Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2017 / 06 S. 27

Gepanschtes:

Kauf im Versandhandel – ein Glücksspiel

© Schlierner/ fotolia
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Schlank, jung, schön, potent und stark – das sind Versprechungen, die Verbraucher am häufigsten dazu verleiten, Produkte im Internet zu bestellen. Nicht von ungefähr wird Vieles über Versandhändler im Internet geordert. Zum einen sind dort die Behauptungen besonders plakativ, oft sogar geradezu unglaublich, zum anderen erleichtert die Anonymität den Erwerb etwa von Produkten, die die Erektion fördern oder das Gewicht reduzieren sollen.

Das Risiko, ein bedenkliches Produkt zu kaufen, ist bei Bestellung über das Internet jedoch besonders hoch. Etwa 40% der in der GPSP-Datenbank Gepanschtes genannten Nahrungsergänzungsmittel sind mit einem verschreibungspflichtigen Erektionsförderer vom Typ Sildenafil (Viagra®, viele Generika) gepanscht, sehr häufig zudem mit gefährlichen Appetithemmern, wie dem seit 2010 wegen Herzschädlichkeit weltweit verbotenen Sibutramin (früher Reductil®).

Was Interpol findet
Solche Produkte sind im September 2017 auch in der von Interpol organisierten weltweiten Aktionswoche PANGEA aufgefallen, an der sich über 100 Staaten beteiligt haben. In Deutschland lag der Schwerpunkt in den Paketzentren an den Flughäfen Frankfurt am Main und Leipzig sowie in Niederaula. Dort zogen die deutschen Zoll- und Polizeibehörden insgesamt 961 ausländische Brief- und Paketsendungen aus dem Verkehr. Den Löwenanteil von über 45% machten dabei Potenzmittel aus, gefolgt von anderen Lifestyle-Produkten. Hängen geblieben im Netz der Fahnder sind neben verbotenen Nahrungsergänzungsmitteln mit gesundheitsgefährdenden Bestandteilen vor allem auch illegale Arzneimittel, zum Beispiel solche mit falschem Wirkstoffgehalt.

„Der Einkauf bei illegalen Online-Apotheken ist ein Glücksspiel – der Gewinner dieses Spiels ist in jedem Fall der Täter, dem Ihre Gesundheit völlig gleichgültig ist,“ betonen die Zoll- und Polizeibehörden.1 GPSP assoziiert eher Russisches Roulette (GPSP 5/2013, S. 24). Die Behörden raten dringend, nur in der Apotheke vor Ort einzukaufen oder bei zugelassenen Online-Apotheken zu bestellen. Diese sind am EU-Sicherheitslogo zu erkennen. Näheres hierzu in GPSP 5/2009, S. 9.

Die Zoll- und Polizeibehörden glauben übrigens nicht, dass sie mit den weltweiten PANGEA-Aktionen den Markt der kriminellen Anbieter in den Griff bekommen können.2 Die Behörden wollen vielmehr die Verbraucherinnen und Verbraucher für das Problem der überbordenden kriminellen Angebote im Internet sensibilisieren.

Weltweit größte Datenbank zu gepanschten Produkten
In den zwei Monaten seit der letzten Ausgabe von GPSP haben wir die leider rekordverdächtige Zahl von 53 weiteren illegalen Produkten aufgespürt. Im Internet finden Sie jetzt Näheres zu rund 1.850 illegalen Nahrungsergänzungsmitteln: www.gutepillen-schlechte­pillen.de/heft-archiv/gepanschtes.

Damit haben Sie Zugriff auf die weltweit umfangreichste öffentlich zugängliche Datenbank zu gepanschten Produkten. Doch auch diese zeigt leider nur der Spitze des Eisbergs, weil eine systematische Überprüfung von Nahrungsergänzungsmitteln fehlt.


