Zum Inhalt springen
© Detry26/iStock

Mit Jodsalz den Kropf besiegt

Wie Schweizer Ärzte Jodmangel als Ursache der vergrößerten Schilddrüse entdeckten

Die Schweiz war bis Anfang des 20. Jahrhunderts ein medizinischer Sonderfall: Nirgendwo sonst auf der Welt gab es so viele Menschen, die unter einer rätselhaften Krankheit litten. Sie hatten eine Schwellung am Hals, die so groß werden konnte, dass sie auf die Luftröhre drückte und zu Atemnot führte: der Kropf (medizinisch: Struma). Viele vom Kropf Betroffene waren körperlich und geistig kaum belastbar, litten unter chronischer Erschöpfung und froren ständig.

Doch das war noch nicht alles. Eine:r von 600 Schweizer:innen wurde taub geboren und in manchen Gegenden kam eines von zehn Kindern mit „Kretinismus“ zur Welt, wie es damals abwertend genannt wurde. Solche Kinder hatten zwar eine normale Lebenserwartung, waren aber kleinwüchsig, hatten Missbildungen des Skeletts, Sprachstörungen, Schwerhörigkeit, oft eine geistige Entwicklungsstörung – und einen Kropf.

Weil das Problem so verbreitet war, hatte die Schweiz unter ausländischen Reisenden den Ruf, von „Idioten bewohnt“ zu sein. 1880 schrieb der amerikanische Schriftsteller Mark Twain: „Ich habe die Hauptmerkmale der schweizerischen Landschaft gesehen – den Montblanc und den Kropf – auf, nach Hause.“1

Die Schweizer Theorie

1883 gab es eine erste Untersuchung mit detaillierten Zahlen aus allen schweizerischen Gemeinden. Sie zeigte: Der Kropf war überall, wenn auch unterschiedlich häufig. Die Wissenschaft rätselte: Warum war die Schweiz so stark betroffen?

Lange Zeit vermutete man, Keime im Wasser oder ansteckende Erreger im Kropfgewebe seien der Grund. Bis der Allgemeinarzt Heinrich Hunziker im Mai 1914 einen vielbeachteten Vortrag vor einer ärztlichen Fachgesellschaft hielt. Er hatte den wahren Krankheitsmechanismus erkannt: Der Kropf entstand, weil dem Körper Jod fehlte.

Schilddrüse und Jod

Heute weiß man, dass die Schilddrüse Jod braucht, um Hormone herzustellen, die an vielen lebenswichtigen Prozessen beteiligt sind. Bei einer Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) schlägt das Herz langsamer, die Betroffenen frieren, fühlen sich schwach, nehmen zu, werden teilnahmslos und vergesslich. Ein starker Jodmangel in der frühen Schwangerschaft erhöht das Risiko für Fehlbildungen und kann beim Baby zu einer angeborenen Unterfunktion der Schilddrüse führen, die mit Wachstumsstörungen und einer verzögerten geistigen Entwicklung einhergeht.

Jod war seit 1811 als Arzneistoff bekannt und wurde in verschiedenen Medikamenten eingesetzt. Hunzikers Logik zufolge war der Kropf eine Vergrößerung des Schilddrüsengewebes und entstand durch das Bemühen des Organs, den Jodmangel auszugleichen. Hunziker war sich sicher: Mit der richtigen Dosierung würde der Kropf zurückgehen und wiederkommen, sollte man die Zufuhr unterbrechen. Für die Behandlung des Mangelzustands reiche ein Zehntausendstel eines Gramms, also 100 Mikrogramm. Er empfahl, es einem Lebensmittel beizumischen, das die Menschen täglich verzehren: Salz.

Hunzikers Theorie glich einer Revolution. Denn dass Krankheiten durch Mangelernährung ausgelöst sein könnten, war ein neuer Gedanke und ging unter dem Namen „Schweizer Theorie“ in die Medizingeschichte ein.2

Jodsalz einführen: schwierig

Doch bis Hunzikers Empfehlung in die Tat umgesetzt wurde, dauerte es noch viele Jahre und es bedurfte der Entschlossenheit von zwei weiteren Männern. 1918 entwickelte Otto Bayard, Landarzt aus dem Kanton Wallis, ein Experiment, mit dem er die Wirkschwelle von Jod bestimmen wollte. Dazu gab er fünf Familien aus einem Kropfgebiet über fünf Monate hinweg unterschiedlich stark jodiertes Salz. Dabei fand er heraus, dass die niedrigste Dosis den größten Effekt zeigte.

Doch die Angst vor einer „Massenvergiftung“ war damit noch nicht gebannt und der Widerstand gegen das Jodsalz war sowohl in der Bevölkerung als auch bei Experten groß. Zu dieser Zeit enthielten Jod-Medikamente sehr großzügige Mengen, was zu Überdosierungen und Schilddrüsenüberfunktionen mit entsprechenden Nebenwirkungen wie hervortretenden Augen und Herzrasen führte (Jod-Basedow).

Hans Eggenberger, Chefarzt am Bezirksspital Herisau, beschloss, die Menschen aufzuklären und startete eine Kampagne. Mit einem Kino-Vortrag und Kropf-Präparaten ging er auf eine dreiwöchige Tour durch den Kanton Appenzell, benannte Jodsalz in „Vollsalz“ um und erreichte, dass die Presse darüber berichtete. Die Bevölkerung des Kantons verlangte daraufhin nahezu einstimmig nach dem Vollsalz. Das war im Jahr 1922 und die Schweizerische Kropfkommission sprach daraufhin eine offizielle Empfehlung für jodiertes Salz aus. Seit 1930 wurde in der Schweiz niemand mehr mit den sichtbaren Folgen einer durch Jodmangel bedingten Unterfunktion der Schilddrüse geboren.

Die Antwort liegt im Boden

Erst im Jahr 1954 gelang es, die Jodmangeltheorie endgültig zu belegen und 1965 fand man durch chemische Bodenanalysen heraus, dass die Schweiz durch Tauprozesse und Erosionen nach der Eiszeit das in der Oberflächenschicht enthaltene Spurenelement Jod nahezu vollständig verloren hatte.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass auch heute noch etwa 750 Millionen Menschen von Jodmangel betroffen sind. Hauptursache dafür: jod­arme Böden, auf denen jodarme Lebensmittel wachsen. Vor allem Gegenden, die weit von Küsten entfernt liegen, haben mit Jodarmut zu kämpfen. Hingegen ist in Lebensmitteln aus dem Meer viel Jod enthalten.3

In Deutschland wird seit den 1980er Jahren jodiertes Speisesalz in der Lebensmittelindustrie eingesetzt und für Privathaushalte empfohlen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Erwachsenen täglich 180 bis 200 Mikrogramm zuzuführen, Schwangeren 230 Mikrogramm. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stellt jedoch fest: „Die Jodversorgung ist noch nicht optimal und weist eine rückläufige Tendenz auf.“ Es empfiehlt konsequent Jodsalz zu verwenden und bei Fertigprodukten auf die Kennzeichnung zu achten. In der zulässigen Jodmenge von 15 bis 25 Milligramm pro Kilogramm Salz hält das BfR gesundheitliche Beeinträchtigungen für gesunde Menschen und Schilddrüsenkranke für sehr unwahrscheinlich.4

Wenn die Schilddrüse zu viel Hormon produziert – oder zu wenig

 

PDF-Download

– Gute Pillen – Schlechte Pillen 05/2023 / S.16