Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2018 / 01 S. 17

Besser informiert, besser entscheiden

Wie riskant ist Impfen?

© Buenaventuramariano/ iStockphoto.com
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Das Paul-Ehrlich-Institut ist die deutsche Kontrollbehörde für Impfstoffe. Es hat kürzlich die Meldungen zu Nebenwirkungen nach Impfungen aus dem Jahr 2015 analysiert und fand nur sehr wenig ernste Probleme.

In der vor allem unter Eltern oft emotional geführten Debatte ums Impfen sind sachliche Informationen besonders wichtig. Viele möchten wissen: Wie oft kommt es überhaupt zu den befürchteten Nebenwirkungen? Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) veröffentlicht hierzu jährlich eine Übersicht der Meldungen von vermuteten Impfreaktionen, die stärker sind als Ärzte und Eltern sowieso erwarten.1 Nicht erfasst wird dabei, ob die Impfung, zu der eine auffällige Nebenwirkung der Behörde gemeldet wurde, beim jeweiligen Impfling auch sinnvoll war (siehe Kasten).

Als normale und daher zu erwartende Reaktionen nach einer Impfung gelten eine Rötung, Schwellung oder auch leichte Schmerzen an der Einstichstelle, die aber alle meist rasch abklingen. Auch kurzfristiges leichtes Fieber, Kopf- oder Gliederschmerzen können die Folge einer Impfung sein.

Im Jahr 2015 erhielt das PEI insgesamt 3.919 Meldungen.2 Dabei handelt es sich ausschließlich um sogenannte Spontanberichte, denn die Behörde versucht nicht systematisch, unerwünschte Wir­­kungen zu erfassen. Doch obwohl durch das Infektionsschutzgesetz eine Meldepflicht besteht, berichten die meisten Ärzte niemals an die zuständigen Behörden oder Organe der Ärzteschaft. Deshalb geht man davon aus, dass nur 2 bis 5 Prozent aller schwerwiegenden Zwischenfälle gemeldet werden. Trotz dieses Meldemankos sind Komplikationen angesichts der vielen Millionen in Deutschland durchgeführten Impfungen selten.

Solche Nebenwirkungsmeldun­gen gelten generell nur als Verdacht, da zwar ein zeitlicher Zusammenhang mit der Impfung besteht, aber ein ursächlicher Zusammenhang nicht unbedingt nachgewiesen ist. Das PEI hat die Meldungen solcher Verdachtsfälle analysiert. Als „schwerwiegend“ hat das Amt dabei rund ein Drittel davon (1.369) eingestuft, wobei von den meisten der Betroffenen bekannt ist, dass sie inzwischen wieder gesund sind.

Schwere Impfschäden?
18 Mal wurde 2015 dem PEI gemeldet, dass ein Geimpfter verstarb. Darunter waren 13 Kinder und 5 Erwachsene. Bei 14 Verstorbenen konnte das PEI keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Impfung und der berichteten Todesursache feststellen. Das bedeutet, dass diese Menschen sehr wahrscheinlich aus einem anderen Grund gestorben sind. Viermal konnte das PEI wegen fehlender Informationen keine abschließende Bewertung des Falls vornehmen.

Und unter den insgesamt knapp 4.000 Meldungen wurde 58 mal ein bleibender Schaden berichtet. Hier konnte das PEI bei 18 davon einen Zusammenhang zwischen den Symptomen und der Impfung ermitteln:

  • Sechs Menschen litten nach der Impfung an einem Abszess, einer eitrigen Entzündung unter der Haut.
  • Bei zehn Menschen kam es zu einer Narkolepsie, einer neurologischen Erkrankung, die einen gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus zur Folge hat.
  • Bei zwei jeweils drei Monate alten Kindern kam es nach einer Rotavirus-Impfung zur Einstülpung eines Teils des Darms, was zu einem Darmverschluss führen kann und ärztlich behandelt werden muss. (GPSP 6/2013, S. 25)

Zwölf Meldungen mit bleibenden Schäden konnte das PEI anhand der vorliegenden Informationen nicht bewerten.

Andere Ursache
Bei den restlichen 28 Meldungen zu anhaltenden Impfschäden hat das Amt die Impfung als nicht ursächlich für die geschilderte Symp­tomatik bewertet. Darunter waren sechs Menschen mit neu aufgetretenem Typ-1-Diabetes mellitus und acht Geimpfte mit neu diagnostizierter Multipler Sklerose.

Bei vier Kindern wurde Autismus oder ein Asperger-Syndrom nach einer Masern-Kombinationsimpfung gemeldet. Das PEI hat wegen in der Öffentlichkeit kursierenden Sorgen die Studienlage erneut geprüft, um ein mögliches Risiko auszuschließen: In keiner der 17 Studien und Übersichtsarbeiten wurde ein Hinweis auf einen kausalen Zusammenhang zwischen Impfung und Autismus entdeckt.

Dass die Angst unter Eltern dennoch anhält, liegt möglicherweise an der sogenannten Wakefield-Studie, die vor 19 Jahren veröffentlicht und längst wieder zurückgezogen wurde, nachdem bekannt geworden war, dass mit dieser Studie die Masernimpfung gezielt in Misskredit gebracht werden sollte. Der Zusammenhang war konstruiert, wie DER ARZNEIMITTELBRIEF mehrfach berichtete.3,4

Fazit: Nach Auswertung der Meldungen von 2015 sieht das PEI insgesamt kein neues Risiko für bisher unbekannte Nebenwirkungen durch die in Deutschland verwendeten Impfstoffe. Angesichts von vielen Millionen Impfdosen, die jährlich bei Schutzimpfungen zum Einsatz kommen, ist das ein gutes Signal für Eltern und Kinder.

Nutzen und Schaden abwägen
Jeder, der sich oder sein Kind impfen lassen möchte, sollte zuvor stets die Risiken einer Erkrankung gegen die Risiken der Impfung abwägen. Dass eine Impfung als „sehr risikoarm“ bezeichnet wird, ist ein Argument fürs Impfen. Dies gilt allerdings nur, solange auch das Nutzen-Schaden-Verhältnis stimmt.

So spricht beispielsweise fast alles dafür, sein Kind gegen Masern impfen zu lassen – eine gefährliche Kinderkrankheit (GPSP 1/2014, S. 23). Die Impfung gegen Gelbfieber vor einer Tropenreise wird zwar oft schlecht vertragen, denn Geimpfte leiden meist kurzfristig unter Fieber, Unwohlsein sowie Muskel- und Kopfschmerzen. Allerdings schützt die Impfung ein Leben lang vor Gelbfieber, das tödlich enden kann (GPSP 4/2013, S. 25). Bei einer Grippe­impfung gibt es nur bestimmte Personengruppen, für die die Impfung empfohlen wird (GPSP 5/2010, S. 4), für andere ist der Nutzen eher zweifelhaft (GPSP 5/2017, S. 16). Ein mögliches Risiko ist die Narkolepsie (Schlafsucht oder Schlafanfälle).

1    PEI (2017) Bulletin zur Arzneimittelsicherheit Nr. 1, S. 17
2    DER ARZNEIMITTELBRIEF (2017) 51, S. 38
3    DER ARZNEIMITTELBRIEF (2007) 41, S. 29
4    DER ARZNEIMITTELBRIEF (2010) 44, S. 24

Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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