Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2017 / 04 S. 22

Glosse:

Das kleine „t“

Der Darm ist spätestens seit dem Bestseller „Darm mit Charme“ zum Lieblingsthema der Deutschen avanciert. So scheint‘s zumindest. Neuerdings begegnen uns allerorten auch die blühende Darmflora und das abenteuerliche Gewächs Mikrobiom. Ergänzt von den seit Jahrzehnten als vielversprechend gerühmten Probiotika. Und schließlich: Wer kennt nicht jemanden mit Reizdarmsyndrom, wenn er nicht gar selbst betroffen ist. Mit anderen Worten, vom Darm ist derzeit viel zu erwarten.

Selbiges hat auch das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) erkannt und gleich mal per App und unter www.aerzeblatt.de ein verblüffendes Studienergebnis in die Welt gezaubert: Darm- samt Depressionstherapie via Probiotika.1
Das ist doch irgendwie schön. Da schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe: Einerseits die unangenehmen Blähungen, den lästigen Durchfall und all die Bauchschmerzen beim Reizdarm. Andererseits geht es den bei diesen Patienten verbreiteten depressiven Stimmungslagen an den Kragen.

Was die Darmbeschwerden angeht, war das Studienergebnis nicht wirklich überzeugend.2 Denn nach sechs Wochen Behandlung mit oder ohne Probiotika vom Typ Bifidobacterium longum unterschieden sich die Mikroben und die Entzündungsfaktoren im Darm der Probiotika-Schlucker und der Placebo-Konsumenten nicht wirklich.

Aber das Spannendste ist natürlich die Sache mit den Depressionen. Können wir nun sagen: Schluckt Probiotika gegen Depressionen – zumindest wenn der Reizdarm plagt? Nein, so nicht. Denn es kommt auf das kleine „t“ an. Nicht umsonst titelte das DÄ „Probiotika könnten Depressionen bei Reizdarmsyndrom lindern“.

Der winzige Buchstabe „t“, der aus dem „können“ ein „könnten“ macht, hat seinen Grund: Zwar verflüchtigten sich bei 14 Reizdarmpatienten, die 6 Wochen das Probiotikum schluckten, die depressiven Beschwerden, aber auch 7 Placebo-Patienten ging es nach 6 Wochen psychisch etwas besser – genaugenommen um 2 Punkte auf einer Skala von bis zu 21, entworfen als Selbstbefragung bei leichten psychischen Verstimmungen.

Irgendwelche Unterschiede offenbarte noch das MRT3, aber leider, leider war das Ganze nur eine Pilotstudie mit gerademal 44 Teilnehmern … und finanziert von Nestlé … und ja, die verkaufen Bifidobactrium longum. Das steht nicht im DÄ, aber in der Originalpublikation und im Abstract. Dafür steht im DÄ ein Fehler: Nicht 10 Wochen, sondern nur 6 wurden die 44 Leutchen probiotisch oder placebomäßig behandelt.


1    Ärzteblatt (2017) 2. Juni www.aerzteblatt.de/nachrichten/76131/Probiotika-koennten-Depressionen-bei-Reizdarmsyndrom-lindern
2    Pinto-Sanchez M I (2017) Gastroenterology 3. Mai in press DOI: http://dx.doi.org/10.1053/j.gastro.2017.05.003
3    MagentResonanzTomographie

Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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