Generell sind „Probiotika“ bei Schwerkranken  keinesfalls unbedenklich und sicher, folgern die Ärzte aus ihrer Studie: „Probiotika sind nicht so harmlos wie wir dachten“.4

Wir ergänzen: Vor allem in der Werbung wird viel versprochen, aber fast gar nichts tatsächlich belegt. Selbst die Auswahl eines Bakterienstammes für spezielle Anwendungsbereiche „geschieht bisher weitgehend ohne wissenschaftliche Grundlage“.5 Oft hapert es bereits bei grundlegenden Angaben. So deckte eine britische Studie 2006 auf, dass bei der Hälfte der geprüften 50 „Probiotika“ entweder der deklarierte Bakterienstamm oder die angegebene Bakterienmenge nicht enthalten war.6

Manchem mögen „probiotische“ Lebensmittel schmecken. Einen gesundheitlichen Vorteil sehen wir nicht. Erst müssen die Anbieter ihre Hausarbeiten machen und ihre Versprechungen durch Studien untermauern. Auch probiotische Arzneimittel, die zur Vorbeugung oder Behandlung von Durchfällen angeboten werden, sind von zweifelhaftem Nutzen.


Quellen
1    Die Zubereitung enthält sechs verschiedene Stämme gefriergetrockneter lebensfähiger Bakterien:
Lactobacillus acidophilus, Lactobacillus casei, Lactobacillus salivarius, Lactococcus lactis,
Bifidobacterium bifidum und Bifidobacterium lactis.
2    Besselink, M.G.H. et al.: Lancet 2008; 371: 651-9, arznei-telegramm 2008; 39: 44
3    arznei-telegramm 2007; 38: 89-91
4    H. Evers, zit. nach Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 25. Januar 2008
5    Huebner, J. et al.: Dtsch. Med. Wochenschrift 2008; 133: 367-9
6    Editorial: Lancet 2008; 371: 624
7    Am häufigsten untersucht sind Saccharomyces boulardii (z.B. Perenterol®) und Lactobacillus
rhamnosus (Infectodiarrstop LGG®)

Was sind Probiotika?

Der Begriff „Probiotika“ ist ein lateinisch-griechisches Kunstwort und bedeutet „für das Leben“. Heute versteht man unter „Probiotika“ Produkte, die bestimmte lebende Mikroorganismen (Bakterien oder Hefen) enthalten und sich positiv auf die Gesundheit auswirken sollen. Nur wenn sie in aktiver Form und genügender Menge in den Darm gelangen, kann das überhaupt möglich sein. Probiotische Keime sollten nur angewendet werden, wenn sie wirklich nützlich und für den Menschen unbedenklich sind. Das ist keineswegs gesichert.

So genannte Präbiotika sollen „Probiotika“ unterstützen. Präbiotika sind Kohlenhydrate, die der Mensch nicht verdauen kann, wie Inulin oder Oligofructose. Sie verbessern die Wachstumsbedingungen für die probiotischen Keime im Darm. Dies soll die erhofften Effekte fördern.



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