1    Bundeskriminalamt, Generalzolldirek­tion (2017) Pressemitteilung vom 25. Sept. http://www.a-turl.de/?k=truv
2    DAZ online (2017) Internationaler Schlag gegen Arzneimittelfälschungen. 26. Sept. http://www.a-turl.de/?k=ilbi

Neu gefunden

Mit chemischen Potenzmitteln gepanscht

Produkt: gepanscht mit

AMPT Coffee: Sildenafil + Tadalafil

Black Gorilla: Sildenafil

Black Mamba premium: Yohimbin

Dragon Max: Tadalafil

Fifty Shades 6000: Desmethylcarbodenafil + Sildenafil + Tadalafil

Germany Black Gorilla Tabletten: Sildenafil

Grande X 5800: Desmethylcarbodenafil + Sildenafil + Tadalafil

Jaguar 11.000: Sildenafil + Tadalafil

Jing Pin Heijin Gang Tabletten: Sildenafil + Paracetamol

Kingdom Honey for Her: Tadalafil

Kingdom Honey for Him: Tadalafil

Longjack Coffee: Desmethylcarbodenafil

Man of Steel: Sildenafil

Maxman IV: Sildenafil

Maxman Premium: Sildenafil

Maxman V: Sildenafil

MMC Maxman XI: Sildenafil

MME Maxman IX: Sildenafil

New Advanced Technological: Sildenafil

New Kopi Jantan Tradisional Natural Herbs Coffee: Desmethylcarbodenafil

Oh Baby! Kapseln: Tadalafil

One More Knight 1750: Sildenafil + Tadalafil + Dapoxetin

Papa Zen 3000: Desmethylcarbodenafil + Sildenafil + Tadalafil

Real Skill Male Sexual Stimulant: Sildenafil

Rhino: Aminotadalafil

Rhino 7 Platinum 5000: Desmethylcarbodenafil + Sildenafil + Tadalafil

Rhino 9 Kapseln: Sildenafil

Rhino 69 Extreme 10 K: Yohimbe-Extrakt

Rize N Shine: Sildenafil

Royal Honey VIP: Tadalafil

Ruft Natural Formula 10,000 mg Kapseln: Sildenafil + Tadalafil + Dapoxetin

Sirrori Green Viagra: Sildenafil

Stamina 7: Sildenafil + Thiosildenafil

Super Panther 7 K: Sildenafil + Tadalafil

V8 Tabletten: Sildenafil

V 9 Male Sexual Simulant: Sildenafil

Vegetable Vigra: Sildenafil + Tadalafil + Dapoxetin

XXL Penis Enlarging Salbe: Tadalafil


Sildenafil ist der Wirkstoff des Arzneimittels Viagra® (auch in zahlreichen Generika erhältlich) und Tadalafil der Wirkstoff von Cialis®. Bei Desmethylcarbodenafil und Aminotadalafil handelt es sich um chemische Abwandlungen von Sildenafil bzw. Tadalafil, für die ausreichende Erfahrungen zu erwünschten und unerwünschten Effekten fehlen. Die Panscherei von Nahrungsergänzungsmitteln mit solchen verschreibungspflichtigen Arzneiwirkstoffen gegen Erektionsstörungen ist besonders heimtückisch und kriminell. Sie gefährdet Verbraucher ganz erheblich, denn manche Menschen dürfen gerade solche chemischen Erektionsförderer nicht einnehmen. Dazu gehören Herzkranke, die gleichzeitig Nitropräparate wie Isosorbiddinitrat (ISDN) oder ähnliche Arzneimittel gegen Angina pectoris benötigen (GPSP 2/2013, S. 4 –http://www.gutepillen-schlechtepillen.de/angina-pectoris). In Kombination mit einem chemischen Potenzmittel wie Sildenafil oder Tadalafil und deren Abkömmlingen kann der Blutdruck lebensbedrohlich abfallen. Vor allem wer aus medizinischen Gründen chemische Erektionsförderer meiden muss, erhofft sich jedoch möglicherweise Hilfe von den als harmlos beworbenen Nahrungsergänzungsmitteln und ist unwissentlich gefährdet, wenn er an ein gepanschtes Produkt gerät.

