Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2006 / 02 S. 09

„Sonstige Stoffe“ in Nahrungsergänzungsmitteln

Bestenfalls überflüssig

Viele Menschen meinen, es lohne sich, die Nahrung durch bestimmte Konzentrate oder Mischprodukte zu ergänzen. Bei solchen Nahrungsergänzungsmitteln handelt es sich nicht nur um Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente, sondern oft auch um so genannte sonstige Stoffe. Mit solchen häufig zu Phantasiepreisen angebotenen Produkten werden immer wieder Menschen übers Ohr gehauen.

Die Palette der Nahrungsergänzungsmittel, die man in der Apotheke, im Reformhaus, beim Discounter, per Versand oder im Internet kaufen kann, ist unüberschaubar geworden. Dabei ist der Kauf solcher Produkte bei normaler Ernährung in der Regel völlig überflüssig. Darauf weist das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) seit vielen Jahren hin.a

Zum einen sind zusätzliche Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente nur für ganz bestimmte Personengruppen notwendig, etwa für Schwangere mit einem erhöhten Folsäurebedarf oder ältere Menschen, die zu wenig frisches Obst und Gemüse essen. Zum anderen gibt es zahlreiche Nahrungsergänzungen, die gänzlich andere Bestandteile enthalten: die sogenannten sonstigen Stoffe. Dazu gehören Kieselerde und Muschel­extrakte, Algen, exotische Pflanzen wie Noni und Spezielles vom Tier. Im Angebot sind unter anderem Colostrum Kapseln – gewonnen aus der einschießenden Milch nach dem Kalben der Kuh –, Haifischknorpel-Extrakte und Chitosan-Präparate aus dem Chitinpanzer von Krebsen. Daneben gibt es Produkte mit arzneiähnlichen Namen, wie Coenzym Q 10 (siehe Tabelle Seite 10).


Fehlende Kontrolle

Während es für Vitamine und Mineralstoffe immerhin einige EU-weit gültige Regelungen gibt,b sind die „sonstigen Stoffe“ ein großes Problem. Denn weder deutsche noch europäische Gesetze regeln, was genau zu dieser Gruppe gehört und wie der Verbraucher vor gefährlichen Substanzen geschützt werden kann.c Gegenwärtig liegt die Verantwortung beim Anbieter, denn Nahrungsergänzungsmittel sind laut Gesetz Lebensmittel (siehe Kasten). Sie werden nur stichprobenartig geprüft oder falls ein Verdacht aufkommt.

Schon mehrfach musste das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) die Öffentlichkeit warnen, etwa vor Gesundheitsschäden durch Kava-Kava (siehe Kasten), das die Leber angreifen kann,d Ephedra-Kraut (Meerträubel), das wegen seiner anregenden Wirkung zu erhöhtem Blutdruck, Herzrhythmusstörungen und Krämpfen führen kann,e oder AFA-Algen, die durch Verunreinigungen die Leber schädigen können.f

Trotz solcher Gefahren dürfen die „sonstigen Stoffe“ bis Ende 2009 noch in Nahrungsergänzungsmittel gerührt werden. Die Preise sind zum Teil reine Phantasie. So wird im Internet das Mittel Cardio® forte für 1489 Euro angeboten. Dieser Name und die Symbolik suggerieren eine herzstärkende Wirkung und könnte ebensogut die Bezeichnung eines Arzneimittels sein. Mit der Angabe einer PZ-Nummer (PZN) werden viele Menschen ausgetrickst, kritisierte die Verbraucher-Zentrale Thüringeng (siehe Kasten Seite 10).

Eine angemessene Bewertung von Nutzen und Schaden müssen Nahrungsergänzungsmittel nicht durchlaufen. So gesehen ist der Verbraucher eine Art Versuchskaninchen. Das könnte sich ändern, wenn die EU-Verantwortlichen sich zu einer Positivliste durchringen, in der nur die sicheren „sonstigen Stoffe“ enthalten sind und die alles Andere von der Verwendung ausschließt. Eine solche Positivliste existiert bereits für Vitamine und Mineralstoffe.

Risiken für Verbraucher abzuwenden, muss für den Gesetzgeber höchste Priorität haben. Wie soll denn der Laie erkennen, dass ein Präparat durch seine Regenwurmbestandteile (Lumbricus) mit Blei und Cadmium verseucht ist?h Und davon, dass die Lebensmittelüberwachung solche Gefahren entdeckt, ist nicht auszugehen.

