Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2009 / 04 S. 06

Mittel gegen vorzeitigen Samenerguss?

Nebenwirkung vermarktet

Vorzeitiger Samenerguss führt in manchen Beziehungen zu viel Frust. Kürzlich wurde in Deutschland das erste Arzneimittel gegen vorzeitige Ejakulation zugelassen: Dapoxetin (Priligy®), ein Wirkstoff aus der Reihe der Antidepressiva. Kann Dapoxetin Abhilfe schaffen? Mit welchen Risiken? 

vorzeitiger SamenergussWie häufig vorzeitiger Samenerguss tatsächlich ist, lässt sich nicht eindeutig beziffern. Dass jeder dritte Mann betroffen sein könnte, ist mit Sicherheit übertrieben. Realistischer erscheinen Schätzungen, denen zufolge einer von 20 Männern zumindest zeitweise mit dem Problem zu tun hat1 (wobei als vorzeitiger Samenerguss die Zeitspanne bis zu einer Minute nach Beginn des Geschlechtsverkehrs definiert wird).

Zur Behandlung werden verschiedene Methoden propagiert. Ein europäischer Staatspräsident soll dem Problem mit Beckenbodengymnas­tik zu Leibe rücken.2 Diese wird auf vielen Internetseiten empfohlen, findet in der Fachliteratur jedoch kaum Berücksichtigung. Auch Verhaltenstherapie soll
nützen. Manche Männer cremen den Penis mit Mitteln ein, die die Empfindung abschwächen (Lokal­anästhetika). Doch nur das seit Juni in Deutschland erhältliche verschreibungspflichtige Dapoxetin (Priligy®) ist zur Behandlung von vorzeitigem Samenerguss behördlich zugelassen. Man(n) soll es laut Beipackzettel nicht regelmäßig einnehmen, sondern nur bei Bedarf eine bis drei Stunden vor den Sex.

Der Einfluss von Dapoxetin auf den Zeitpunkt des Samenergusses ist in mehreren Studien von der Partnerin per Stoppuhr gemessen worden. Im Vergleich zu einem Scheinmedikament verzögert Dapoxetin den Samenerguss im Mittel um ein bis zwei Minuten. Angesichts von Mängeln in der statistischen Auswertung der Daten dürfte dieser Effekt in Wirklichkeit eher etwa eine Minute ausmachen. Auch die Teilnehmer der Studie schätzen den Erfolg der Behandlung eher als dürftig ein. Wenn sie die Kontrolle über die Ejakulation nach einem Bewertungsschema einstuften (die Bewertungsmöglichkeiten reichten von schlecht bis sehr gut), wurde der Effekt von Dapoxetin als schlecht bis ausreichend benotet. Ein Scheinmedikament wurde als schlecht eingestuft.3

Offen bleibt, ob die Einnahme nach Bedarf optimal ist. In einer kleinen Beobachtungsstudie finden die teilnehmenden Männer es nämlich überwiegend besser, das Mittel täglich einzunehmen statt bei Bedarf, weil sie um ihre Spontaneität fürchten. In der Tat scheint die kontinuierliche Einnahme sogar vorteilhafter zu sein. Zum Beispiel verlängert sich in einer Studie die Zeitspanne bis zum Samenerguss von durchschnittlich 0,6 Minuten auf rund 6 Minuten.3 Dapoxetin ist allerdings nicht zur kontinuierlichen Einnahme zugelassen. Zudem ist dies schon wegen des hohen Preises kaum realistisch. Eine Tablette zu 30 mg oder 60 mg kostet aus einer Sechserpackung 11,35 Euro bzw. 13,94 Euro. Das ist ein Preisniveau, das für Lifestyle-Arzneimittel typisch ist. Die Krankenkassen erstatten die Kosten nicht.


Nicht immer geeignet

Bei einer Vielzahl von Vorerkrankungen darf man Dapoxetin nicht einnehmen, beispielsweise wenn im Stehen Kreislaufstörungen und Schwindel auftreten, bei Herzerkrankungen oder wenn gleichzeitig dem Dapoxetin chemisch nahe stehende Antidepressiva eingenommen werden. Angesichts des geringen Nutzens erscheinen uns häufige Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen und Übelkeit bei mindestens jedem Zehnten sowie Schwindel, Müdigkeit, Ohrenklingeln, Angst, Reizbarkeit, Libidoverlust und viele andere Störwirkungen nicht akzeptabel.
Bei Dapoxetin wird eine typische Nebenwirkung bestimmter Antidepressiva genutzt – sehr häufig beeinträchtigen sie das Ejakulationsvermögen – und zur Hauptwirkung erklärt. Das Ganze wird dann zu einem extrem hohen Preis vermarktet. Der insgesamt dürftige Nutzen und die häufigen Nebenwirkungen sprechen gegen das Medikament. Wir raten von der Einnahme ab.


Quellen
1    Waldinger, M.D. et al.: J. Sex. Med. 2008; 5: 966-997
2    „Spott in Frankreich“, Potsdamer Neueste Nachrichten vom 26. Mai 2009
3    arznei-telegramm 2009; 40: 54-56


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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