Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2011 / 05 S. 04

Aknetabletten mit Isotretinoin

Gefahr von Selbsttötungen

© Klaus-Peter Adler/ Fotolia

Bei besonders schwerer Akne verschreiben Ärzte Isotretinoin-Tabletten. Bereits Ende der 1980er Jahre sorgte die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA dafür, dass aus den Produktinformationen Risiken wie Depression und Selbsttötung klar hervorgehen.1 Im Laufe der Jahre verschärfte die FDA ihre Warnungen beträchtlich. Hierzulande werden die Risiken des Aknemittels weniger deutlich kommuniziert. Das mag dazu beitragen, dass sie bisweilen unterschätzt werden.

Für einige Betroffene ist Akne kein vorübergehendes Problem der Pubertät. Manche junge Menschen leiden so an schwerer Akne, dass sie sich aus ihrem Freundeskreis zurückziehen. Wenn die üblichen Präparate, Antibiotika, die man auf die Haut aufträgt oder auch als Tabletten einnimmt, nicht ausreichend geholfen haben, verordnen Hautärzte Isotretinoin- Tabletten. Dieser Wirkstoff ist nur für besonders schwere Akne zugelassen, also wenn zum Beispiel bleibende Narben zu befürchten sind. Isotretinoin-Tabletten sind somit ein Mittel der letzten Reserve! Und dies aus gutem Grund: Die Behandlung kann relativ häufig zu schweren unerwünschten Wirkungen führen, beispielsweise zu starker Trockenheit von Haut und Augen, zu Gelenkschmerzen oder zum Anstieg von Blutfettwerten. Frauen, die schwanger werden könnten, dürfen Isotretinoin nur dann einnehmen, wenn sie eine Schwangerschaft zuverlässig verhüten. Denn das Risiko, ein fehlgebildetes Kind zu bekommen, ist extrem hoch.

Bedrohlich sind auch die Wirkungen auf die Psyche, wie etwa Depressionen, Selbsttötungsgedanken und Selbsttötung. Eine erschreckende Zahl: Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hat seit 1995 mehr als 700 Selbsttötungsversuche und Selbsttötungen in Verbindung mit Isotretinoin erfasst. Man muss allerdings berücksichtigen, dass die Erkrankung selbst – also eine schwere Akne – starke Depressionen und somit auch Gedanken an Selbsttötung auslösen kann.

Dies bestätigt jetzt eine rückblickende Studie, die Daten aus schwedischen Krankenregistern ausgewertet hat.2 Von knapp 5.800 15- bis 49-Jährigen, die ihre schwere Akne mit Isotretinoin behandelten, nahmen sich 128 das Leben oder wurden wegen eines Selbsttötungsversuches in eine Klinik aufgenommen – das sind immerhin fast 3 von 100. Einige der Aknekranken dachten bereits vor Therapie- beginn an Selbsttötung. Dies bestätigt ihren enormen seelischen Leidensdruck. Die Häufigkeit von Gedanken an Selbsttötung oder deren Umsetzung nimmt während der Therapie mit Isotretinoin und in den Monaten danach offenbar sogar noch zu. Eigentlich wären in diesem Zeitraum, in dem sich die Hautbeschaffenheit bessert, eher eine psychische Entlastung und damit weniger SelbsttöSelbsttötungen zu erwarten. Dass dies nicht der Fall ist, beruht wahrscheinlich auf Effekten von Isotretinoin. Möglich ist aber auch, merken die Autoren an, dass auf die Besserung der Akne nicht automatisch die erhoffte Besserung der sozialen Kontakte folgte, die wegen der Erkrankung zuvor stark eingeschränkt waren.

Die Intensität der Berichte über Selbsttötungsbestrebungen bei Menschen, die Isotretinoin einnehmen, ist auch in Internetforen bestürzend. Wahrscheinlich wird derzeit rund 50.000 Menschen in Deutschland Isotretinoin verordnet. Nach den Ergebnissen der genannten Studie ist bei mindestens 20 von ihnen mit einem Selbsttötungsversuch zu rechnen. Im Voraus lässt sich nicht erkennen, wer besonders gefährdet ist.

Es gilt daher, Aknekranke so gut wie möglich aufzuklären und zu schützen:

  • Ärzte dürfen Isotretinoin-Tabletten tatsächlich nur dann verordnen, wenn andere Aknemittel zuvor versagt haben. Und sie müssen ihre Aknepatienten ausführlich über die besonderen Risiken von Isotretinoin informieren.
  • Auch die Angehörigen müssen wissen, dass die Tochter oder der Sohn Isotretinoin einnimmt und dass sich auch Monate nach der Einnahme schwere Depressionen und Selbsttötungstendenzen entwickeln können.
  • Isotretinoin sollte man absetzten und seinen Arzt oder seine Ärztin kontaktieren, sobald eines der folgenden Symptome ungewöhnlich stark auftritt: Traurigkeit, Lustlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle, Konzentrationsstörungen, Müdigkeit, Unruhe, Gereiztheit, vermehrtes Schlafbedürfnis oder Schlafstörungen.3

Quellen
1 arznei-telegramm (1998) Nr. 4 S. 43
2 Sundström A et al. (2011) Br Med J 341, S. c5812
3 arznei-telegramm (2005) 36, S. 92


Suizid als "Nebenwirkung"

Jedes Jahr sterben viele Menschen in Deutschland durch Selbsttötung, etwa zehnmal soviel versuchen es. Die Ansicht ist verbreitet, dass der selbst verursachte Tod immer Folge von Depression, letzter Verzweiflung, extremer Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit sei, also mit unglücklichen Lebensumständen zu tun habe. Aber die Neigung zum Suizid kann auch eine erbliche Komponente haben. Medikamente können ebenfalls den Hirnstoffwechsel so beeinflussen, dass sie Depressionen und Suizide auslösen, beispielsweise neben Isotretinoin, die unter anderem gegen Leberentzündungen verordneten Interferone, Antibiotika wie Gyrasehemmer (z.B. Ofloxacin) und paradoxerweise sogar Antidepressiva (GPSP 1/2008, S. 12).


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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