Wichtig ist aber auch, den Sinn der angebotenen Nahrungsergänzungen zu prüfen. Die Nutzenbelege sind oft an den Haaren herbeigezogen oder dubios. Das gilt zum Beispiel für die Modeerscheinung „Zimtkapseln“ und ihre blutzuckersenkenden Effekte.
Allerdings sind Zimtbestandteile und andere sonstige Stoffe keineswegs als Plazebos zu bewerten. Vor allem bei hohen Dosierungen muss mit Unverträglichkeiten und Risiken gerechnet werden. Das trifft beispielsweise auch für das als „Zellschutz“ propagierte Betacarotin zu, über das wir in der letzten Ausgabe berichteten (GPSP 1/2006, Seite 4). Gerade bei Rauchern kann es, statt dem Lungengewebe Schutz zu bieten, die Entwicklung von Lungenkrebs fördern. Besonders bedenklich ist, dass die meisten Menschen davon ausgehen, dass Nahrungsergänzungsmittel nicht schaden können und in gutem Glauben nach der Devise verfahren: Viel hilft viel. Dabei weiß die Medizin seit langem: Die Dosis macht das Gift. Auf natürliche Schwankungen bei den Inhaltsstoffen von Nahrungsmitteln ist der Organismus vorbereitet, auf spezielle Hoch-Konzentrate nicht.


Quellen
a     BfR/BgVV Pressemitteilung 15/1996: Bei ausgewogener Ernährung sind Nahrungsergänzungsmittel überflüssig!
b     EU-Richtlinie 2002/46/EG über Nahrungsergänzungsmittel (Nem)
c     Bundesgesundheitsblatt 2006, Bd.49, Nr. 1, S. 81-87: Sonstige Stoffe in Nahrungsergänzungsmitteln
d     BgVV Pressemitteilung 25/2002: BgVV warnt vor Kava-Kava-haltigen Produkten www.bfr.bund.de/cms5w/sixcms/detail.php/1770
e     BfR/BgVV Pressemitteilung 9/2002: Schwere Gesundheitsschäden durch Ephedra-Kraut www.bfr.bund.de/cms5w/sixcms/detail.php/1007
f     BfR/BgVV und BfArM Pressemitteilung 8/2002: Nahrungsergänzungsmittel aus AFA-Algen können keine medizinische Therapie ersetzen
g     Verbraucherzentrale Thüringen. Der Trick mit der Pharmazentralnummer. Pressemitteilung vom 28.4.20005
       www.vzth.de/presse_print.php?id=247
h     Gute Pillen – Schlechte Pillen, Nr. 2, 2005, S. 4


Doppelstandards bei Kava Kava

Seit Mitte 2002 dürfen Arzneimittel, die Kava Kava (Rauschpfeffer) enthalten, in Deutschland nicht mehr verkauft werden. Die Präparate wurden damals sogar aus den Apothekenschubladen zurückgerufen. Der Grund: Die deutsche Überwachungsbehörde, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), hatte bis dahin 41 Berichte erhalten, in denen meist schwere Leberschäden in Verbindung mit der Einnahme von Kava-Kava-haltigen Präparaten beschrieben waren. Drei Menschen starben. Sechs Personen konnten nur durch eine Lebertransplantation gerettet werden.

Die für Verbraucherschutz zuständige Bundesbehörde warnte im November 2002 „nachdrücklich“ vor Kava-Kava-haltigen Lebensmitteln bzw. Nahrungsergänzungsmitteln und vertrat die Auffassung, dass solche Produkte nicht verkauft werden dürfen.
Dennoch wird Kava Kava auch heute noch in Nahrungsergänzungsmitteln angeboten, etwa für „Entspannung und Erholung“ oder für „natürlichen Schlaf“. Das macht deutlich, dass der Verbraucherschutz im Bereich der Nahrungsergänzungsmittel nicht funktioniert.


Quellen

a     BfArM: Pressemitteilung vom 17. Juni 2002 www.bfarm.de/cln_042/nn_424882/DE/Presse/mitteil2002/pm10-2002.html
b     BgVV Pressedienst 25/2002 vom 23. Nov. 2002 www.bfr.bund.de/cms5w/sixcms/detail.php/1770



Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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