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Diphtherie: Wie Emil von Behring zum „Retter der Kinder“ wurde

Die Entdeckung der „Serumtherapie“ mit Antikörpern

Früher starben vor allem Kleinkinder an Diphtherie. Der Arzt Emil von Behring fand ein Heilmittel gegen die weit verbreitete Infektionskrankheit.

Im 19. Jahrhundert fürchteten besonders Eltern die Diphtherie – denn an der damals in vielen Regionen wütenden Infektionskrankheit starben vor allem Babys und Kleinkinder.1 Die Krankheitserreger werden hauptsächlich beim Husten oder Niesen übertragen und verursachen so Rachen-Diphtherie.

Anfangs macht sich diese meist durch Halsschmerzen, Fieber und Probleme beim Schlucken bemerkbar, später durch Heiserkeit und geschwollene Hals-Lymphknoten. Auf den Mandeln bildet sich ein gelb-weißer, fest haftender Belag: die Pseudomembran. Sie breitet sich mitunter bis zum Kehlkopf aus und kann so zu Atemnot und schließlich zum Erstickungstod der meist jungen Patient:innen führen. Deshalb nannte man die Kehlkopf-Diphtherie früher auch „Würgeengel der Kinder“. Häufig versuchten Ärzte, die Kinder mit einem Luftröhrenschnitt (Tracheotomie) zu retten.2 Doch dieser Eingriff bekämpfte nicht die Krankheit, sondern behandelte nur die Symptome. Zudem war er gefährlich, weil etwa Keime in die Wunde gelangen konnten. Eine bessere Behandlungsmethode musste deshalb her.

Behrings Idee

1888 trat der Arzt Emil Behring eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent von Robert Koch am Hygiene-Institut der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin an. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Mann galt als fleißig und ehrgeizig, aber auch als schwierig gegenüber Kollegen. Doch er hatte eine geniale Idee zur Bekämpfung der Diphtherie.

Dank der Arbeit von Friedrich Loeffler, ebenfalls ein Mitarbeiter von Koch, wusste man damals schon, dass der Diphtherie-Erreger ein stäbchenförmiges Bakterium namens Corynebacterium diphtheriae war. Dieses bildet ein Gift (Toxin), das für die tödlichen Verläufe der Krankheit sorgte. Ein wirksames Mittel gegen die Diphtherie entdeckte aber erst Behring zusammen mit dem japanischen Forscher Shibasaburō Kitasato und seinem Kollegen Erich Wernicke.

Behring wusste, dass bei Seuchenausbrüchen nicht jeder gleich schwer oder überhaupt erkrankte. Er nahm an, dass manche Menschen körpereigene „Gegengifte“ hatten, die die Diphtherie bekämpfen konnten. Um das zu prüfen, verabreichte er Ratten, Meerschweinchen und Kaninchen abgeschwächte Formen des Diphtherie-Erregers. Die Versuchstiere bildeten, wie wir heute wissen, im Blut Antikörper. Behring nannte es damals noch Antitoxin (Gegengift). Behring entnahm den infizierten Tieren Blut, trennte die Blutzellen ab und spritzte das verbleibende Serum mit den Antikörpern Tieren, die er zuvor mit Diphtherie-Erregern infiziert hatte. Tatsächlich wurden die kranken Tiere so wieder gesund. Heute bezeichnet man dieses Therapie-Prinzip als passive Immunisierung.3
Im Dezember 1890 veröffentlichten Behring und Kitasato ihre Forschungsergebnisse. Ihrer Einschätzung nach bot das Heilserum aus dem Blut infizierter Tiere gute Voraussetzungen, um es auch bei Menschen anzuwenden.

