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©solarseven_iStock

Was bringt der Bluttest auf Krebs?

Fachleute warnen vor falschen Erwartungen

Trotz vollmundiger Versprechen in der Werbung sind Nutzen und Risiken des Bluttests ­bisher schlecht untersucht.

„Das beste Mittel gegen Krebs: ihn rechtzeitig zu entdecken“: So bewirbt der Versicherer HanseMerkur seine Zusatzversicherung „Krebs-Scan“. Eine Weile wurde die Versicherung auch über eine Kaffeerösterei vertrieben. Das arznei-telegramm hat sich einmal näher angesehen, was dahintersteckt.1

Bluttest auf Krebs

Die Zusatzversicherung finanziert den Bluttest PantumDetect einmal jährlich, bei Bedarf auch mögliche weitere Untersuchungen zur Abklärung und Zusatzleistungen bei der Behandlung. Der Bluttest soll Hinweise liefern, ob die Regulation der Zellteilung gestört ist, konkret ob sich Zellen zu schnell teilen und fehlregulierte Zellen nicht wie vorgesehen absterben. Denn das kann möglicherweise auf Krebs hindeuten.

Viele Fragen offen

Wie zuverlässig Tests arbeiten, muss allerdings auch in aussagekräftigen Studien mit Menschen untersucht werden. Und daran hapert es laut der Recherche des arznei-telegramm bei dem Krebs-Bluttest erheblich. So lässt sich mit den bisherigen Studien nicht abschätzen, wie wahrscheinlich eine Krebserkrankung tatsächlich ist, wenn der Bluttest anschlägt – und umgekehrt, wie sicher Betroffene wirklich gesund sind, wenn der Bluttest Entwarnung gibt.

Unklar ist zudem, wie viel früher der Bluttest einen Hinweis auf Krebs gibt, bevor die Erkrankung ohnehin entdeckt werden würde. Auch fehlen bisher Studien, ob Betroffene durch das frühe Entdecken tatsächlich eine günstigere Prognose haben. Eine Untersuchung, auf die sich der Anbieter in der Werbung bezieht, stuft das arznei-telegramm als wenig aussagekräftig ein.

Nicht jedes Screening nützlich

Auch wenn sich die Idee erst einmal einleuchtend anhört: Krebs früh zu erkennen, hilft den Betroffenen nur dann, wenn dadurch eine erfolgreichere Behandlung möglich wird. Allerdings kann Früherkennung (Screening) Erkrankungen auch übersehen und dadurch die Betroffenen in falscher Sicherheit wiegen. Möglich ist auch ein falscher Alarm, wenn das Screening Krebs anzeigt, der in Wirklichkeit aber nicht vorhanden ist. Das zieht oft weitere, eigentlich unnötige Untersuchungen zur Abklärung nach sich. Die Wartezeit bis zur Entwarnung kann psychisch belasten. Im schlechtesten Fall entdeckt das Screening eine Erkrankung, die sich zu Lebzeiten nie bemerkbar gemacht hätte (Überdiagnose), und es schließt sich eine eigentlich unnötige Behandlung an. Dann entsteht durch die Früherkennung körperlicher Schaden.

Für ein Gesamtbild und um Vor- und Nachteile der Früherkennung abwägen zu können, sind deshalb gut gemachte aussagekräftige Studien nötig. Genau die fehlen aber bisher für den Bluttest.

Laut Fachleuten ungeeignet

Auch medizinische Expert:innen für Krebserkrankungen weisen darauf hin, dass bisher belastbare Daten zum Nutzen fehlen und warnen vor falschen Erwartungen.2 Sogar von „Scharlatanerie“ ist die Rede.

Problematisch ist auch, dass die Zusatzversicherung bereits ab 18 Jahren angeboten wird. An der Studie, die in der Werbung zitiert wird, nahmen nur Menschen zwischen 50 und 70 Jahren teil. Das Risiko für die meisten Krebsarten ist in jüngeren Jahren deutlich geringer und steigt erst mit fortschreitendem Alter deutlich an. Das ist wohl auch dem Versicherer bewusst, denn die Höhe der Versicherungsprämie hängt vom Alter ab. Laut Website (Stand November 2023) sind für eine Person im Alter von 50 Jahren pro Jahr 330 Euro fällig.

Tücken des Screenings

PDF-Download

– Gute Pillen – Schlechte Pillen 01/2024 / S.23