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CC Hilda Bastian

Systematische Reviews: Gesammeltes medizinisches Wissen rettet Leben

Wie Übersichtsarbeiten dabei helfen, dass Erkenntnisse nicht übersehen werden

Kommen Ergebnisse aus klinischen Studien nicht im medizinischen Alltag an, gefährdet das die Gesundheit. Diese Erfahrung legte den Grundstein für das Wissenschaftsnetzwerk Cochrane.

Das Cochrane-Logo zeigt einen sogenannten Forest-Plot. Die horizontalen Linien stehen jeweils für einzelne Studien, die Raute für das Gesamtergebnis der Metaanalyse. ©Cochrane

Als der junge britische Arzt Iain Chalmers in den 1970er-Jahren im Gaza-Streifen arbeitete, behandelte er dort auch viele Kinder, die Masern hatten. Die Impfkampagnen hatten gerade erst begonnen, die Krankheit war deshalb weit verbreitet.

Chalmers hatte gelernt, dass Viruserkrankungen wie Masern nicht mit Antibiotika behandelt werden sollen, weil diese Medikamente nur gegen Bakterien wirken. Der Arzt wusste zwar, dass einige Komplikationen bei Masern wie etwa Lungenentzündungen von Bakterien verursacht werden, die sich in einem durch die Virusinfektion geschwächten Körper leichter ausbreiten können. Trotzdem verließ er sich auf die gängige Lehrmeinung und verzichtete auf den Einsatz von Antibiotika.

Einige Zeit später stellte Chalmers entsetzt fest, dass die Lehrmeinung falsch lag. Denn längst gab es neuere Erkenntnisse zur Antibiotika-Behandlung bei Masern. Sechs gut gemachte Studien, sogenannte randomisierte kontrollierte Studien (mit Kon­trollgruppen, denen die Teilnehmenden zufällig zugeteilt worden waren), waren zum Ergebnis gekommen, dass es richtig und wichtig war, bei Masern vorsorglich Antibiotika einzusetzen. Aber diese Studien waren nicht ausreichend bekannt und noch nicht in den medizinischen Wissensschatz eingegangen.1

Die Geburt von systematischen Reviews

Zurück in Oxford leitete Iain Chalmers eine Forschungsabteilung. Er begann, Studien in der Geburtshilfe systematisch zu suchen und sie in Übersichten zusammenzufassen. Diese wurden als systematische Übersichtsarbeiten bezeichnet, auf Englisch „systematic reviews“. Chalmers Abteilung orientierte sich dabei an einer Idee, die der britische Arzt und Forscher Archie Cochrane 1972 in seinem Buch „Effectiveness and Efficiency“ beschrieben hatte: Alle relevanten gut gemachten Studien eines medizinischen Fachgebiets sollten kritisch bewertet und in fortlaufend aktualisierten Übersichten zusammengefasst werden.

Ärztinnen und Ärzten standen solche Übersichtsarbeiten in ihrem medizinischen Alltag bisher nicht zur Verfügung. Das sollte sich nun ändern.

1989 wurden die Ergebnisse von Chalmers Abteilung unter dem Titel „Effektive Care in Pregnancy and Childbirth“ (Effektive medizinische Versorgung während Schwangerschaft und Geburt) veröffentlicht. Auch die Datenbanken, die diesen Ergebnissen zugrunde lagen, wurden öffentlich zugänglich gemacht und alle sechs Monate aktualisiert.2

Schnell war klar: Solche systematischen Übersichtsarbeiten wären auch in anderen medizinischen Fachbereichen überaus hilfreich.

Internationales Netzwerk Cochrane entsteht

Aus Chalmers Abteilung entwickelte sich 1992 ein Zentrum für solche Reviews, das nach Archie Cochrane benannt wurde. Unter dem gleichen Namen entstand bald ein internationales Wissenschaftsnetzwerk.

Die Reviews bewerteten aber nicht nur die einzelnen Studien und beschrieben, zu welchen Ergebnissen diese kamen, sondern sie enthielten auch Metaanalysen. Mit dieser Methode lässt sich berechnen, wie viel eine Behandlung nützt, wenn man die Ergebnisse der relevanten Studien statistisch gemeinsam betrachtet.

Die grafische Darstellung einer Metaanalyse trägt das Wissenschaftsnetzwerk Cochrane übrigens bis heute in seinem Logo. Es erinnert damit an die erste wichtige Übersichtsarbeit aus der Anfangszeit des Netzwerks.3

Erste wichtige Metaanalyse rettet Leben

Darin ging es um eine wichtige Frage: Wie lässt sich bei einer drohenden Frühgeburt die Sterblichkeit der Kinder senken?

Denn zu früh geborene Babys haben vor allem unreife Lungen und damit Probleme beim Atmen. Fachleute diskutierten damals, ob die Lungen der Frühchen schneller reifen, wenn die Mütter vor der Geburt Kortison bekommen. Schon 1972 erschienen erste randomisierte kontrollierte Studien zu dieser Frage, allerdings zeigte sich nicht bei allen ein Vorteil der Kortison-Gabe.

1989 veröffentlichte das Wissenschaftsnetzwerk Cochrane den ersten systematischen Review zum Thema. Dabei zeigte die Metaanalyse, dass Kortison die Sterblichkeit in der Summe tatsächlich verringert. Erst durch diese Veröffentlichung verbreitete sich das Wissen zum Nutzen des Medikaments bei drohender Frühgeburt in der Fachwelt. Allerdings dauerte es noch bis in die späten 1990er-Jahre, bis sich das auch im medizinischen Alltag niederschlug.4

Systematische Reviews bis heute wichtig

Cochrane Reviews sind immer noch eine wichtige Quelle für alle, die nach der besten verfügbaren Evidenz zu einer medizinischen Frage suchen. Für einige dieser Reviews gibt es inzwischen auch allgemeinverständliche Zusammenfassungen auf Deutsch.

Daneben werden systematische Reviews auch von anderen Forschungsteams außerhalb von Cochrane erstellt. Für alle systematischen Übersichtsarbeiten gilt aber: Nur wenn alle Studien, die zu einer Fragestellung durchgeführt wurden, in die Analyse eingeschlossen und kritisch bewertet werden, ergibt sich ein vollständiges Bild über das aktuelle Wissen.

Deshalb ist es so wichtig, dass alle Studien – auch die vermeintlich erfolglosen – veröffentlicht werden. Prominentes Beispiel, wenn Studien fehlen: Beim antiviralen Mittel Oseltamivir (Tamiflu®) blieben negative Studienergebnisse lange unveröffentlicht, und es stellte sich erst spät heraus, wie wenig das Medikament bei Grippe (Influenza) tatsächlich hilft.

  1. Evidence-based medicine. An oral history. (Abruf 15.11.2022)
  2. Cochrane Deutschland (o.J.) Entstehung. (Abruf 15.11.2022)
  3. Wissen was wirkt (2016) Die Geschichte hinter dem Cochrane-Logo. (Abruf 15.11.2022)
  4. Reynolds L u.a. (2005) Prenatal corticosteroids for reducing morbidity and mortality after preterm birth. (Abruf 15.11.2022)

 

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