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© Martin Wahlborg/ iStockphoto.com

Hilft Mannose bei Blasenentzündungen?

Studienlage immer noch ziemlich dürftig

Mannose gibt es als Medizinprodukt, Nahrungsergänzungsmittel und ergänzende bilanzierte Diät. Ein Nutzen ist allerdings für keins der Präparate belegt.

Blasenentzündungen – und besonders wenn sie häufiger wiederkommen – sind für einige Frauen eine echte Qual. Viel beworben zur Behandlung und Vorbeugung: Präparate mit dem Zucker Mannose.

Was solche Mittel tatsächlich bringen, hat eine systematische Übersichtsarbeit des internationalen Forschungsnetzwerks Cochrane untersucht, die im Sommer 2022 veröffentlicht wurde.1 Sie kommt allerdings zu dem Schluss, dass sich derzeit keine gesicherten Aussagen treffen lassen, denn die Datenlage ist miserabel.

Schlecht untersucht

Das Forschungsteam suchte nach Studien, die sich mit der Behandlung oder Vorbeugung von Blasenentzündungen befassen und die Teilnehmenden dabei nach dem Zufallsprinzip Vergleichsgruppen zuteilte (randomisierte kontrollierte Studien).

Gefunden haben die Wissen­schaft­ler:innen zwar insgesamt sieben solcher Studien, allerdings ging es in den meisten um sehr spezielle Gruppen von Patient:innen: zum Beispiel mit Multipler Sklerose oder Personen, die sich einer Operation an den Harnwegen unterziehen mussten. Hier wurden außerdem auch Präparate untersucht, die nicht nur Mannose, sondern auch eine Reihe anderer Bestandteile enthielten. Welchen Nutzen Mannose allein hat, lässt sich so nicht ermitteln.

Eher typische Patientinnen aus der Allgemeinbevölkerung waren nur an zwei Untersuchungen beteiligt. Eine der Studien, in der es um die Behandlung einer Blasenentzündung ging, war so schlecht gemacht, dass sich daraus überhaupt keine vernünftigen Schlussfolgerungen ziehen lassen. Es verblieb eine einzige Studie, die die Vorbeugung von Blasenentzündungen untersuchte – und die ist so alt, dass wir deren Schwächen bereits in einem Artikel diskutiert hatten, der bei GPSP vor fünf Jahren erschienen ist.

Unser Fazit bleibt damit unverändert: „Dass Mannose tatsächlich Blasenentzündungen wirksam verhindert oder die Behandlung mit Antibiotika unterstützt, ist nicht ausreichend belegt. Auch zur angeblich guten Verträglichkeit sind viele Fragen offen.“

Warum Medizinprodukt?

Mannose-Präparate sind in Deutschland übrigens nicht als Arzneimittel im Handel. Einige davon sind Medizinprodukte – hier berufen sich die Anbieter offensichtlich auf eine physikalische Wirkung des Mittels: Mannose kann sich im Laborversuch an den häufigsten Erreger von Blasenentzündungen, das Darmbakterium Escherichia coli, binden. Das Mittel soll so verhindern, dass sich die Keime in der Schleimhaut der Harnwege festsetzen und eine Entzündung auslösen. Für die Anbieter hat die Kategorisierung „Medizinprodukt“ gegenüber einer Einstufung als Arzneimittel (mit einer pharmakologischen Wirkung) einen wesentlichen Vorteil: Die geforderten Wirksamkeitsbelege sind bislang bei Weitem nicht so anspruchsvoll wie für Arzneimittel. Dennoch darf der Anbieter das Mittel für Krankheiten bewerben.

Werbetricks durchschauen

Allerdings werden Mannose-Produkte auch noch in anderen Kategorien vertrieben: nämlich als Lebensmittel. Dazu gehören sowohl Nahrungsergänzungsmittel als auch Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke, auch „ergänzende bilanzierte ­Diäten“ genannt.

Ein Produkt, das als Nahrungsergänzungsmittel auf dem Markt ist, wird auf der Packung mit „Zum Erhalt der Blasenschleimhaut“ beworben, in der Packungsbeilage sogar noch etwas unverfrorener mit „Unterstützung der Blase“. Allerdings ist eine solche gesundheitsbezogene Aussage für Mannose gar nicht erlaubt. Wer genau hinschaut, entdeckt in einer Fußnote: Die Aussage bezieht sich gar nicht auf Mannose, sondern auf die ebenfalls enthaltenen Substanzen Niacin (Vitamin B3) und Biotin. Für die ist die Aussage „tragen zur Erhaltung normaler Schleimhäute bei“ erlaubt. Das bezieht der Anbieter großzügig auch auf die Schleimhaut der Blase. Eine Wirksamkeit bei einer Blasenentzündung lässt sich daraus aber nicht ableiten.

Bald verboten?

Bei den ergänzenden bilanzierten Diäten mit Mannose dürfen Anbieter eine Krankheit nennen, wenn auch nur im Zusammenhang mit Ernährung. Die Formulierungen heißen dann zum Beispiel: „zum Diätmanagement bei Blasenentzündung“ oder „zur diätetischen Behandlung von wiederholt auftretenden Blasenentzündungen“. Dass damit etwas anderes gemeint ist als eine Behandlung mit Arzneimitteln, dürfte für durchschnittlich informierte Verbraucher:innen nicht leicht zu durchschauen sein.

Damit könnte demnächst übrigens Schluss sein, wenn es nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs im Oktober 2022 geht: Danach darf es ergänzende bilanzierte Diäten nur noch für solche Zwecke geben, bei denen ein enger kausaler Zusammenhang zwischen dem enthaltenen Stoff und der Erkrankung gegeben ist. Dass ein Mangel an Mannose für Blasenentzündungen verantwortlich wäre oder dass bei einer Blasenentzündung Mannose schlechter aufgenommen würde und so ein Mangel entsteht, ist jedoch ein eher absurder Gedanke. Von daher besteht die berechtigte Hoffnung, dass demnächst eine große Marktbereinigung einsetzt – vorausgesetzt, die Aufsichtsbehörden packen das Thema mit dem gebotenen Nachdruck an.

  1. Cooper T u.a. (2022) D-mannose for preventing and treating urinary tract infections. Cochrane Database Syst Reviews, CD013608 (Abruf 2.11.2022)

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– Gute Pillen – Schlechte Pillen 01/2023 / S.07