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©martinedoucet_iStock

Didier Raoult, Corona und (Hydroxy-)Chloroquin

Kein Nutzen der Medikamente bei Covid-19

Früh in der Pandemie behauptete der französische Forscher Didier Raoult, Hydroxychloroquin helfe gegen das Coronavirus. Inzwischen ist klar: Er hat schon früher Studien verfälscht. Verlässliche Untersuchungen haben den Nutzen der Wirkstoffe bei Covid-19 längst widerlegt. Raoult hielt an seinen Behauptungen fest.

Die Corona-Pandemie hat viele vermeintliche Wundermittel hervorgebracht. Gehypt wurden Anfang 2020 etwa Hydroxychloroquin und das chemisch eng verwandte Chloroquin. Beide werden seit vielen Jahren zur Prophylaxe und Behandlung von Malaria verwendet, Hydroxychloroquin auch gegen rheumatische Erkrankungen.

Dass bereits bekannte Medikamente für neue Erkrankungen eingesetzt werden, ist nicht ungewöhnlich. Dementsprechend testeten Forscher:innen weltweit zu Beginn der Pandemie bekannte Arzneistoffe darauf, ob sie gegen SARS-CoV-2 wirken. Bei Experimenten in Zellkulturen zeigten Chloroquin und Hydroxychloroquin Wirkung gegen Covid-19.

Voreilige Schlüsse

Einer der stärksten Verfechter der Mittel: Der französische Wissenschaftler und Arzt Didier Raoult. Er behandelte bereits Anfang 2020 Covid-19-Patient:innen mit Hydroxychloroquin und kam zu dem Schluss, dass es die Viruslast im Nasen-Abstrich deutlich reduziert.1

Die Vorabveröffentlichung dieser Daten am 16.3.2020 erhielt medial viel Aufmerksamkeit. Prominente wie Elon Musk und Donald Trump schwärmten von dem angeblichen Corona-Wundermittel in sozialen Medien und letzterer sogar auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus.

Mangelhafte Daten

Zahlreiche Wissenschaftler:innen kritisierten die Veröffentlichung von Raoult sofort: Seine Behauptungen basierten auf Daten von nur 42 Proband:innen, die Studie sei mit sechs Tagen zu kurz und wiese schwere methodische Mängel auf. Dementsprechend fehle den Versuchen jegliche Aussagekraft.2,3

Chloroquin hilft nicht gegen Corona

Weder Chloroquin noch Hydroxychloroquin sind in der EU für die Behandlung von Covid-19 zugelassen, auch nicht zur Vorbeugung einer Infektion.

Mittlerweile belegen zahlreiche Studien, dass Chloroquin und Hydroxychloroquin gar nicht vor einer Corona-Infektion schützen oder bei Covid-19 helfen.4 Die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA widerrief im Juni 2020 eine kurz zuvor erteilte Notfallgenehmigung,5 das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) warnte im November 2020 sogar ausdrücklich vor der Einnahme von Hydroxychloroquin gegen Covid-19, denn es kann unter anderem psychiatrische Störungen bis hin zu suizidalem Verhalten auslösen.6 Raoult setzte seine Studien trotz solcher Warnungen fort.

Gravierendes Fehlverhalten

Es war nicht das erste Mal, dass Didier Raoult es mit den Daten nicht so genau nahm. Anfang September 2022 wurde bekannt, dass die Universität Aix-Marseille sechs seiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen aus früheren Jahren wegen „schwerwiegender Mängel“ untersucht.7

Außerdem musste sich Raoult Ende 2020 vor einem Disziplinarausschuss der französischen Ärztekammer verantworten. Kolleg:innen beschuldigten ihn, mit seiner Propaganda für Hydroxychloroquin Menschenleben gefährdet zu haben, denn der Nutzen des Medikaments sei nicht bewiesen und die Nebenwirkungen teils schwerwiegend. Ende 2021 rügte die Ärztekammer sein Verhalten offiziell.8

Konsequenzen in Raten

Nach weiteren Ermittlungen wurde Raoults Forschungsinstitut unter die Vormundschaft der französischen Nationalen Agentur für Sicherheit von Arzneimitteln und Gesundheitsprodukten (ANSM) gestellt. Die ANSM kam 2022 zu dem Schluss, dass Raoult klinische Studien ohne Genehmigungen durchgeführt und Dokumente gefälscht hat.9
Ende August 2022 räumte Didier Raoult den Platz an der Spitze seines Forschungsinstituts in Marseille.

Was daraus zu lernen ist

Die ganze Geschichte ist nicht nur ein Beispiel von wissenschaftlichem Fehlverhalten, das zu schädlichen Behandlungsempfehlungen führte. Sie macht auch die Schattenseiten der unkontrollierten Veröffentlichungen von Forschungsergebnissen als „Pre-Prints“ deutlich, die während der Corona-Pandemie extrem zugenommen haben. Dabei wird unter Umgehung der üblichen Standards vorveröffentlicht. – Also ohne, dass unabhängige Wissenschaftler:innen die Richtigkeit und die Solidität der Daten überprüft hätten.

Dieser Artikel basiert auf einer Veröffentlichung in MedWatch und wurde aktualisiert. Dort finden sich auch weitere Quellenangaben:  https://medwatch.de/weitere-artikel/sars-cov-2-didier-raoult-und-sein-untergang/(Abruf 4.12.2022)

  1. Gautret P u.a. (2020) International Journal of Antimicrobial Agents; 56, S. 105949
  2. Piller C (2020) ‘This is insane!‘ Many scientists lament Trump‘s embrace of risky malaria drugs for coronavirus. Science 26. März 
  3. Bick E (2020) Thoughts on the Gautret et al. paper about Hydroxychloroquine and Azithromycin treatment of COVID-19 infections. Science Integrity Digest, 24. März
  4. Singh B u.a. (2021) Chloroquine or hydroxychloroquine for prevention and treatment of COVID-19. Cochrane Database of Systematic Reviews 2021, Issue 2. Art. No.: CD013587
  5. FDA (2020) Coronavirus (COVID-19) Update: FDA Revokes Emergency Use Authorization for Chloroquine and Hydroxychloroquine. 15 Juni (Abruf 4.12.2022)
  6. BfArM (2020) Hydroxychloroquin und Chloroquin: Psychiatrische Störungen. 27. Nov. (Abruf 4.12.2022)
  7. Retraction Watch (2022) Didier Raoult papers earn expressions of concern as criminal investigation gets underway. 8. Sept. (Abruf 8.12.2022)
  8. Le professeur Didier Raoult sanctionné d’un blâme par l’ordre des médecins. Le Monde 3. Dez. 2021 (Abruf 8.12.2022)
  9. ANSM (2022) Rapport préliminaire d’inspection Fondation IHU. 19. Januar (Abruf 8.12.2022)

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– Gute Pillen – Schlechte Pillen 01/2023 / S.16