Tollwut-Impfung: Welche Risiken Louis Pasteur bei der Entwicklung einging
Hauptsache erfolgreich? Aus heutiger Sicht werfen Pasteurs Versuche viele Fragen auf
Tollwut verläuft unbehandelt immer tödlich. Im 19. Jahrhundert war das an der Tagesordnung, denn viele Hunde trugen das Virus in sich. Bis der Chemiker Louis Pasteur eine erfolgreiche Impfung fand – und dabei große Risiken einging.
Am 6. Juli 1885 reiste der neunjährige Joseph Meister zusammen mit seiner Mutter aus einem kleinen Ort im Elsass nach Paris. Der Junge war vom tollwütigen Hund des örtlichen Delikatessenhändlers angefallen und 14-mal gebissen worden – wenn er sich angesteckt hatte, war das eigentlich ein sicheres Todesurteil. Ein Glück, dass der hinzugerufene Arzt erst kurz davor in einer medizinischen Fachzeitschrift von einer Tollwutimpfung gelesen hatte. Sie sei erfolgreich an Hunden getestet worden. Der Erfinder, der in Paris ansässige Louis Pasteur, sollte nun das Leben des Jungen retten.1
Ungewisse Hoffnung
Doch Louis Pasteur war Chemiker, kein Arzt, und durfte deshalb das Kind nicht selbst behandeln. Zudem war klar, dass sein Verfahren möglicherweise gefährlich war. Pasteur hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein Jahr lang verschiedene Versuche mit Hunden gemacht. Bei einem Versuch mit drei unterschiedlichen Methoden bei Versuchshunden, die zuvor von tollwütigen Artgenossen gebissen worden waren, starben mehrere Tiere in allen Versuchsgruppen.2
Aber Pasteur erprobte seine Lösung auch an Menschen. Bei einem Erwachsenen mit Tollwut-Symptomen konnte Pasteur nur einmal die von ihm entwickelte Impf-Lösung spritzen. Das behandelnde Krankenhaus erlaubte ihm keine weitere Injektion. Was daraufhin mit dem Mann geschah, ist nicht dokumentiert. Ein Mädchen mit Tollwut-Symptomen verstarb im Juni 1885 nach zwei Injektionen einen Tag nach Behandlungsbeginn.2
Das alles deutete darauf hin, dass die von Pasteur entwickelte Impfung eigentlich noch nicht reif für einen weiteren Heilungsversuch war. Pasteur entschied sich dennoch dafür und bat zwei befreundete Ärzte, die Behandlung bei dem jungen Joseph Meister zu versuchen.
Chemie und Infektionen
Louis Pasteur hatte sich zunächst mit der Erforschung der alkoholischen Gärung, später mit Konservierungsmethoden von Essig, Wein und Bier einen Namen gemacht. Das von ihm entwickelte Verfahren ist als Pasteurisierung bekannt und wird bis heute verwendet, um Lebensmittel wie Milch haltbar zu machen.
Im Auftrag der französischen Regierung untersuchte er verschiedene Infektionskrankheiten. Die Erforschung eines Tollwut-Impfstoffes hatte bereits 80 Jahre vor Pasteurs Arbeiten begonnen. Dabei hatten mehrere Forscher belegen können, dass der Erreger durch Speichel von infizierten Tieren übertragen wurde. Heute weiß man: Der Tollwut-Erreger gehört zur Familie der Rabies-Viren und kann über infizierte Nervenleitbahnen das Gehirn erreichen. Bis zum Auftreten der ersten Symptome kann es Tage bis Monate dauern. Die Krankheit äußert sich durch Lähmungen, Hirnentzündung, vermehrten Speichelfluss und einer Angst vor Wasser. Erkrankte verweigern das Trinken. Ohne Behandlung führt die Krankheit immer zu Koma und Tod.3
Das Virus erreicht das Gehirn
Pasteur fand als Erster heraus, dass das Tollwut-Virus das zentrale Nervensystem befällt. Um das nachzuweisen, hatte er Hirnsubstanz von einem an Tollwut verstorbenen Hund zu einer Lösung verarbeitet und diese anschließend mehreren Kaninchen verabreicht. Sie erkrankten daraufhin an Tollwut. Das funktionierte auch zuverlässig, wenn er das Gewebe der kranken Kaninchen weiteren Tieren verabreichte.
