Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2015 / 03 S. 04

Bunte Körnchen

Bienenpollen als Medizin?

Seite-4
© Mirek Kijewski/ fotolia.com

Fast jeder Honigstand auf dem Wochenmarkt bietet heutzutage Bienenpollen an. Die ­Mischung bunter Körnchen ist als Nahrungsergänzung äußerst beliebt. Dem Pollen werden viele positive Eigenschaften nachgesagt – von einer allgemeinen körperlichen Stärkung bis zur Heilkraft bei Prostatabeschwerden. Ist da wirklich etwas dran? Lohnt es sich, die gelben, braunen oder blauen Klümpchen zu essen?

Wenn Bienen Blüten besuchen, sammeln sie nicht nur Nektar, um daraus Honig zu machen, sondern auch Blütenstaub, den Pollen. Mit ihm wird die Brut versorgt. Was Bienenkinder gedeihen lässt, sollte das nicht auch uns gut tun? Der Eindruck entsteht zumindest, wenn man entsprechende Tipps im Internet und in Büchern liest. Von Pollen als dem „Superfood“ ist die Rede und von einer gesunden Zutat, die unbedingt den Speiseplan bereichern sollte. Doch was rührt man sich da eigentlich in den Joghurt oder den Salat?

Blütenpollen
Wichtigste Nahrungsquelle für die Bienenlarven, liefert der Brut Fett und Eiweiß. Ein Bienenvolk benötigt übers Jahr 50 bis 100 Kilogramm Blütenpollen.

Nährwert für Menschen gering

Jede Pflanzenart hat ihre typischen Pollenkörner. Von weiß über grün und gelb bis zu blau oder rot sind alle Farben vertreten. Blütenpollen enthält viel Eiweiß und Fett. Die Zusammensetzung kann stark schwanken – je nach Pflanze, von der gesammelt wurde. Auch Wetter und Jahreszeit beeinflussen die Inhaltsstoffe. Pollen ist also nicht gleich Pollen.

Bienen verkitten bereits beim Sammeln den Pollen mit ihrem Speichel, um den feinen Blütenstaub besser transportieren zu können: An ihren Hinterbeinen bilden sich dann die so genannten Pollenhöschen. Wenn Imker den Pollen zum Verkauf sammeln wollen, wird den Bienen der Pollen meist am Eingang ihres Bienenstocks mithilfe eines Gitters von den Beinen abgestreift. Aber manche Imker verkaufen auch Pollenmaterial, das die Bienen bereits als Vorrat im Stock eingelagert haben. Dieser Pollen ist bereits mit Honig vermischt und durch Hefepilze fermentiert – das so genannte Bienenbrot oder Perga.

Als Kunde weiß man folglich nicht, was man eigentlich in der Tüte hat, wenn „Pollen“ draufsteht. Woher der Pollen stammt – etwa aus Deutschland, Spanien, China oder Neuseeland – ist auch nicht immer klar. Vor allem: Viele Imker bieten keinen selbst produzierten Pollen an, sondern kaufen im Großhandel dazu.

Nutzt es, täglich einen Esslöffel Bienenpollen zu essen? Naja: Der Nährwert ist klein. Auch der Gehalt an Mineralien und Vitaminen ist gering. Um beispielsweise den empfohlenen Tagesbedarf an Vitamin B6 zu decken, sind rund 500 Gramm Pollen pro Tag nötig.1 Für Kalzium müsste man sogar ein ganzes Kilogramm löffeln. Mit üblichen Lebensmitteln wie Gemüse, Obst, Getreide und Milchprodukten nehmen wir in der Regel wesentlich mehr dieser Inhaltsstoffe zu uns.

Wenn Bienenpollen-Anbieter von einer allgemein stärkenden Wirkung einer solchen Nahrungsergänzung sprechen, ist das unbegründet. Dem gegenüber steht ein stolzer Preis: Das Kilo Bienenpollen kostet im Schnitt zwischen 20 und 30 €, einige Bio­anbieter verlangen über 60 €.

Heilkraft nicht belegt

Dennoch behauptet die einschlägige naturheilkundliche Literatur2 einen gesundheitlichen Nutzen. Vor allem bei Problemen mit der Prostata soll das Bienenfutter helfen, zudem bei Augenerkrankungen, erhöhten Blutfettwerten, Darmbeschwerden oder Gedächtnisschwäche. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Doch wissenschaftliche Belege hierfür fehlen.

