Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2007 / 03 S. 06

EU will Werbeverbot für rezeptpflichtige Medikamente kippen

Verbraucherschutz ade?

Fernsehwerbung für Hormonpräparate vor den 20-Uhr-Nachrichten? Was in den USA längst Usus ist, davon bleiben wir bislang verschont. Arzneimittelhersteller dürfen in Deutschland nicht direkt beim Verbraucher für verschreibungspflichtige Präparate werben. Die so genannte DTCA (= direct to consumer advertising) ist (noch) illegal. Die Industrie hat aber ein enormes Interesse daran, dies zu ändern. Befürworter der Direktwerbung behaupten, dass sie dem Verbraucher wichtige Informationen biete und ihm helfe, sich aktiv für seine Gesundheit einzusetzen. Tatsächlich desinformiert Direktwerbung aber und schürt den Wunsch nach teuren neuen Produkten, die oftmals gar nicht nötig sind.

USA und Neuseeland sind bislang die einzigen Industrienationen, in denen Pharmahersteller öffentlich für verschreibungspflichtige Präparate werben dürfen. Besonders verbreitet ist Fernsehwerbung. Amerikaner sehen pro Jahr im Durchschnitt 16 Stunden Werbespots für Arzneimittel. Dies ist weit mehr Zeit als sie beim Arzt verbringen. Eine genaue Untersuchung der Spots brachte zutage, dass der angebliche Nutzen der Arzneimittel in der Regel unangemessen und übertrieben dargestellt wird. Der Informationsgehalt der Fernsehwerbung war dagegen gering. Fast alle Spots waren emotional aufgeladen. Deshalb konnten sich die Zuschauer nachher wenig auf die – ohnehin spärlichen – Angaben zu Risiken erinnern. In allen Werbesendungen fehlten Hinweise darauf, dass Behandlungen ohne Arzneimittel – also beispielsweise Änderungen der Lebensweise – mögliche Alternativen sind. Im Gegenteil: In jedem fünften Werbespot wurde behauptet, eine Änderung der Lebensweise reiche nicht aus. Mehr als jede zweite Werbung (58%) pries das  Produkt als angeblichen medizinischen Durchbruch.1 Behauptungen, die sich meist wissenschaftlich nicht belegen lassen. Mit anderen Worten: Werbung statt Information.


EU Kommission VerbraucherschutzEuropa unter Druck der Industrie

In den USA gibt es neuerdings starke Bemühungen, Direktwerbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel einzuschränken.2 In Neuseeland fordern Ärzte, Verbraucherorganisationen und unabhängige Patientenverbände einhellig, diese Art Reklame wieder ganz abzuschaffen.3 In Europa hingegen verstärken Pharmahersteller und auch die Europabürokratie die Bemühungen, Direktwerbung einzuführen. So wird der EU-Vizepräsident und Wirtschaftskommissar Günter Verheugen nicht müde zu betonen, dass das Vertrauen von Bürgern in Informationen, die die Industrie verbreitet, gestärkt werden müsse. Die bisherige Information der Verbraucher bezeichnet er als „inakzeptabel“.4 Zwar wird immer wieder beteuert, es gehe nicht um die Einführung von DTCA im US-Stil,5 aber letztlich will die EU-Kommission der Industrie bei der Beeinflussung von Patienten freie Bahn lassen.

Verheugen düngt damit den Boden für die Pharmaindustrie. Die Firmen Johnson & Johnson, Pfizer, Novartis und Procter & Gamble, und damit vier der weltgrößten Arzneimittelhersteller, haben bereits ein Pilotprojekt für ein europaweites Pharma-TV gestartet. Nachrichten für die Gesundheit, Informationen zu Krankheiten und natürlich auch zu Produkten der Hersteller sind vorgesehen. Finanziert werden soll das Ganze durch die Pharmaindustrie. Information und Werbung dürften dabei für den medizinischen Laien wohl kaum zu unterscheiden sein. Eine zehnminütige Pilot-DVD gibt es schon. Die Firmen scheinen davon auszugehen, dass das Verbot für die öffentliche Bewerbung von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln bald fallen wird und verstärken den Druck auf Politiker.

