Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2017 / 06 S. 12

Statine und Grippeschutzimpfung

Nichts Genaues weiß man nicht

© Jörg Schaaber
© Jörg Schaaber

Statine tragen dazu bei, die Gefahr eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls zu verringern. Allerdings gibt es vage Hinweise darauf, dass sie anderseits die Wirksamkeit der saisonalen Grippeschutzimpfung schmälern könnten. Ist das ein Grund, die Statin-Einnahme zu verändern?

Statine können viel: Sie greifen in den Fettstoffwechsel ein, was den Cholesterinwert senkt. Und sie wirken sich günstig auf das Immunsystem aus, weil sie Entzündungsprozesse hemmen. Das trägt möglicherweise ebenfalls zum Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei.

Umgekehrt könnte gerade diese entzündungshemmende Wir­kung die Wirksamkeit von Schutz­impfungen negativ beeinflussen. Das wurde in „Arzneiverordnung in der Praxis“ (AVP), eine der Trägerzeitschriften von GPSP, bereits diskutiert.1

Zum Beispiel hat die nachträgliche Datenauswertung einer Studie, die bei mehr als 5.000 Menschen im Rahmen der Zulassung eines neuen Grippeimpfstoffs durchgeführt wurde, Folgendes ergeben: Bei den Studienteilnehmern, die regelmäßig Statine einnahmen, fiel die Bildung von Antikörpern gegen die Grippeviren geringer aus als bei Studien­teilnehmern, die keine Statine einnahmen. Die erwünschte Reaktion des Immunsystems auf die Grippeschutzimpfung war demnach schwächer, und zwar unabhängig davon, welcher Impfstoff verwendet wurde.2 Allerdings sind das nur Laborwerte, dagegen wurde das Wichtigste nicht untersucht, ob nämlich dadurch auch mehr Menschen mit Statintherapie an Grippe erkrankten.

Dieser Frage ging ein anderes Studienteam nach, indem es die Impf- und Krankheitsdaten von fast 140.000 Mitgliedern einer amerikanischen Krankenversicherung über einen Zeitraum von fast zehn Jahren untersuchte.3
Der Fokus lag auf der Häufigkeit von Atemwegsinfekten, die anhand der ausgewerteten Arztdokumente festgestellt wurde. Tatsächlich waren Statin-Anwender in der Grippesaison öfter wegen einer Atemwegserkrankung in ärztlicher Behandlung. Der Unterschied betrug 18,4% in Jahren mit Grippewelle und 11,4% in Jahren mit geringer Grippeaktivität. Allerdings sollte man aus diesen Unterschieden nicht allzu schnell Schlüsse ziehen: Die Daten gaben keinerlei Auskunft darüber, ob die Patienten und Patientinnen tatsächlich an der saisonalen Grippe erkrankt waren (gegen die sie geimpft worden waren) oder an anderen Atemwegsinfekten.

Eine dritte Studie macht die Sache noch komplizierter: Sie deutet auf die Möglichkeit hin, dass die Effektivität einer Grippeschutzimpfung durch Statine unterschiedlich beeinträchtigt werden könnte – je nachdem, um welchen Grippevirusstamm es sich handelt.4

Derzeit gibt es zwar einige Hinweise, denen in gut gemachten Studien nachgegangen werden sollte. Aber lassen Sie sich nicht verwirren. Noch fehlt die Evidenz dafür, dass Patienten und Patientinnen die Einnahme von Statinen während der Grippeschutzimpfung unterbrechen sollten oder auf die Impfung verzichten sollten. Denn: Ob der Einfluss von Statinen auf das Immunsystem schlussendlich das Gripperisiko nach der Schutzimpfung erhöht, muss erst durch kontrollierte Studien belegt werden. Statine verringern das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und darauf sollten Sie nicht verzichten


1    AVP (2016) 4, S. 202
2    Black S u.a. (2016) J Infect Dis; 213, S. 1224
3    Omer SB u.a. (2016) J Infect Dis; 213, S. 1216
4    McLean HQ u.a. (2016) J Infect Dis; 214, S. 1150

Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

 


Titelbild dieser Ausgabe


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