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© AlinaMD_iStock

Aloe-Produkte: Irreführende Werbung auf Social Media

Wie Geschäftemacher dubiose Nahrungsergänzungsmittel verkaufen

Kapseln und Drinks mit Aloe vera werden auf Social Media als Wunderwaffe beworben, die den Körper „entgiften“ sollen. Dafür setzen die Verkaufskanäle auf dubiose Werbemethoden.

Ein Kurzvideo auf Instagram: Die Kamera erlaubt einen Blick in einen hellen Raum, Regale und Zeitschriften im Hintergrund. Ein Mann sitzt an einem Tisch, vor ihm steht ein Glasgefäß in der Form eines menschlichen Oberkörpers, gefüllt mit klarem Wasser. „Wisst ihr eigentlich, warum ich so begeisterter Aloe-vera-Trinker bin?“, fragt er begleitet von melancholischer Musik und tropft eine orange-braune Flüssigkeit aus einem grünen Fläschchen ins Wasser.1

Er fährt fort: „Im Lauf der vielen Jahre lassen wir es einfach zu, dass unser Körper mit vielen Schadstoffen vollgemüllt wird: Weizenmehl, Sonnenblumenöl, Alkohol, Nikotin, Umwelteinflüsse, Autoabgase, Fastfood, Medikamente und so weiter.“ Die orange-braune Flüssigkeit verteilt sich in Wolken im klaren Wasser.

Der Mann greift zu einer weißen Kunststoffflasche mit der Aufschrift „LR Lifetakt Aloe Vera Drinking Gel“. Er erklärt: „Und jetzt kommt die Aloe vera ins Spiel. Die Aloe ist nämlich in der Lage deinen Körper aufzuräumen, ihn wieder klar zu machen, deinen Stoffwechsel wieder zu aktivieren und dafür zu sorgen, dass es dir wieder besser geht.“

Als der viskose Inhalt der Kunststoffflasche in das verfärbte Wasser fließt, wird der Inhalt des Glases klar. Die Botschaft zum Schluss: „Deshalb mein Tipp für deine Gesundheit: Schätze und nutze die Aloe vera.“

Appell ans Gefühl

Das Video haben sich inzwischen mehr als 10.000 Menschen angeschaut. Dass es so erfolgreich ist, liegt sicher auch daran, dass es die Zuschauer:innen emotional anspricht. Die bräunliche Flüssigkeit suggeriert, dass Umwelteinflüsse und bestimmte Nahrungsmittel den Körper „verdrecken“. Die Darstellung des Vergiftungsprozesses macht die scheinbare Bedrohung greifbar, schürt Angst und bleibt im Gedächtnis. Rettung bringt dann angeblich das Aloe-Produkt.

Dubiose Verkaufsmasche

Was die Zuschauer:innen auf Instagram nicht erfahren: Hinter dem Aloe-vera-Produkt steckt eine ganze Vertriebsmaschine namens Netzwerk-Marketing oder Multi-Level-Marketing. Die Ver­käufer:innen, die die Produkte der Firma bewerben, sind nicht angestellt, sondern selbstständig. Sie werben außerdem weitere Ver­triebspartner:innen an. Dafür und für die Umsätze mit den Pro­dukten gibt es Prämien. So hält sich das System am Leben.

Wer braucht „Entgiftung“?

Allerdings ist das Konzept einer „Entgiftung“ wissenschaftlich betrachtet Unfug. Ein gesunder Körper muss weder künstlich entgiftet noch „entschlackt“ werden. Das erledigen Tag für Tag unsere Organe, allen voran Nieren, Leber und Darm.

Nahrungsergänzungsmittel sind dafür nicht nötig. Darüber hinaus gibt es keine wissenschaftliche Basis, Weizenmehl auf die gleiche Stufe wie das Zellgift Nikotin zu stellen.

Chemischer Zaubertrick

Die Chemie hinter dem Video hat außerdem nichts mit der angeblichen Wirkung von Aloe vera im Körper zu tun. Die orange-braune Lösung enthält Povidon-Iod und wird als Desinfektionsmittel auf der Haut eingesetzt. Wenn das Iod mit bestimmten anderen Substanzen chemisch reagiert, wird aus Iod das farblose Iodid, die Lösung wird klar.