Infiziertes Gewebe war auch die Ausgangsbasis für seine Impflösung. Dafür verwendete er ein an Tollwut gestorbenes Kaninchen, dessen Rückenmark er zuvor 14 Tage lang getrocknet hatte. Weitere Lösungen enthielten infiziertes Rückenmark, das er kürzer trocknen ließ. Diese Lösungen bildeten die Grundlage für sein Impfschema: zwölf Spritzen an zehn aufeinander folgenden Tagen, wobei die jeweils nächste frischeres und damit ansteckenderes Gewebe enthielt. Die letzte Injektion enthielt Rückenmark, das nur vier Tage lang getrocknet war.
Diese Lösungen verabreichte er gesunden Hunden, zwei Wochen später folgte infektiöses Rückenmark. Doch nichts geschah, die Hunde wurden nicht tollwütig. Das betrachtete Pasteur als Nachweis, dass die Vorbehandlung die Hunde unempfindlich für den Erreger gemacht hatte.4
Nach diesem Impfschema wurde auch der kleine Joseph Meister behandelt. Er hatte bei Behandlungsbeginn noch keine Symptome entwickelt und das blieb auch so, bis er sechs Wochen später nach Hause fuhr. Ob sich der Junge wirklich bei dem Hund mit Tollwut angesteckt hatte, ließ sich im Nachhinein allerdings nicht mehr klären.
Kritik an Pasteur
Pasteurs Methode war in Medizin und Wissenschaft auch umstritten. So warfen ihm einige Kollegen vor, dass er seinen Impfstoff vorschnell an Menschen getestet hatte und Ergebnisse, die nicht ins Konzept passten, verheimlichte. Letzteres würde man heute als schlechte Wissenschaft oder sogar Betrug bezeichnen. Pasteur machte sich auch dadurch unbeliebt, dass er auf viele seiner Verfahren Patente anmeldete und so finanzielle Vorteile aus seinen wissenschaftlichen Ergebnissen zog.
Tollwut heute
Heute werden für die Tollwut-Impfung Totimpfstoffe aus inaktivierten Viren verwendet. Meist bekommen sie Betroffene nach einem Biss, wenn bei dem Tier der Verdacht auf Tollwut besteht. Medizinische Fachleute bezeichnen das als Post-Expositions-Prophylaxe. Bei hohem Risiko bekommen die Patient:innen oft auch gleichzeitig Tollwut-Immunglobulin, also Antikörper, um die Zeit zu überbrücken, bis der Körper nach der Impfung einen Immunschutz aufgebaut hat (passive Impfung).
Vor einem Kontakt ist die Tollwut-Impfung nur für wenige Menschen empfohlen, etwa bei regelmäßigem Umgang mit Fledermäusen oder bei Reisen in Gegenden, in denen viele Tiere mit Tollwut infiziert sind und die Reisenden vermutlich mit ihnen in Kontakt kommen.
Trotzdem sterben weltweit jedes Jahr 60.000 Menschen an Tollwut, die meisten davon in Afrika und Asien. In Deutschland und Österreich gilt die Tollwut seit 2008 durch die systematische Immunisierung von Füchsen praktisch als ausgerottet, nur bei Fledermäusen gibt es sie noch. Der letzte deutsche Tollwut-Fall trat allerdings 2007 bei einem Mann auf, der in Marokko von einem streunenden Hund gebissen worden war. Er starb.5
Stand: 24. Oktober 2023 – Gute Pillen – Schlechte Pillen 06/2023 / S.24