MMS: Lebensgefährliche Verätzung bei Kleinkind
Angebliches Wundermittel schadet der Gesundheit
Das besonders bei Heilpraktiker:innen beliebte MMS soll angeblich gegen viele Krankheiten helfen. Ein zweijähriges Kind brachte das Mittel ins Krankenhaus.
In manchen Kreisen gilt es als wahres „Wundermittel“, in Wirklichkeit kann es aber lebensgefährlich sein: MMS (Miracle Mineral Supplement). Aus den zwei Komponenten Natriumchlorit und einer Salz-, Zitronen- oder Milchsäurelösung entstehen beim Mischen Chemikalien, die industriell als Bleichmittel oder zur Desinfektion verwendet werden. Im menschlichen Körper können sie in den verwendeten Konzentrationen erhebliche Schäden anrichten.
Über einen solchen Fall berichtete die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.1 Ein Kleinkind musste im Krankenhaus wegen schwerer innerer Verätzungen und zu niedriger Sauerstoffwerte im Blut behandelt werden, nachdem es MMS verschluckt hatte. Ein Heilpraktiker hatte das Mittel dem Großvater des Kindes als „Darmkur“ verordnet. Der Zweieinhalbjährige konnte die Lösung nur teilweise wieder ausspucken. Bald litt das Kind an Erbrechen und Durchfall, es ging ihm zunehmend schlecht.
Im Krankenhaus angekommen, waren seine Lippen blau und die Haut grau, sodass künstliche Beatmung und neben anderen Behandlungen Bluttransfusionen nötig wurden. Beim Blick in den Magen zeigte sich, dass die giftige Lösung die Schleimhaut stark verätzt hatte.
Innerlich und äußerlich riskant
Nach Empfehlung von Heilpraktiker:innen sollen die Anwender MMS trinken, als Einlauf anwenden oder Bäder damit nehmen. Was Anwender:innen oft nicht klar ist: Beim Einnehmen kann es zu Übelkeit, Erbrechen und Durchfall kommen. Im Extremfall kann das zu lebensbedrohlicher Austrocknung und Nierenversagen führen. Bei äußerlicher Anwendung sind Verätzungen der Schleimhäute, der Augen und Atemwege möglich. Wie im Falle des Kindes kann das Blut die Fähigkeit verlieren, Sauerstoff zu binden.
Kein Einzelfall
MMS ist eine Erfindung des US-amerikanischen Verschwörungsmystikers Jim Humble, der sich selbst als außerirdische Gottheit bezeichnet. Seine Anhänger:innen und viele Heilpraktiker:innen behaupten, die Chemikalien seien wirksam gegen Malaria, Aids, Covid-19, Krebs, Autismus oder Alzheimer. Doch es fehlen sowohl sinnvolle Erklärungen als auch aussagekräftige Studien, die dafür sprechen würden, dass MMS diese Krankheiten heilt.
Dagegen sind die giftigen Wirkungen der MMS-Lösung gut dokumentiert. Denn der Fall des zweieinhalbjährigen Jungen ist keine Einzelerscheinung. 150 MMS-Vergiftungen meldeten die für Mittel- und Norddeutschland zuständigen Giftinformationszentralen seit 2010.
Als Sondermüll entsorgen
Zahlreiche Gesundheitsbehörden weltweit und GPSP warnten mehrfach, dass MMS gefährlich und unwirksam ist. Wenn bei Ihnen oder bei Familie, Freunden und Bekannten Zutaten der MMS-Lösung stehen sollten: Entsorgen Sie die Lösungen schnellstmöglich. Aber bitte die giftigen Chemikalien nicht in den Abfluss kippen, sondern als Sondermüll entsorgen. Die regionale Abfallwirtschaft gibt Hinweise, wie die Entsorgung in Ihrer Kommune geregelt ist.
Stand: 1. November 2023 – Gute Pillen – Schlechte Pillen 06/2023 / S.08