Mikrobenjäger: Vom ewigen Kampf gegen Seuchen
Forscherporträts vom Mittelalter bis zur Gegenwart

„Mikrobenjäger“ beginnt mit einer der verheerendsten Seuchen aller Zeiten: der Pest. Auch über 600 Jahre nach seinem großen Ausbruch in Europa bleibt der „Schwarze Tod“ mit seinen vielen Millionen Opfern fest im kollektiven Gedächtnis verankert. Weniger bekannt ist dagegen vielleicht, dass der Wittenberger Hochschullehrer und Arzt Daniel Sennert (1572-1637) sechs Pestausbrüche in der Universitätsstadt überlebte – bis ihn der siebte schließlich doch erwischte. Noch auf dem Sterbebett soll Sennert von Patienten geredet haben, die er noch versorgen wollte.
Außer ihm porträtiert Helga Tödt, selbst Ärztin im Ruhestand, über zwanzig weitere „Mikrobenjäger“ in ihrem 400 Seiten schweren Buch. Dieses umspannt ein Zeitfenster vom Mittelalter bis zur Gegenwart.
Mit trockener Geschichte hat die Lektüre nichts zu tun. Tödt gibt interessante Einblicke in Gesellschaften, die von Pandemien erschüttert wurden. Außerdem beschreibt sie anschaulich die Leben von denen, die die Seuchen erforscht und bekämpft haben oder das heute noch tun. Oft sahen sich die Fachleute dabei immensen Herausforderungen gegenüber. Und das lag nicht allein an verheerenden Seuchen wie den Pocken, vor denen es jahrhundertelang keinen wirksamen Schutz gab.
So wurde beispielsweise Dorothea Erxleben (1715-1762) ein Medizinstudium an der Universität Halle wegen ihres Geschlechts verwehrt: trotz ihres umfangreichen Fachwissens und der Sondergenehmigung von König Friedrich dem Großen. Das Blatt wendete sich erst, nachdem Erxleben von Ärzten aus ihrer Heimatstadt Quedlinburg wegen „medicinischer Pfuscherey“ angezeigt wurde, weil eine ihrer Patientinnen nach der Behandlung verstorben war. Erxleben musste nun im Jahr 1754 zur Doktorprüfung in Halle antreten und ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Sie meisterte diese Herausforderung und arbeitete fortan bis zu ihrem Tod im Alter von nur 46 Jahren als Deutschlands erste promovierte Ärztin.
Ebenfalls früh – mit 33 Jahren – verstarb der chinesische Augenarzt Li Wenliang (1986-2020). Als einer der Ersten warnte er vor den Gefahren durch Covid-19. Die Behörden der Stadt Wuhan, in der Li arbeitete, waren jedoch bestrebt, „Unruhe und Panik“ in der Bevölkerung zu vermeiden und machten den Arzt und weitere Kollegen für die angebliche Verbreitung von Falschinformationen mundtot. Das hatte schwerwiegende Folgen: Das Frühwarnsystem der Weltgesundheitsorganisation WHO löste nicht rechtzeitig aus, das Virus verbreitete sich weltweit. Li erkrankte schließlich selbst an Corona und starb wenig später. Tödt erzählt aber nicht nur spannend von den mitunter tragischen Schicksalen ihrer „Mikrobenjäger“, sondern schildert auch die Ausbrüche und Folgen von Cholera, Grippe und Co. sehr anschaulich. Historische Fotos, Gemälde und Karten helfen den Leser:innen zusätzlich, sich in die jeweiligen Epochen hineinzudenken. Jedes Kapitel behandelt dabei eine Seuche. Am Ende jedes Abschnitts werden zudem die Quellen genannt. Auf welche Textabschnitte sie sich genau beziehen, bleibt aber leider unklar.
Geschichts- und Medizininteressierten bietet „Mikrobenjäger“ lesenswerte Einblicke in ein Thema, das die Menschheit wohl leider auf ewig in Atem halten wird. Nicht umsonst heißt es an einer Stelle: „Die Geschichte der Seuchen bleibt eine unendliche Geschichte.“ Tödts Buch zeigt aber auch, dass es stets Menschen gab, die den Pandemien den Kampf ansagten.
Stand: 30. Juni 2023 – Gute Pillen – Schlechte Pillen 04/2023 / S.23