Was in dem Aloe-vera-Drink mit dem Iod reagiert, verrät ein Blick auf das Etikett: Vitamin C. Neben Aloe-vera-Gel, Honig und Brennnessel-Extrakt enthält der Drink Säuerungsmittel, Stabilisatoren, Konservierungsstoffe und pro 100 Milliliter 89 Milligramm des Vitamins.

Das meiste Vitamin C dürfte zusätzlich beigemischt sein, denn die Pflanze Aloe ist eher dürftig mit diesem Vitamin ausgestattet. Aloe-Getränke ohne Vitamin-C-Zusatz enthalten nur zwischen 0 und 7,5 Milligramm Vitamin C pro 100 Milliliter. Zum Vergleich: 100 Gramm rohe Gemüsepaprika enthalten zwischen 110 und 140 Milligramm Vitamin C. Notwendig ist eine Nahrungsergänzung mit Vitamin C in Deutschland nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ohnedies nicht.

Wer profitiert?

Für Nahrungsergänzungsmittel auf Aloe-Basis sind derzeit keine gesundheitsbezogenen Aussagen (Health Claims) zugelassen. Ein Nutzen solcher Mittel für Ver­brau­cher:innen ist also nicht belegt.

Salopp formuliert: Das Instagram-Video bewirbt ein Aloe-vera-Produkt für ein Problem, das nicht besteht, mit einer Wirkung, die für das Produkt nicht nachgewiesen ist, durch ein Experiment, das weder etwas mit Aloe vera noch mit dem menschlichen Körper zu tun hat. Der Vitamin-C-Gehalt in dem Aloe-Getränk ist noch dazu niedriger als in Vitamin-C-reichen normalen Lebensmitteln.

Allerdings profitieren der Anbieter und dessen Vertriebspart­ner:innen. Sie verkaufen die Flaschen für rund 30 Euro, ein Liter Aloe-Getränk reicht nach Verzehrempfehlung für elf Tage.

Offene Fragen bei der Sicherheit

Aloe-Produkte sind nicht per se ungefährlich. Das fleischige Aloe-Blatt enthält in seiner Blattrinde Anthranoide, die stark abführend wirken. Manche Vertreter dieser Substanzgruppe können das Erbgut schädigen und Krebs auslösen. Das Aloe-Gel oder -Mark im Blattinneren dagegen gilt als unbedenklich und darf EU-weit in Kosmetika und Lebensmitteln eingesetzt werden. Das Bundesinstitut für Risikobewertung weist jedoch darauf hin, dass der Gehalt an Anthranoiden in Aloe-Gel stark von der Herstellungsmethode abhängt.

Bekannte Masche

In Verbraucherschutz-Kreisen ist der Anbieter übrigens kein Unbekannter. So hatte die Verbraucherzentrale bereits im Oktober 2022 irreführende Werbung zu verschiedenen Produkten, unter anderem mit Aloe vera, bemängelt. Der Anbieter zog sich aber darauf zurück, dass die Vertriebspartner:innen für die von ihnen erstellten Werbebeiträge auf Social Media selbst verantwortlich seien. „Sobald wir Kenntnis von einer solchen Bewerbung erhalten, nehmen wir Kontakt zu dem betreffenden Vertriebspartner auf und fordern ihn dazu auf, die krankheitsbezogene Werbung unverzüglich zu entfernen und zukünftig unzulässige Bewerbungen zu unterlassen.“ Das oben beschriebene Video war bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe immer noch auf Instagram abrufbar.

1 Eine Langfassung dieses Artikels erschien bei MedWatch. Dort finden sich auch die ausführlichen Quellenangaben: https://medwatch.de/weitere-artikel/aloe-vera-das-geschaeft-mit-der-aloe/ (Abruf 9.1.2023)

 

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– Gute Pillen – Schlechte Pillen 02/2023 / S.24