Die wenigen bisher durchgeführten Untersuchungen3,4 lassen keine medizinische Empfehlung zu. Das gilt nicht nur für Bienenpollen ganz allgemein, sondern auch für Pollenextrakte, die in Kapselform angeboten werden. Manche  Produkte enthalten  sogar zusätzlich Pollen von Windbestäubern, also von Gräsern und anderen Pflanzen, die von Bienen gar nicht gesammelt werden.

Bienenprodukte als Heilmittel?

Unerwünschte Wirkungen
Seite-5
© Luna/ fotolia.com

Neben dem fehlenden Nutzen sind unerwünschte Wirkungen ein Manko. Das größte Risiko sind allergische Reaktionen, etwa Schwellungen im Mundraum oder Bauchschmerzen. Im schlimmsten Fall kann es zu einem anaphylaktischen Schock kommen,5 der tödlich enden kann. Auch Heuschnupfengeplagte müssen aufpassen. Zwar wird diese Allergie eher durch Pollen ausgelöst, die mit dem Wind übertragen werden – beispielsweise Gräserpollen – und nicht durch Pollen von Pflanzen, die auf Insektenbestäubung setzen. Aber das bietet keine Sicherheit: Auch Bienenpollen kann Allergien auslösen und, wie erwähnt, sind dem ja teils auch Gräserpollen beigemischt.

Manche Pollenallergiker versuchen in Eigenregie, sich mit dem Konsum von Bienenpollen zu desensibilisieren. Davon ist abzuraten. Eine Desensibilisierung sollte gezielt mit den jeweiligen Allergieauslösern erfolgen (SIT), und gehört in die Hand von Ärzten.

Möglicherweise kann Pollen auch die Wirkung von Arzneimitteln beeinflussen. Es gibt Hinweise, dass Präparate, die die Blutgerinnung nach einem Schlaganfall hemmen sollen, an Wirksamkeit verlieren.6 Da das Problem der Wechselwirkungen für Pollen bisher nicht systematisch untersucht ist, sollte man deshalb seine Ernährung sicherheitshalber nicht mit diesem ­Bienenprodukt ergänzen.
Unser Fazit: Mögen die Kügelchen der Bienenpollen auch noch so verlockend bunt sein – Menschen haben keine Vorteile von dem teuren Produkt. Die Menge an Vitaminen, Mineralien und Nährstoffen ist gering. Für eine Besserung gesundheitlicher Probleme, etwa mit der Prostata, fehlt der Nachweis. Andererseits kann es zu allergischen Reaktionen kommen. Wenn Sie also das nächste Mal auf den Markt gehen: Freuen Sie sich auf den Honig, und überlassen Sie den Pollen getrost den Bienen.

Spezifische Immuntherapie (SIT)
GPSP 2/2015, S. 25


Quellen
1    Berechnung nach Münstedt K, Hoffmann S (2012) Bienenprodukte in der Medizin. Aachen: Shaker Verlag
2    Z.B. Bort R (2010) Honig, Pollen, Propolis. Sanfte Heilkraft aus dem Bienenstock. Stuttgart: Kosmos
3    Duclos AJ (2007) Ther Clin Risk Manag; 3, S. 507
4    Georgiev DB u.a. (2004) MedGenMed; 6, S. 46
5    Jagdis A, Sussman G (2012) CMAJ; 184, S. 1167
6    Hurren KM, Lewis CL (2010) Am J Health Syst Pharm; 67, S. 2034

Hier finden Sie weitere Artikel zu verwandten Themen:

GEPANSCHTES

Gepanschtes-Button-B272px

Heft-Archiv


Titelbild dieser Ausgabe


Geschenk-Abo

GPSP_Geschenk-Abo_2015-300px

Spenden

Unsere Informationen gefallen Ihnen?
SpendenWenn Sie Gute Pillen – Schlechte Pillen mit einer Spende unterstützen, hilft uns das, unabhängig und werbefrei zu sein. GPSP ist gemeinnützig. Spenden sind steuerlich absetzbar: Spendenportal.de