Durchbruch nicht sofort

Die ersten Versuche, mit der Serumtherapie Kinder von der Diphtherie zu heilen, schlugen jedoch fehl. Wie sich herausstellte, waren die von Behring und Kitasato verwendeten Wirkstoffmengen zu gering. Erst dem Mediziner Paul Ehrlich gelang es, das Gegengift dem Alter und Gewicht von Kindern entsprechend zu dosieren. Ab da konnten Mediziner Diphtherie-Patient:innen erfolgreich mit dem Blutserum behandeln. „Das Behring’sche Gold“, wie ein Kinderarzt das Heilmittel nannte, führte – anders als der Luftröhrenschnitt – zur Genesung ohne schwere Nebenwirkungen.

Im Sommer 1894 ging das Serum industriell in Produktion und danach in den Vertrieb. Bis Ende des Jahres waren bereits über 75.000 Fläschchen verkauft. Als Blutlieferanten dienten wegen des hohen Bedarfs große Tiere wie Pferde. Bereits kurz nach der Einführung der Heilserumtherapie sank die Sterblichkeit infolge der Diphtherie drastisch. Behring wurde als „Retter der Kinder“ bezeichnet, Eltern überschütteten ihn mit Dankesbriefen und 1901 erhielt er den Nobelpreis für Medizin – den ersten, der je auf diesem Gebiet verliehen wurde.

Weitere Forschung

Mit dem Erfolg gab Behring sich aber nicht zufrieden. Er wollte auch eine Schutzimpfung gegen die Diphtherie (aktive Immunisierung) finden. Denn so gut sein Heilserum war: Die Wirkung hielt nur für wenige Monate an, danach konnten Genesene erneut an Diphtherie erkranken. Die aktive Immunisierung sollte den Körper anregen, selbst Antikörper zu bilden, um auf lange Zeit einen wirksamen Schutz aufzubauen.

1913 war Behring mit seinem neuen Impfstoff so weit fortgeschritten, dass er ihn vor Kollegen vorstellte. Der Stoff war eine Mischung aus dem Diphtherie-Gift und dem therapeutischen Serum-Gegengift: ein Toxin-Antitoxin. Das Gift sollte eine leichte Reaktion im Körper hervorrufen, der geimpften Person aber nicht schaden. Obwohl es vielversprechende Tests mit dem Schutzmittel gegeben hatte, führte es langfristig zu vielen Nebenwirkungen und setzte sich deshalb nicht durch.

Erst der Franzose Gaston Ramon fand zehn Jahre später eine effektive und ungefährliche Schutzimpfung gegen die Diphtherie. Dazu behandelte er das Bakteriengift mit Hitze und Formaldehyd, so dass es unschädlich wurde, aber trotzdem die gewünschte Immunantwort auslöste. Die von ihm entwickelten Toxoid-Impfstoffe werden bis heute verwendet.

Diphtherie nicht ausgerottet

In Deutschland vergingen bis zur flächendeckenden Einführung einer Schutzimpfung gegen Diphtherie noch einige Jahre. So kam es auch 1943 noch zu einer Epidemie mit rund 245.000 Fällen.

In der BRD wurde die Impfung ab 1960 erstmals breit bei Babys und Kindern eingesetzt, in der DDR gab es ein Jahr später eine Impfpflicht. Dadurch gingen die Diphtherie-Fälle deutlich zurück. Heute bekommen Babys in der Regel mit zwei Monaten die erste Dosis mit einem Kombinationsimpfstoff gegen Diphtherie, Tetanus, Polio und Keuchhusten. Regelmäßige Auffrischimpfungen gegen Diphtherie werden auch noch für Erwachsene empfohlen. Ist eine Person schon an Diphtherie erkrankt, kommen ergänzend zum immer noch verfügbaren Antitoxin meist Antibiotika zum Einsatz.

In Deutschland kommt es nur noch selten zu Diphtherie-Erkrankungen. Dazu gehören auch Fälle von Hautdiphtherie, bei der die Erreger durch Wunden in den Körper gelangen. In Teilen Afrikas, Asiens, des Südpazifiks und Osteuropas ist die Krankheit wegen unzureichender Impfquoten weiterhin ein großes Problem.

 

Von Kühen und Milchmädchen

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– Gute Pillen – Schlechte Pillen 01/2024 / S.16