Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2016 / 04 S. 25

Unglaubliche Versprechungen

Wie ein überholtes Herzmittel zur Wunderdroge hochstilisiert wird

CC Mokkie
CC Mokkie

„Sie sind über 43 und öfters sehr gestresst? Strophanthin!“ „Die Lösung des Herzinfarktproblems.“ „Strophanthin könnte die Rettung für hunderttausende Herzkranke sein.“ Das sind ­typische Botschaften im Internet für einen Wirkstoff, den es aus guten Gründen eigentlich gar nicht mehr geben dürfte.

Es geht um Quabain (früher meist g-Strophanthin genannt), das aus dem Samen afrikanischer Schlingpflanzen der Gattung Strophanthus stammt. Ende des 19. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert diente es zur Behandlung von Herz­erkrankungen. Das letzte Fertigarzneimittel dieser Art, Strodival® MR Kapseln, verschwand allerdings erst 2012 aus deutschen Apotheken. Zuletzt wurde es zur „unterstützenden Behandlung bei leichter Herzmuskelschwäche zusammen mit anderen Herzmedikamenten“ angeboten. Seitdem gibt es Quabain ausschließlich als spezielle Apothekenanfertigung sowie als homöopathisches Produkt oder als „Urtinktur“. Das ist eine konzentrierte flüssige alkoholische Zubereitung aus den Samen der Strophanthus-Schlingpflanzen.

Eigentlich spricht alles dagegen, Quabain heute noch bei Herzerkrankungen einzunehmen. Denn Quabain-Präparate gelten bereits seit Jahrzehnten aus verschiedenen Gründen als überholt. Beispielsweise schwankt die Aufnahme des Wirkstoffs von Mensch zu Mensch so stark, dass eine exakte Dosierung nicht möglich ist. Vor allem aber wird seit Jahrzehnten bemängelt,  dass klinische Belege für einen Nutzen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, beispielsweise zur Vorbeugung eines Herzinfarktes, fehlen. Auch heute können Recherchen in wissenschaftlichen Litera­tur­datenban­-
ken keine aussagekräftigen Studien zum Nutzen des Quabains finden.1 Somit sollte Quabain, das im Übrigen in angelsächsischen Ländern ungebräuchlich ist, eigentlich nur noch für medizinhistorisch Wissbegierige von Interesse sein.

Dennoch wird Quabain derzeit auf zahlreichen zum Teil recht umfangreichen Internetseiten sowie in Büchern propagiert, beispielsweise mit den oben genannten im wahrsten Sinne des Wortes unglaublichen Behauptungen. Der Propaganda für Quabain zufolge sollen sogar historische Zitate heute noch gültig sein, etwa die an Ärzte gerichtete Äußerung eines „Herzpapstes“ der 1920er Jahre, wonach es einem ärztlichen Kunstfehler gleichkomme, wenn man Strophanthin bei Herzerkrankungen nicht anwendet. Das war der Kenntnisstand vor bald hundert Jahren. Heute hingegen wäre es ein grober Fehler, eine Herzerkrankung mit Quabain zu behandeln. Wenn dieses auf Internetseiten und in Büchern als „Herzinfarktverhinderer“ bezeichnet wird, dann ist das eine bedenkliche Irreführung. Die Behandlung von Herzerkrankungen ist zu wichtig, um auf marktschreierische Behauptungen aus dem Internet zu vertrauen. Hier sind zugelassene, also durch Studien sorgfältig überprüfte und als wirksam befundene Arzneimittel angebracht. Sie sind fast alle verschreibungspflichtig. Über die Einnahme eines solchen Mittels sollten Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt sprechen.

1    arznei-telegramm® (2016) 47, S. 38


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

Hier finden Sie weitere Artikel zu verwandten Themen:

GEPANSCHTES

Gepanschtes-Button-B272px

Heft-Archiv


Titelbild dieser Ausgabe


AKTION

AKTION 1000 neue Abonnenten

Spenden

Unsere Informationen gefallen Ihnen?
SpendenWenn Sie Gute Pillen – Schlechte Pillen mit einer Spende unterstützen, hilft uns das, unabhängig und werbefrei zu sein. GPSP ist gemeinnützig. Spenden sind steuerlich absetzbar: Spendenportal.de