Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2007 / 04 S. 11a

Arzneimittel können eine Demenz vortäuschen

Achtung Nebenwirkung

Wenn das Gedächtnis deutlich nachlässt und die Orientierung im Alltag immer schwieriger wird, können dies Vorboten einer Alzheimer-Demenz sein. Im Verlauf der Erkrankung geht zunächst das Kurz- und dann zunehmend auch das Langzeitgedächtnis verloren. Als weitere typische Anzeichen einer beginnenden Alzheimer-Erkrankung gelten Aufmerksamkeitsstörungen, Nachlassen des räumlichen Vorstellungsvermögens und der Urteilsfähigkeit. Aber: Das sind nicht zwangsläufig Hinweise auf eine entstehende Demenz. Möglicherweise sind Arzneimittel Auslöser der Probleme.

FragezeichenEs gibt eine ganze Reihe von Arznei­mitteln, deren Neben­wirkungen bei längerer Einnahme mit den Frühsymptomen der Alzheimer-Krankheit verwechselt werden können. Hierzu zählen vor allem Medikamente, die im Körper auf den Botenstoff Azetylcholin wirken. Medikamente mit solchen anticholinergen Eigenschaften (siehe Kasten) verringern die Konzentration von Azetyl­cholin im Gehirn. Dies kann sich langfristig negativ auf die Gedächtnisleistung auswirken. Zum Hintergrund: Auch Alzheimerkranke haben einen Mangel des Boten­stoffs Azetylcholin. Sie erhalten daher Medikamente, die seine Konzentration im Gehirn erhöhen sollen. Zu den Medikamenten, die eine Alzheimer-Erkrankung „vortäuschen“ können, gehören beispielsweise Arzneimittel zur Behandlung von Parkinson-Krankheit, Depressionen, Al­lergien und Psychosen.

Übrigens: Patienten über 60 Jahre, die ein Jahr oder länger anticholinerg wirkende Arzneimittel eingenommen hatten, litten in einer Studie fünfmal häufiger unter Alzheimer ähnlichen Symptomen als Menschen, die solche Medikamente nicht benötigten. Die anticholinergen Mittel erhöhen allerdings nicht das Risiko, früh an Alzheimer zu erkranken. Sie haben lediglich ähnlich erscheinende Nebenwirkungen.1

Wenn sich bei über 60-Jährigen Beschwerden wie Gedächtnisstörungen einstellen oder die Aufmerksamkeit abnimmt, ist dringend zu prüfen, ob Arzneimittel die Ursache sein können. Die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt sollte kontrollieren, ob die oder der Betroffene anti­cholinerg wirkende Mittel einnimmt. Ist dies der Fall, empfiehlt es sich, die Medikamente zunächst einmal abzusetzen oder durch ein unverdächtiges Präparat zu ersetzen.

Handelt es sich tatsächlich um eine unerwünschte Arzneimittelwirkung, klingen die Symptome, die eine Demenz vortäuschen, dann ab.


Quelle
1    Ancelin, M.L. et al.: Brit. Med. J. 2006; 332: 455-9


Arzneimittel, die eine Demenz vortäuschen können

Ausgewählte Beispiele:
Antidepressiva:  Amitriptylin (Saroten® u.a.), Clomipramin (Anafranil® u.a.), Imipramin
(Tofranil® u.a.), Trimipramin (Stangyl® u.a.) und andere so genannte trizyklische Anti­depressiva, Maprotilin (Ludiomil® u.a.), Opipramol (Insidon® u.a.)
Antihistaminika (Allergiemedikamente):   Dexchlorpheniramin (Polaronil®), Hydroxyzin
(Atarax® u.a.) sowie die meist als Schlafmittel verwendeten Antihistaminika Diphenhydramin (Dolestan® u.a.) und Doxylamin (Hoggar® u.a.)
Asthmamittel:   Theophyllin (Afonilum® u.a.)
Krampflösende Mittel (Muskel, Blase):     Oxybutynin (Dridase® u.a.), Pridinol (Myoson®)
Parkinsonmittel:   Biperiden (Akineton® u.a.), Metixen (Tremarit®), Orphenadrin (Norflex®), Procyclidin (Osnervan®),Trihexyphenidyl (Artane® u.a.)
Psychosemittel (Neuroleptika):   Fluspirilen (Imap® u.a.), Haloperidol (Haldol® u.a.),
Levomepromazin (Neurocil® u.a.), Melperon (Eunerpan® u.a). u.a.



Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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