Yohimbin ist ein in der Rinde des Yohimbe-Baumes („Potenzholz“) natürlich vorkommender verschreibungspflichtiger Wirkstoff, der vor allem in vergangenen Jahrzehnten als Reinsubstanz oder in Form von

Yohimbe-Rindenextrakt zur Libidosteigerung (Aphrodisiakum) verwendet worden ist, ohne dass der tatsächliche Nutzen gesichert ist. Häufige, zum Teil beträchtliche unerwünschte Wirkungen sind für Yohimbin dokumentiert, darunter Blutdruckabfall – weswegen es vor dem Ersten Weltkrieg ein gängiges Bluthochdruckmittel war –, Angst, Reizbarkeit, Schwindel, Tremor, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Übelkeit u.a.

Dapoxetin: Das ebenfalls verschreibungspflichtige Dapoxetin ist ein Wirkstoff aus der Reihe der Antidepressiva, der als Arzneimittel (Priligy®) gegen vorzeitigen Samenerguss angeboten wird. Dapoxetin kann häufig Kopfschmerzen, Übelkeit und andere unangenehme Störwirkungen auslösen. Menschen mit Herzerkrankungen oder Kreislaufstörungen beim Aufstehen dürfen es nicht verwenden. Auch wer Antidepressiva einnimmt, die dem Dapoexetin chemisch nahe stehen, muss damit rechnen, dass sich die unerwünschten Wirkungen verstärken (GPSP 4/2009, Seite 6; http://gutepillen-schlechtepillen.de/mittel-gegen-vorzeitigen-samenerguss-nebenwirkung-vermarktet). Sich vor solchen gefährlichen Effekten zu schützen, ist jedoch nicht möglich, wenn Wirkstoffe wie Dapoxetin als Inhaltsstoffe nicht deklariert sind.

Paracetamol ist ein Schmerz- und Fieber-lindernder Wirkstoff und in Ben-u-ron® und vielen anderen Arzneimitteln im Handel. Solange die vorgeschriebene Maximaldosierungen von Einzel- und Tagesdosis eingehalten werden, ist Paracetamol relativ gut verträglich (vgl. GPSP -). Werden jedoch Nahrungsergänzungsmittel mit diesem Wirkstoff gepanscht, geht der Überblick über die eingenommene Paracetamoldosis verloren. Bei gleichzeitiger Einnahme von Arzneimitteln mit diesem Wirkstoff, beispielsweise als Schmerzmittel oder in Erkältungsmitteln, steigt die Gefahr von Überdosierungen mit dem Risiko einer Leberschädigung.


Mit chemischen Appetithemmer gepanscht

Produkt: gepanscht mit

A1 Slim: Sibutramin + Phenolphthalein

7-Day Slim Extreme Kapseln: Sibutramin

Atomic Kapseln: Sibutramin

Bittermelon Slimmng Kapseln: Sibutramin

Body Con Plus Kapseln: Sibutramin + Phenolphthalein

Herbal Max Real Slim Kapseln: Sibutramin + Phenolphthalein

Majestic African Mango Kapseln: Sibutramin + Phenolphthalein

Nutriline Bluvelle: Sibutramin

Physic Candy – Curve: Sibutramin

Physic Candy – Define: Sibutramin

Xplode Kapseln: Sibutramin

 

Sibutramin: Sibutramin war 1999 bis 2010 als verschreibungspflichtiges Arzneimittel (Reductil®) im Handel. Dann musste es – längst überfällig – weltweit wegen seines Herz-Kreislauf-schädigenden Potenzials aus dem Handel gezogen werden (GPSP 2/2010, Seite 8 – http://gutepillen-schlechtepillen.de/kurz-und-knapp-endlich-sibutramin-reductil-vom-markt/). Sibutramim kann den Blutdruck und die Herzschlagrate erhöhen und gefährdet vor allem Menschen mit koronarer Herzkrankheit (Angina pectoris), Herzrhythmusstörungen oder Schlaganfall in der Vorgeschichte. Es drohen Herzinfarkt, Herzstillstand, Schlaganfall u.a. Auch wenn gleichzeitig bestimmte andere Medikamente eingenommen werden, sind lebensbedrohliche Folgen möglich.

