Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2009 / 06 S. 03

Gefährliche Venenthrombose

Oft nehmen Frauen nicht die sicherste Pille

Der Tod einer 21-jährigen Schweizerin, die mit der Pille Yaz® verhütete, hat die Diskussion über die Risiken von Antibabypillen erneut entfacht. Zu Recht, denn es gibt wichtige Unterschiede in der Verträglichkeit.

Venenthrombose
© Sven Hoffmann/fotolia.com

Die Antibabypille ist inzwischen fast 50 Jahre alt. Die am häufigsten verwendeten Präparate enthalten zwei Hormone, ein Östrogen und ein Ges­tagen. Schon bald nach Markteinführung 1961 war erkennbar, dass die Pille sehr selten lebensbedrohliche Thrombosen (Blutgerinnsel) und Verschlüsse von Blutgefäßen verursachen kann (z.B. in den Beinen oder in der Lunge: Lungenembolie). Die Gefährdung ließ sich reduzieren, indem man die Menge des enthaltenen Östrogens und Gestagens verringerte (GPSP 2/2007, S. 6-9).

Heute sind rund 50 Pillen im Handel, die eine Kombination von Östrogen und Gestagen enthalten. Aber selbst die relativ niedrig dosierten Hormonpräparate erhöhen das Risiko für  eine Venenthrombose. Es ist vier- bis achtfach so hoch wie bei Frauen, die keine Antibabypille einnehmen.1

Es gibt Unterschiede

Zwei Studien haben jetzt erneut bestätigt,1,2 dass die Gefährdung nicht nur von der Östrogenmenge pro Tablette abhängt, sondern auch vom jeweils enthaltenen Gestagen: Am besten verträglich sind Pillen mit wenig Östrogen, also mit etwa 20 Mikrogramm Ethinylestradiol, und mit dem Gestagen Levonorgestrel. Nehmen 20.000 Frauen solche Pillen ein Jahr lang ein, ist aber immerhin bei vier Frauen mit einer tiefen Venenthrombose zu rechnen – statt bei einer von 20.000 Frauen, die nicht die Pille nehmen. Diese Hormonkombination vervierfacht also das Risiko (siehe Grafik).
Pillen mit den Gestagenen Desogestrel und Gestoden erhöhen die Gefahr einer Venenthrombose im Vergleich zu Präparaten mit Levonorgestrel weiter. An einer tiefen Venenthrombose erkranken sogar sieben bis acht von 20.000 Frauen, die Pillen mit einem dieser beiden Gestagene ein Jahr lang einnehmen. In der gleichen Größenordnung liegt nach den jüngsten Studiendaten die Gefährdung durch Präparate, die neben dem Östrogen als Gestagen Cyproteronacetat** oder Drospirenon enthalten (siehe Grafik).1,2

Unabhängig davon, welches Gestagen in der Pille steckt, ist das Thromboserisiko in den ersten drei Monaten der Einnahme am größten. Besonders gefährdet sind beispielsweise Frauen, die bereits Venenthrombosen hatten, die übergewichtig sind, bettlägerig sind (vor oder nach Operationen) oder lange Flugreisen unternehmen.
Eine bis zwei von hundert tiefen Venenthrombosen enden tödlich. Das bedeutet, dass von einer Million Frauen, die eine Levonorgestrel-haltige Pille nehmen, pro Jahr zwei bis vier an den Folgen dieser Einnahme sterben können. Ein bis vier weitere Frauen können zu Tode kommen, wenn sie eine riskantere Pille einnehmen, also eine mit dem Gestagen Desogestrel, Gestoden oder Drospirenon.

 
 
 
 
 
 
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Alle Östrogen- plus Gestagenhaltigen Pillen verhüten etwa gleich zuverlässig. Die Hersteller versuchen daher, ihre Produkte von anderen abzuheben, indem sie ihnen besondere Vorteile zuschreiben. So sollen sich Präparate mit Drospirenon oder Cyproteron­acetat** besonders eignen, wenn nicht nur eine Schwangerschaft verhütet werden soll, sondern auch gleichzeitig Hautprobleme wie Akne bestehen. Bei gemeinsamer Auswertung mehrerer Studien ließ sich aber für Kombinationen mit Östrogen plus Cyproteronacetat, Desogestrel oder Levonorgestrel kein relevanter Unterschied in der Wirkung auf Akne erkennen.3 Oft wird eine Zunahme des Gewichts durch die Pille beklagt und manche Präparate sollen weniger dick machen. Als man jedoch den Einfluss verschiedener Pillen auf das Körpergewicht untersuchte, fand sich kein wesentlicher Unterschied zwischen Präparaten mit Levonorgestrel oder Drospirenon.4

Die verschiedenen Pillen unterscheiden sich nicht in Bezug auf die Zuverlässigkeit der Empfängnisverhütung. Auch Akne oder das Körpergewicht beeinflussen sie nicht oder nicht wesentlich unterschiedlich. Deshalb sollten Frauen und ihre Ärzte solche Präparate bevorzugen, die am seltensten Venenthrombosen verursachen. Das sind
Levonorgestrel-haltige Mittel mit ge­ringen Östrogenmengen – also
20-30 Mikrogramm Ethinylestradiol.

 

 

 

Quellen
1    van Hylckama Vlieg, A. et al.: Brit. Med. J. 2009; 339: b2921
2    Lidegaard, Ø. et al.: Brit. Med. J. 2009; 339: b2890
3    Arowojolu, A.O. et al.: Combined oral contraceptive pills for treatment of acne. The Cochrane Database of Systematic Reviews 2009; Issue 2; Stand Aug. 2006
4    Gallo, M.F. et al.: Combination contraceptives: effects on weight. The Cochrane Database of Systematic Reviews 2009; Issue 4; Stand Juni 2008



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