GPSP wird sich gemeinsam mit anderen unabhängigen Arzneimittelzeitschriften dafür einsetzen, dass das Werbeverbot in Europa erhalten bleibt. Peter Mansfield, Direktor der australischen Verbraucherinformation „Healthy Skepticism“, bringt die Erfahrungen aus den USA und Neuseeland auf den Punkt: „Direktwerbung treibt den Konsum von Arzneimitteln in die Höhe und damit die Umsätze von Firmen, die Arzneimittel anbieten und hierfür Werbung machen.“ Direktwerbung beim Verbraucher erhöht auch die Arbeitsbelastung der Ärzte, die desinformierende Werbung kommentieren und korrigieren müssen. Daraus entstehen Kosten, die letztlich auf die Krankenkassen beziehungsweise die Versicherten abgewälzt werden. Eine gute Aufklärung der Verbraucher lässt sich mit geringeren Kosten und besserer Wirkung durch öffentliche geförderte unabhängige Medikamenten-Informationsdienste machen.3


Quellen
1    Frosch, D.L. et al.: Ann. Fam. Med. 2007; 5: 6-13
2    Shuchman, M.: N. Engl. J. Med. 2007; online veröffentlicht am 2. Mai 2007
3    Mansfield, P.R. et al.: Brit. Med. J. 2005; 330: 5-6
4    Verheugen, G.: „Delivering better information, better access and better prices”, Pharmaceutical Forum 29. September 2006; zu finden über: http://europa.eu
5    Information müsse als Schlüssel zur korrekten Anwendung von Arzneimitteln verstanden werden. In Europa wolle man aber nicht den Weg wie die USA beschreiten, Direktwerbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel zu legalisieren. Es gehe vielmehr um einen konstruktiven Dialog über sachgerechte Patienteninformation – eine Forderung, zu der der Vize-Präsident der EU-Kommission, Günter Verheugen, eine Novellierung der EU-Gesetzgebung ankündigte. www.msd.de/aktuelles/ak_070515_00036.html


Irreführung programmiert

Was Patienten bei der Einführung von Direktwerbung für rezeptpflichtige Arzneimittel erwartet, zeigt diese Anzeige aus Neuseeland zur Therapie nach Brustkrebs­operationen. Die Werbung behauptet: „Arimidex kann die Wahrscheinlichkeit, wieder an Brustkrebs zu erkranken, um 41% reduzieren.“

Das klingt wie eine gute Nachricht: Es suggeriert, dass Patientinnen mit Brustkrebs eine wesentlich höhere Überlebenschance hätten, wenn sie mit Arimidex® (Anastrozol) statt dem Standardmedikament Tamoxifen behandelt werden. Keine Studie hat bisher überzeugend gezeigt, dass unter Anastrozol weniger Frauen sterben als unter Tamoxifen.1 Das erfährt man in der Werbung natürlich nicht.

Wie kommt die Zahl von 41% überhaupt zustande?

Vermutlich bezieht sie sich auf zwei Studien, bei denen unter Anastrozol 4,1% der Frauen und unter Tamoxifen 6,8% wieder Brustkrebs bekamen.2 Das ist zwar ein Unterschied von 40%, in absoluten Zahlen bedeutet das aber: Von 100 Frauen nach Brustkrebsoperation haben 2 bis 3 weniger einen Rückfall (Rezidiv), wenn sie Anastrozol eingenommen haben und nicht etwa 41. Die 41%, die in der Werbung dick hervorgehoben werden, sind eine irreführende Darstellung der Ergebnisse. Und noch einmal, es gibt keine seriösen Belege dafür, dass die Frauen durch Anastrozol länger leben. Werbeaussagen, die falsche Erwartungen wecken, sind bei Medikamenten besonders heimtückisch. Patientinnen haben kaum eine Möglichkeit, die Richtigkeit solcher Aussagen zu überprüfen.


Quellen
1    Der Arzneimittelbrief 2005, 39, 81; arznei-telegramm 2006, 37: 19-21
2    Jakesz, R. et al: Lancet 2005, 366: 455-462



Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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