Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2018 / 01 S. 06

Moderne Mythen

Petroleum gegen Krebs?

Silhouette of oil workers at an oil field pumpjack site against a dramatic sky. The silhouette of the fictitious workers were created in Photoshop.
© ronniechua/ iStockphoto.com

Lebensbedrohlich erkrankten Menschen werden oft ungeprüfte Mittel im Kampf gegen ihr Leiden angeboten. Immer wieder wird Petroleum als Heilsbringer propagiert, es soll Tumore wirksam bekämpfen. Dies ist allerdings medizinisch gesehen gefährlicher Unfug. Denn Petroleum, ein aus Erdöl destilliertes Stoffgemisch, kann vor allem eins: der Gesundheit schaden.

Es klingt wie ein Märchen: Den Bewohnern der Stadt Baku, gelegen in der größten Erdölförderregion am Kaspischen Meer, soll aufgefallen sein, dass die dortigen Arbeiter niemals an Krebs erkranken. Dabei stünden diese doch tagtäglich im feinen Ölnebel und würde sicherlich auch über die Hände Ölspuren aufnehmen. Das war und ist vielen unerklärlich. Es könne doch nur am Petroleum liegen, überlegten sich die Menschen in Baku.

Das Ölprodukt Petroleum gegen Krebs einnehmen? Wenn es immer zur gleichen Tageszeit geschluckt werde, könne es Tumore heilen, orakelt ein nicht näher benannter Mann in einem Facebook-Forum. Alle, die seines Wissens nach Petroleum eingenommen hätten, seien dem Tod bereits sehr nah gewesen. Doch nun erfreuten sie sich angeblich bester Gesundheit. Und genau hier ist das Märchen zu Ende.

Bei Verschlucken tödlich
Petroleum ist ein flüssiges Stoffgemisch aus Kohlenwasserstoffen, das durch Destillation aus Erdöl gewonnen wird. Hierzulande wird es Dieselkraftstoffen zur Verbesserung der Kälteeigenschaften beigemischt. Je nach Destillationsgrad dient es auch als Reinigungsmittel oder als Brennstoff für Lampen.

Petroleum zu trinken, kann gefährliche Folgen haben, warnt das Bundesinstitut für Risikobewertung.1 Das Gemisch kann zu Bauchschmerzen führen. Bei Erbrechen oder Verschlucken besteht die Gefahr, dass es in die Lunge gelangt. Dort reizt es die Lungen­bläschen, stört die Sauerstoffaufnahme und führt zu Atemnot. Daher ist Petroleum als Gefahrstoff gekennzeichnet: „Kann bei Verschlucken und Eindringen in die Atemwege tödlich sein.“2
Das BfR warnt besonders Eltern, wenn sie Petroleumdestillate als Lampenöl einsetzen oder damit hergestellte Grillanzünder nutzen. Beides gilt als besonders gefährlich, schon wenn es in kleinen Mengen geschluckt wird. Etwa, wenn ein Kind am Docht der Lampe gelutscht hat. Dann dürfe man unter keinen Umständen Erbrechen auslösen. Unverzüglich sollten Eltern einen Arzt anrufen. Bei geringsten Symp­tomen sollte jedes Kind einem Arzt oder in einer Klinik vor­gestellt werden.

Kein geringeres Krebsrisiko
Dass Petroleum Krebs heilen kann, ist wissenschaftlich nicht belegt. Statt ein Wundermittel zu sein, ist Petroleum eine Gefahr für die Gesundheit. Nicht belegt ist übrigens auch, was den Menschen aus dem fernen Baku angeblich so unbegreiflich war: dass Arbeiter dort nicht an Krebs erkranken.

Gleich mehrere große Studien haben das Krebsrisiko von Mitarbeitern der Ölindustrie untersucht – meist unter der Annahme, diese würden öfter daran erkranken. Diese ergaben, dass Krebserkrankungen bei Ölarbeitern etwa gleich häufig sind wie bei anderen Bewohnern der überprüften Region.3,4 Aber: Ist das überzeugend? Einige der Studien sind von Konzernen wie Mobil oder Shell finanziert worden. Trau, schau wem!

1    BfR (2017) Risiko Vergiftungsfälle bei Kleinkindern
2    Gefahrenkennzeichen H304
3    Koh DH u.a. (2014) Int J Occup Environ Health; 20, S. 141
4    Wong O, Raabe GK (2000) Regul Toxicol Pharmacol; 32, S. 78

Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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