Cholesterin senken bei niedrigem Risiko?
Was wir zu Nutzen und Sicherheit von Statinen bei Menschen mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wissen
Auch wenn das Herz noch gesund ist, kann etwa bei hohem Blutdruck oder Cholesterin das Risiko für einen Herzinfarkt erhöht sein. Was bringt in dieser Situation die Einnahme von Statinen?
Bei erhöhten Cholesterinwerten kann es häufiger zu Herzinfarkten und Schlaganfällen kommen. Wie groß das Risiko dafür tatsächlich ist, hängt allerdings von weiteren Faktoren ab: Ob zum Beispiel zusätzlich hoher Blutdruck, Übergewicht oder bereits eine Arteriosklerose (Ablagerungen in den Gefäßen) vorliegen oder die Betroffenen sogar schon einmal einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten.
Gerade wenn noch keine Herz-Kreislauf-Erkrankung besteht, aber hohe Cholesterinwerte gemessen werden und es auch noch andere Risikofaktoren für Arteriosklerose gibt, stellt sich die Frage: Sind neben einem herzgesunden Lebensstil zusätzlich Medikamente nötig? Darauf gibt es keine pauschale Antwort. Sinnvoll ist es, sich zunächst mit Arzt oder Ärztin einen Überblick darüber zu verschaffen, wie hoch das eigene Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen eigentlich ist. Und sich zu informieren, was Medikamente daran ändern würden.1
Statine zur Primärprävention
Als Cholesterinsenker kommen in der Regel hauptsächlich Statine in Frage. Welchen Nutzen sie in dieser Situation, also in der so genannten Primärprävention haben, hat im Sommer 2022 eine systematische Übersichtsarbeit des US-amerikanischen Gremiums für Fragen der Prävention (USPSTF) zusammengefasst.2 In die Arbeit flossen zur Frage des Nutzens Daten aus 22 Studien mit insgesamt knapp 100.000 Teilnehmenden ein. Menschen aus einer Hochrisiko-Gruppe mit bestimmten genetischen Formen von Fettstoffwechselstörungen sowie Personen ab 75 Jahren waren ausgeschlossen. Die Schlussfolgerungen gelten für diese Personengruppen also nicht.
Eher kleiner Effekt
In der Auswertung zeigt sich: Der Nutzen der Statine ist relativ klein. Zwar senkten sie in den Studien das Risiko der Teilnehmenden relativ gesehen um etwa 8 bis 33 Prozent. Vor Todesfällen insgesamt, Schlaganfällen oder Herzinfarkten konnten die Statine in absoluten Zahlen aber nur ziemlich wenige Menschen schützen. Das liegt daran, dass das Ausgangsrisiko insgesamt eher niedrig war. Egal ob man die Gesamtsterblichkeit betrachtet oder die Anzahl von Herzinfarkten bzw. Schlaganfällen: Von einem Statin profitierte weniger als eine von hundert Personen.
In vielen Studien gab es zwar das eine oder andere methodische Problem, was eine zuverlässige Gesamtbewertung erschwert. Eine weitere Analyse, die nur die Studien mit hoher methodischer Qualität berücksichtigte, kam aber zu sehr ähnlichen Ergebnissen. Gleiches gilt für eine Auswertung, die sich auf Studien mit einer Laufzeit von mindestens drei Jahren beschränkte.
Unerwünschte Wirkungen
Für die spezifischen Nebenwirkungen einer Statin-Therapie gibt es in den Behandlungsstudien weniger Daten als zum Nutzen. Deshalb hat das Autor:innen-Team der Übersichtsarbeit zusätzlich weitere Beobachtungsstudien mit insgesamt rund 400.000 Patient:innen herangezogen. Im Vergleich zu Placebo oder keiner Statin-Behandlung fiel in der Gesamtschau keine der betrachteten Nebenwirkungen besonders häufig auf. Das gilt etwa für neu auftretenden Diabetes, Muskelschmerzen oder Leberschäden. Allerdings kamen Studien teilweise zu widersprüchlichen Ergebnissen oder definierten die Nebenwirkungen etwas unterschiedlich, sodass sich die Häufigkeit nicht sicher beziffern lässt. In einigen Fällen kann sich das Risiko für Nebenwirkungen individuell auch unterscheiden, etwa je nach Vorerkrankungen.
Offene Fragen
Keine aussagekräftigen Daten gibt es für die Frage, ob es tatsächlich sinnvoll ist, bei der Behandlung bestimmte Zielwerte für das Cholesterin anzustreben und die Dosis entsprechend anzupassen oder ob es nicht mit einer festen Dosis auch getan ist. Die beiden Strategien wurden bisher nicht direkt in Studien zur Primärprävention miteinander verglichen. In den allermeisten Studien kam jedoch eine feste Dosis zum Einsatz, nur in drei wurde die Dosis angepasst. Allerdings zeigte sich im indirekten Vergleich der Studien kein eindeutiger Vorteil der einen oder anderen Strategie.
Ebenso lässt sich aus den vorhandenen Daten nicht eindeutig schlussfolgern, in welchen Fällen eher eine niedrige, mittlere oder hohe Dosis von Statinen sinnvoll ist. In den meisten Studien wurde eine mittlere Dosis eingesetzt.
Statine: Ja oder nein?
Ob die Einnahme von Statinen für Sie sinnvoll ist, hängt von Ihrem individuellen Risiko ab: Wenn Sie nur ein geringes Risiko haben, können Ihnen die Statine auch nur sehr wenig nützen. Umgekehrt können Menschen mit einem hohen Gesamtrisiko oder bestimmten genetischen Fettstoffwechselstörungen unter Umständen von Statinen profitieren.
Besprechen Sie gemeinsam mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin, wie hoch Ihr persönliches Risiko für einen Herzinfarkt ist und was ein Statin daran ändern würde. In die Abwägung wird sicherlich auch mit einfließen, ob Sie regelmäßig Medikamente einnehmen wollen und mit welchen Nebenwirkungen Sie rechnen müssen. Das kann dann in einigen Fällen für, in anderen gegen die Einnahme eines Statins sprechen. Auch wer sich für das Medikament entscheidet, sollte sich um einen herzgesunden Lebensstil bemühen.
Übrigens ebenso unterschiedlich fallen auch die Empfehlungen in ärztlichen Leitlinien aus: So werden Statine in den USA teilweise schon empfohlen, wenn sich ein Risiko für einen Herzinfarkt in den nächsten zehn Jahren von 7,5 Prozent errechnet, in anderen Leitlinien, darunter auch eine deutsche, erst ab 20 Prozent.3
Stand: 2. März 2023 – Gute Pillen – Schlechte Pillen 02/2023 / S.16