Beugen Cranberrys doch Blasenentzündungen vor?
Wie ein aktualisierter Cochrane-Review die Lage jetzt bewertet
Blasenentzündungen sind für Betroffene – überwiegend Frauen – oft lästig und schmerzhaft, gerade, wenn sie immer wieder auftreten. Betroffene müssen dann oft zur Toilette gehen und das Wasserlassen schmerzt.
Wenn Maßnahmen wie eine vernünftige, nicht übertriebene Intimhygiene, ausreichend trinken oder Wasserlassen nach dem Sex nicht helfen, um wiederkehrenden Blasenentzündungen vorzubeugen, sind die weiteren Möglichkeiten bei hohem Leidensdruck unbefriedigend: Scheidencremes mit Hormonen oder Antibiotika zur Vorbeugung helfen nicht allen Frauen, außerdem kann es zu Nebenwirkungen kommen. Für die Wirksamkeit von Mannose oder einer „Impfung“ mit dem Mittel StroVac® fehlen ebenfalls verlässliche Belege.1
Was bringen Cranberrys?
Seit langem diskutiert die Fachwelt, ob in dieser Situation Cranberry-Produkte wie Säfte oder Kapseln helfen können. Cranberrys enthalten sogenannte Proanthocyanidine (PACs). Die Theorie: Diese sekundären Pflanzenstoffe sollen dafür sorgen, dass sich Bakterien nicht an die Schleimhäute von Blase und Harnleiter anheften und dadurch Entzündungen verursachen.
Bisherige klinische Studien konnten das in der Gesamtschau aber nicht belegen. Das internationale Forschungsnetzwerk Cochrane hat im April 2023 einen Review aktualisiert, der den Stand der Forschung zusammenfasst.2
Insgesamt fand das Review-Team 50 Studien zu Cranberry zur Vorbeugung von Blasenentzündungen, darunter 26 neue seit der letzten Review-Version. Acht Studien bezogen sich auf Frauen ohne besondere Risikofaktoren, die häufiger an Harnwegsinfekten erkrankten. Insgesamt rund 1.500 Teilnehmerinnen wurden nach dem Zufallsprinzip auf zwei Gruppen verteilt: Die eine erhielt ein Cranberry-Produkt, die andere Placebo. Über einen Zeitraum von drei bis zwölf Monaten erhoben die Forschungsteams, bei wie vielen Frauen in den beiden Gruppen Harnwegsinfekte auftraten.
Fasst man alle Studien zusammen, erspart Cranberry im Vergleich zu Placebo 63 von 1.000 Frauen eine Harnwegsinfektion. Dabei ist die statistische Unsicherheit jedoch hoch, der Wert kann zwischen 2 und 109 Frauen liegen. In beiden Gruppen bekamen ähnlich viele Frauen Magen-Darm-Beschwerden. Weil solche Probleme insgesamt eher selten waren (sie betrafen etwa 40 bis 50 von 1.000 Frauen), lässt sich das aber nicht exakt abschätzen.
Einige Fragen offen
Die meisten der Studien sind gut gemacht, allerdings fehlen in einigen Details, um die methodische Qualität sicher beurteilen zu können. Bis auf eine kamen die Studien auch alle zu einem sehr ähnlichen Ergebnis.
Die Mehrzahl der Studien waren öffentlich gefördert, bei einigen wenigen hatten Anbieter von Cranberry-Produkten die Untersuchungen gesponsort. Ob eine Studie herstellergesponsort war oder nicht, machte für die Ergebnisse aber keinen Unterschied.
Das Cochrane-Team fand auch Spuren von weiteren Studien, bei denen aber teilweise unklar ist, ob sie jemals wirklich begonnen haben. Für keine ließen sich Ergebnisse finden. Offen bleibt, ob die potenziell fehlenden Ergebnisse dieser Studien das Ergebnis des Reviews entscheidend beeinflussen würden.
Allerdings untersuchten die Forscher:innen in den acht Studien Cranberry-Produkte mit unterschiedlichen Zusammensetzungen aus verschiedenen Ländern. Es ist fraglich, ob sich die Ergebnisse auf Produkte, die auf dem deutschen Markt erhältlich sind, übertragen lassen. So ging es in einer finnischen Studie zum Beispiel um ein Cranberry-Preiselbeer-Saft-Konzentrat, in einer aus Tschechien und in einer aus Indien dagegen um verschiedene Pulver aus getrockneten Cranberrys. Die Produkte enthielten unterschiedliche Mengen an PACs, teilweise war das auch gar nicht deklariert. Viele der Produkte waren Lebensmittel, bei denen anders als bei pflanzlichen Arzneimitteln die Inhaltsstoffe nicht standardisiert sind.
Wie viel ist nötig?
Was die Bewertung ebenfalls erschwert: Es bleibt unklar, wie groß die Menge an enthaltenden Proanthocyanidinen in den Produkten für einen schützenden Effekt sein muss. Verschiedene Dosierungen haben nur sehr wenige Studien verglichen und die fanden keinen Unterschied zwischen höheren und niedrigeren Dosierungen.
Laut der Verbraucherzentrale gibt es bislang keine allgemein anerkannte Methode, mit der sich der PAC-Wert in Cranberry-Produkten bestimmen lässt, die mit den verschiedenen Methoden erhaltenen Werte können voneinander abweichen.3 Auch sage der PAC-Gehalt im Produkt noch nichts über die Bioverfügbarkeit aus, also wie schnell und in welchem Umfang der Wirkstoff vom Körper aufgenommen wird und an einem bestimmten Ort zur Verfügung steht. Die Bioverfügbarkeit kann sich je nach Produkt unterscheiden, je nachdem wie die Cranberrys verarbeitet wurden.
Bisher sind der EU keine gesundheitsbezogenen Aussagen (Health Claims) für Cranberry in Nahrungsergänzungsmitteln erlaubt. In Deutschland zugelassene Arzneimittel mit Cranberry konnten wir bei unserer Recherche nicht finden.
Was bleibt?
Trotz Hinweisen auf einen möglichen, wenn auch kleinen Nutzen bleiben viele Fragen offen: Auf welches Cranberry-Produkt, das in Deutschland erhältlich ist, lassen sich die Studienergebnisse übertragen? Welchen Stellenwert haben Cranberry-Produkte im Vergleich zu anderen Optionen, etwa Antibiotika? Für verlässliche Antworten bräuchte es weitere Studien.
Es bleibt also unklar, wie viel welches Cranberry-Produkt beim Vorbeugen von wiederkehrenden Harnwegsinfekten bringt – und der Markt bleibt für Verbraucher:innen unübersichtlich.
Stand: 28. August 2023 – Gute Pillen – Schlechte Pillen 05/2023 / S.12