Darmkrebs-Früherkennung: Was bringt die große Darmspiegelung?
Studie zur Koloskopie bringt keine Klarheit
Aktuelle Daten aus Norwegen, Schweden und Polen können bislang nicht klar belegen, dass per Früherkennung mit einer großen Darmspiegelung weniger Menschen an Darmkrebs sterben. Noch sind allerdings viele Fragen offen.
Seit vielen Jahren gehört sie zu den Früherkennungsuntersuchungen, die die gesetzliche Krankenversicherung unter bestimmten Voraussetzungen bezahlt: die große Darmspiegelung, im Fachjargon Koloskopie genannt. Das Programm richtet sich an Menschen mit einem durchschnittlichen Risiko für Darmkrebs. Die bisherigen Nutzenbelege für die Koloskopie stützen sich vor allem auf zuverlässige Studien zur kleinen Darmspiegelung (Sigmoidoskopie) und Beobachtungsdaten. Was bisher aber fehlte: Ergebnisse von Studien, in denen Teilnehmende nach dem Zufallsprinzip entweder zur Koloskopie, zu keiner Darmkrebs-Früherkennung oder zu einer anderen Früherkennungsmethode eingeladen werden (siehe Kasten). Solche randomisierten kontrollierten Studien (RCT) gelten als besonders wenig anfällig für Verzerrungen, wenn sie methodisch sauber durchgeführt werden. Inzwischen liegen die Zwischenergebnisse des ersten RCT zur Koloskopie vor.1
Große Studie in drei Ländern
An der aktuellen Studie zur Koloskopie nahmen insgesamt mehr als 84.000 Personen in Norwegen, Schweden und Polen teil. Menschen im Alter von 55 bis 64 Jahre erhielten nach dem Zufallsprinzip entweder eine Einladung zu einer einmaligen großen Darmspiegelung oder nicht. Ausgeschlossen waren Patient:innen, die bereits an Darmkrebs erkrankt waren. Über einen Zeitraum von 10 Jahren registrierten die Forschungsteams, wie viele Teilnehmende an Darmkrebs erkrankten, an Darmkrebs oder anderen Ursachen verstarben.
Bei den Eingeladenen wurde in diesem Zeitraum bei 98 von 10.000 Darmkrebs festgestellt, in der Kontrollgruppe bei 120 von 10.000. 22 von 10.000 Eingeladenen blieb durch die Koloskopie also eine Darmkrebs-Erkrankung erspart.
Allerdings verstarben mit und ohne Einladung zur Früherkennung etwa gleich viele Menschen an Darmkrebs: 28 von 10.000 Eingeladene und 31 von 10.000 Teilnehmende in der Kontrollgruppe. Auch bei der Gesamtsterblichkeit zeigte sich kein Unterschied.
Komplexe Datenlage
Heißt das jetzt, dass die Darmkrebs-Früherkennung per großer Darmspiegelung keinen Nutzen hat? Das lässt sich nicht eindeutig sagen. Denn insgesamt nur etwas mehr als 40 Prozent der Eingeladenen nahmen tatsächlich an der Früherkennung teil. Die Forschungsteams erstellten deshalb zusätzlich eine Modellrechnung, welcher Nutzen anzunehmen wäre, wenn alle Eingeladenen mit dem gleichen Effekt an der Früherkennung teilgenommen hätten: Danach könnte über einen Zeitraum von 10 Jahren durch die Koloskopie 38 von 10.000 Menschen eine Darmkrebs-Erkrankung und 15 von 10.000 der Tod durch Darmkrebs erspart bleiben.
Allerdings ist diese Berechnung anfällig für Verzerrungen und eher spekulativ: Denn es ist bekannt, dass Menschen, die an Früherkennungsuntersuchungen teilnehmen, tendenziell auch gesünder leben oder eher eventuelle Beschwerden ärztlich abklären lassen. Es lässt sich also nicht ausschließen, dass die geringere Darmkrebs-Sterblichkeit bei ihnen zumindest zum Teil auch auf andere Ursachen als die Darmspiegelung zurückzuführen ist.
Was sich aus der Studie ableiten lässt
Auf der Basis dieser Ergebnisse lässt sich also keine sichere Schlussfolgerung für oder gegen einen Nutzen der Koloskopie zur Darmkrebs-Früherkennung ziehen. Klar ist jedoch, dass der Nutzen im besten Fall eher klein ist. In der Modellrechnung in der Studie liegt er für die Sterblichkeit durch Darmkrebs ungefähr in der Größenordnung, die bereits bisher geschätzt wurde.3
Hinweise gibt es aus der Studie zu den Risiken der Koloskopie: Bei 13 von 10.000 per Koloskopie Untersuchten kam es durch den Eingriff zu größeren Blutungen, die jedoch gleich per Endoskop gestillt werden konnten. Bei niemanden wurde die Darmwand versehentlich durchbohrt. Zum Vergleich: Im deutschen Programm zur Darmkrebs-Früherkennung passiert das bei etwa 1 von 10.000 Koloskopien.3
Belastbarere Daten erwarten die Studienautor:innen von der Endauswertung nach insgesamt 15 Jahren. Das ist plausibel, da Krebserkrankungen eine lange Vorlaufzeit haben und sich eventuelle Unterschiede auch erst später zeigen könnten. Derzeit laufen auch noch drei weitere große RCT, die die große Darmspiegelung mit einer Stuhluntersuchung auf verborgenes Blut vergleichen.
Wer sich mit der Frage beschäftigt, ob er oder sie an der Früherkennung teilnehmen will oder nicht, muss Nutzen und Risiken bis dahin bei aller Unsicherheit mit den bisherigen Zahlen abwägen. Wer ein erhöhtes Risiko für Darmkrebs hat, sei es durch bestimmte Darmerkrankungen oder eine familiäre Belastung, sollte sich individuell in der Hausarztpraxis beraten lassen.
Stand: 2. Januar 2023 – Gute Pillen – Schlechte Pillen 01/2023 / S.09