Antidepressiva bei Depression: Was bringt ein Gentest?
Helfen pharmakogenetische Tests, bei Depressionen das passende Medikament zu finden?
Schneller Depressionen lindern, Medikamente besser vertragen: Das versprechen Gentests, die Arzt oder Ärztin bei der Auswahl des richtigen Antidepressivums helfen sollen. Belege dafür, dass es nützt, sind aber weiterhin dünn.
Verraten die Gene, wie gut ein bestimmtes Antidepressivum einer Person helfen kann? Das suggerieren zumindest die Anbieter von sogenannten pharmakogenetischen Tests, die für diesen Zweck beworben werden. Die Idee hinter vielen dieser Tests: Manche Menschen verstoffwechseln aufgrund bestimmter Gen-Varianten einige Medikamente, darunter auch Antidepressiva, besonders schnell oder besonders langsam. Das könnte theoretisch dazu führen, dass das Arzneimittel nicht so gut wirkt oder schlechter verträglich ist.1
Entsprechende Tests sind schon seit geraumer Zeit auf dem Markt und müssen oft von Patient:innen aus eigener Tasche bezahlt werden: Dann können schnell mehrere Hundert Euro anfallen. Lohnt sich das? Das lässt sich nur mit aussagekräftigen Studien beantworten, die den Nutzen solcher Tests für Patient:innen untersuchen.
Was sagt die Wissenschaft?
Inzwischen gibt es eine ganze Menge solcher Studien. Zwei Bewertungsberichte kanadischer Behörden, genauer gesagt von Ontario Health2 und CADTH,3 haben diese zusammengefasst. Das Fazit ist allerdings ziemlich unbefriedigend.
Trotz umfangreicher Daten lassen sich aus ihnen keine verlässlichen Schlussfolgerungen ziehen. In der Zusammenschau kommen die Studien zu widersprüchlichen Ergebnissen, ob die pharmakogenetischen Tests tatsächlich dabei helfen, für Patient:innen besser wirksame oder verträglichere Antidepressiva zu finden. Außerdem sind viele der Untersuchungen nicht gut gemacht, sodass sie vermutlich keine verlässlichen Ergebnisse liefern.
Hinzu kommt, dass die kommerziell verfügbaren Tests auf mehrere Gen-Varianten testen, teilweise auch auf unterschiedliche. Die Ergebnisse des einen Tests lassen sich deshalb nicht einfach auf andere Tests übertragen. Ein in Deutschland viel beworbener Test untersucht beispielsweise nur zwei Gene, während in den Studien die Tests acht bis zwölf Gene unter die Lupe nahmen.
Nutzen höchstens für wenige
Zwei neuere Studien aus den USA4 und Kanada5 bestätigen diesen Eindruck: Wenn es überhaupt einen positiven Effekt gibt, ist er sehr klein, und auch das ist eher unsicher. Die Betroffenen bemerkten in den meisten Fällen keine spürbare Verbesserung, und besser verträglich wurde die Therapie auch nicht. Die Mehrheit der Teilnehmenden hatten bereits vor den Tests Antidepressiva erhalten, die zu ihrer genetischen Ausstattung passten – selbst wenn Arzt oder Ärztin diese nicht kannten. Die meisten Patient:innen konnten deshalb von einem genetischen Test sowieso keinen Nutzen haben.
Keine Empfehlung für alle
Bisher ist es unklar, wer überhaupt bei einer Behandlung mit Antidepressiva von den pharmakogenetischen Tests profitieren könnte. Die deutsche Nationale Versorgungsleitlinie Unipolare Depression weist darauf hin, dass die Tests bisher in der Regel keine Hilfe bei der Auswahl der Mittel sind, wenn eine Behandlung mit einem Antidepressivum neu startet.
Andere Gründe ausschließen
Auch wenn Patient:innen ein Medikament nicht ausreichend hilft, sind zunächst andere Ursachen zu klären: Etwa, ob tatsächlich die richtige Diagnose gestellt wurde, ob die Patient:innen das Antidepressivum tatsächlich wie vorgesehen einnehmen oder ob es möglicherweise Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten oder Lebensmitteln wie Grapefruitsaft gibt.
Arzt oder Ärztin können auch im Blut untersuchen, ob dort die richtige Menge des Wirkstoffs ankommt. Nur wenn das nicht der Fall ist und die anderen Gründe vermutlich nicht infrage kommen, kann ein pharmakogenetischer Test möglicherweise helfen, die Ursache abzuklären. Ob er für die Anpassung der Dosis unbedingt notwendig ist, bleibt aber unklar.6 Das wird vermutlich nur bei den allerwenigsten Menschen der Fall sein, die Antidepressiva einnehmen.
Stand: 2. Januar 2023 – Gute Pillen – Schlechte Pillen 01/2023 / S.26