Phenolphthalein: Die abführende Chemikalie Phenolphthalein wurde vor Jahren z.B. als Darmol® Abführschokolade verkauft. Das Abführmittel kann einen vorübergehenden Gewichtsverlust vorgaukeln, weil der Darm entleert wird. Es macht aber nicht schlank, sondern vielleicht sogar krank: Arzneimittel mit Phenolphthalein sind nämlich bereits vor vielen Jahren wegen ihres krebsauslösenden Potenzials vom Markt verschwunden. Wer langfristig ein Phenolphthalein-haltiges Mittel einnimmt, riskiert Magen-Darm-Störungen, Herzrhythmusstörungen, Krebs und andere unerwünschte Folgen.



Mit chemischen Antidepressivum gepanscht

Produkt: gepanscht mit

Lida DaiDaihua: Fluoxetin

Lida EXTRA: Fluoxetin


Offensichtlich versucht der Anbieter die unerwünschten Wirkungen des verschreibungspflichtigen antidepressiv wirkenden Fluoxetin zu nutzen, um eine Gewichtsreduzierung durch die „Schlankheitskapseln“ zu bewirken. Denn die unerwünschten Wirkungen von Fluoxetin umfassen beispielsweise Appetitlosigkeit, Übelkeit, Durchfall und Veränderungen des Geschmackempfindens. Außerdem kann es zu Desorientiertheit, Schlafstörungen, Störungen der Sexualfunktion u.a. kommen. Sogar Selbsttötungstendenzen können begünstigt werden.



Mit sonstigen chemischen Wirkstoffen gepanscht

Produkt: gepanscht mit

Aerobic Oxygen: Natriumchlorit

ExTenze: DHEA, Pregnenolon + Yohimbe-Rindenextrakt

Psychotic: große Mengen Coffein und andere Stimulanzien


ExTenze enthält chemische Wirkstoffe, die nur in verschreibungspflichtigen Arzneimitteln erlaubt sind: Die Hormone DHEA (Dehydroepiandrosteron) und Pregnenolon. Beide können die Spiegel von weiblichen und männlichen Hormonen im Körper erhöhen und möglicherweise das Risiko von Krebs der Prostata, der Brust, der Eierstöcke und anderen auf Hormone reagierenden Krebserkrankungen erhöhen.

Die Chemikalie Natriumchlorit – nicht zu verwechseln mit Natriumchlorid (= Kochsalz) – ist ein Desinfektionsmittel. Bei Kontakt mit Säure (z.B. Magensäure) entsteht giftiges Chlordioxid. Das wird in der Industrie als Bleichmittel oder zur Desinfektion verwendet. Nach der Einnahme drohen Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, teilweise mit Blutdruckstörungen (GPSP -).

Yohimbe-Rindenextrakt aus der Rinde des Yohimbe-Baumes („Potenzholz“) enthält unter anderem Yohimbin, das vor allem in vergangenen Jahrzehnten als verschreibungspflichtiges libidosteigerndes Mittel (Aphrodisiakum) verwendet worden ist, ohne dass der tatsächliche Nutzen gesichert ist. Häufige, zum Teil beträchtliche unerwünschte Wirkungen sind für Yohimbin dokumentiert, darunter Blutdruckabfall – weswegen es vor dem Ersten Weltkrieg ein gängiges Bluthochdruckmittel war –, Angst, Reizbarkeit, Schwindel, Tremor, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Übelkeit u.a.


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.


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