Digitalis: Vom Fingerhut zum Herz-Medikament
Wie die herzstärkende Wirkung der Giftpflanze entdeckt wurde
Warum Fingerhut Wasseransammlungen im Körper beseitigt, war lange nicht bekannt. Heute kennen wir die Wirkungsweise. Doch eingesetzt werden Arzneimittel auf Basis von Digitalis nur noch selten.

Als der englische Arzt William Withering auf die Wirkung des Fingerhuts stieß, geschah das zu einer Zeit, als die Pflanzenheilkunde eine entscheidende Rolle in der Behandlung von Krankheiten spielte. Unzählige Teemischungen, Salben und Tinkturen basierten auf überlieferten Rezepten mit Heilpflanzen.
Withering lernte im Jahr 1775 ein altes Familienrezept kennen, das 20 verschiedene Kräuter enthielt und gegen die sogenannte Wassersucht helfen sollte. Medizinische Fachleute sprechen heute von „Ödemen“. Die Wasseransammlungen, meist in den Beinen, entstehen unter anderem bei einer ausgeprägten Herzschwäche.
Withering erkannte, dass der wirksame Bestandteil der Teemischung die getrockneten Blätter des Fingerhuts waren. Daraufhin begann er, die Wirksamkeit des Fingerhuts, mit botanischem Namen Digitalis, systematisch zu untersuchen.
Wassertreibende Wirkung
Die Wirkstoffe in der Digitalis-Pflanze gehören zur Gruppe der Herzglykoside. Bereits in der griechischen Antike waren Pflanzen mit Herzglykosiden wie die Meerzwiebel zur Behandlung von „Wassersucht“ geläufig. Allerdings war der Grund dafür kein Wissen um die Inhaltsstoffe, sondern die Theorie, dass die Ursache aller Krankheiten in einem Ungleichgewicht der Körpersäfte liegt. Der Entzug von Flüssigkeit sollte das Gleichgewicht wieder herstellen.
So beschrieb der zu dieser Zeit bedeutendste Arzt Galenus von Pergamon, was er erreichen wollte: dass die Patienten „schwitzen, speicheln und urinieren“. 1542 tauchte Digitalis zum ersten Mal in einem umfassenden Kompendium über Kräuter und ihre Wirkung auf, das der deutsche Arzt und Botaniker Leonhart Fuchs veröffentlichte. Fuchs gab der Pflanze wegen der an einen Fingerhut erinnernden Blütenform ihren Namen und schrieb ihr abführende und brecherregende Wirkung zu.
Auch wusste man damals bereits um die wassertreibende Wirkung von Digitalis. Obwohl die Ursache der Ödeme noch nicht bekannt war, behandelten Heilkundige unbewusst eine Herzschwäche mit, weil die Pflanzenstoffe dadurch entwässern, dass sie die Schlagkraft des Herzens verbessern.
Witherings Experimente
William Withering war als Sohn eines Apothekers schon früh mit akademischem Denken und medizinischem Wissen in Kontakt gekommen. Doch erst als er aus der Grafschaft Staffordshire in die Nähe von Birmingham zog, machte er von sich reden. Birmingham war durch die industrielle Revolution eine aufstrebende Region, in der viele Intellektuelle ihr Wissen miteinander teilten.
Withering wandte schon viele Prinzipien der modernen Medizin an: Er fragte nach der Krankengeschichte und tastete und hörte die Patient:innen ab. Von 1775 bis 1784 untersuchte er über 160 Patient:innen, die unter unterschiedlichen Formen von Wassersucht litten und gab ihnen verschiedene Teile des Fingerhuts, um herauszufinden, auf welchen Pflanzenteil die entwässernde Wirkung zurückzuführen war. Alle Beobachtungen schrieb er sorgfältig auf und veröffentlichte sie 1785 unter dem Titel „An Account of the Foxglove“ (auf Deutsch: „Ein Bericht über den Fingerhut“).
Nutzen und Schaden eng beieinander
Withering unterschied bei Digitalis als Erster zwischen der therapeutischen Wirkung, nämlich der Entwässerung und schädlichen Effekten wie Erbrechen, Durchfall, Sehstörungen. Außerdem fiel ihm auf, dass die Wirkung von Digitalis bei längerer Einnahme zunahm. Er schloss daraus, dass sich der Wirkstoff im Körper anreichert.
Wie genau Digitalis wirkt, konnte Withering noch nicht sagen. Er wusste jedoch schon, dass Digitalis die Schlagfrequenz des Herzens senkt. Spätere Forschung bestätigte einige von Witherings Erkenntnissen. Heute wissen wir: Weil Digitalis die Herzfunktion positiv beeinflusst, bilden sich die Ödeme zurück.
Gab es „Mother Hutton“ wirklich?
Lange hielt sich das Gerücht, dass Withering das alte Familienrezept, das den Grundstein zu seiner Forschung legte, von einer Heilkundigen aus der Grafschaft Shropshire bekommen hatte. „Mother Hutton“ soll im 18. Jahrhundert durch die Dörfer gezogen sein und mit ihrer Teemischung viele Menschen von der Wassersucht befreit haben. Später stellte sich heraus, dass es die weise alte Kräuterfrau nie gegeben hat. Sie war eine Erfindung einer Firma, die in den 1920er Jahren Digitalis-Präparate herstellte und mit dieser Geschichte das Marketing ankurbeln wollte.
Nachlassende Bedeutung
Die wirksamen Bestandteile des Fingerhuts sind die Substanzen Digoxin und Digitoxin. Früher wurden meist Pflanzenteile oder Auszüge aus Pflanzenteilen verwendet, später dann die isolierten Wirkstoffe, die zum Teil chemisch verändert werden. Die Herzglykoside aus dem Fingerhut wurden später nicht nur bei Herzschwäche verwendet, weil sie sich auf die Schlagkraft des Herzmuskels auswirken, sondern auch bei einigen Arten von Herzrhythmusstörungen, weil sie die Herzfrequenz senken können.
Heutzutage sind Digitalis-Präparate Reservemittel bei einer Herzschwäche und bestimmten Formen von Vorhofflimmern. Sie werden also nur noch eingesetzt, wenn besser untersuchte Mittel nicht ausreichend helfen oder Patient:innen diese nicht vertragen. Denn anders als Herzmedikamente aus der Gruppe der ACE-Hemmer oder Betablocker senken sie die Sterblichkeit bei Herzschwäche nicht. Hinzu kommt, dass der Unterschied zwischen wirksamer und schädlicher Dosis recht klein ist, es kann also schnell zu Überdosierungen kommen.
Zukünftig dürften Digitalis-Präparate noch seltener eingesetzt werden: Von den am häufigsten verordneten Mitteln mit dem Wirkstoff Digitoxin wurden nach Lieferengpässen einige dieser Medikamente im Januar 2023 ganz vom Markt genommen, andere sind weiterhin nicht lieferbar.
Quellen:
Stand: 25. Februar 2023 – Gute Pillen – Schlechte Pillen 02/2023 / S.10