Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2018 / 05 S. 06

Kein Kinderspiel

Probleme beim Absetzen von Antidepressiva

© hajos/ photocase.de
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„Antidepressiva machen nicht abhängig“ – das steht in jedem Medizin-Lehrbuch, das sich mit Depressionen beschäftigt. Es ist aber alles andere als einfach, eine Behandlung mit den Medikamenten zu beenden, die die Symptome einer Depression lindern sollen. Ist Abhängigkeit doch ein Problem oder stecken andere Phänomene dahinter?

In den letzten zehn Jahren hat die Menge der verordneten Antidepressiva stark zugenommen1 – trotz der Tatsache, dass aktuelle ärztliche Leitlinien die Mittel nur bei schweren Depressionen ausdrücklich empfehlen. Bei moderaten Beschwerden sind sie nur eine von zwei Behandlungsoptionen, bei leichten Depressionen sollen Antidepressiva nur in Einzelfällen zum Einsatz kommen.2

Beschwerden beim Absetzen
Eine Depression verläuft üblicherweise in Episoden, die nach einiger Zeit wieder abklingen. Danach erhalten Betroffene in der Regel die Empfehlung, Antidepressiva noch einige Monate weiter einzunehmen, um Rückfälle zu vermeiden.2 Am Ende der Therapie können beim Absetzen allerdings unangenehme Begleiterscheinungen auftreten, die manchmal mehrere Monate andauern. Dazu gehören Gleichgewichtsstörungen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Reizbarkeit, Schlafstörungen, Angst, Herzklopfen oder Muskelzuckungen. Diese Symptome können nur mild, aber auch sehr beeinträchtigend sein.3 Diese Probleme entstehen bei allen eingesetzten Mitteln, auch den neueren Wirkstoffen, wobei sich Ausprägung und Häufigkeit möglicherweise je nach Wirkstoff etwas unterscheiden. Systematische Vergleiche fehlen jedoch.4

Nicht immer erfolgreich
Leitlinien für Ärzte empfehlen, am Ende der Behandlung das Medikament nicht abrupt abzusetzen, sondern die Dosis über einen Zeitraum von vier Wochen Schritt für Schritt zu verringern („auszuschleichen“).2 Allerdings funktioniert das nicht bei allen, die Antidepressiva eingenommen haben, und es kommt trotz dieser Maßnahmen immer noch zu den unangenehmen Beschwerden. Manchmal braucht es auch sehr lange. Berichtet werden etwa Zeiträume von einem Jahr oder sogar darüber hinaus. Experten gehen davon aus, dass bei manchen Patientinnen und Patienten das Absetzen so problematisch ist, dass sie lieber langfristig das Antidepressivum weiter einnehmen.4

Viele Fragezeichen
Berichte über die Schwierigkeiten beim Absetzen haben es inzwischen sogar in die Tagespresse geschafft.5 Umso verwunderlicher und kritikwürdig ist es, dass trotz der hohen Verordnungszahlen systematische Untersuchungen bisher fehlen. So wissen wir beispielsweise nicht genau, wie häufig starke Absetzprobleme tatsächlich auftreten und wie sie am besten zu behandeln sind. Ob Betroffene von möglichen Nebenwirkungen am Therapieende erfahren, bevor sie mit der Einnahme beginnen, ist ebenfalls fraglich.

Was ist was?
Ein Teil des Problems liegt darin, dass es oft nicht so eindeutig ist, was genau beim Absetzen passiert. Wurde die Depression möglicherweise nicht lange genug medikamentös behandelt? Kehren deshalb die Symptome der Depression zurück, die durch die Antidepressiva in Schach gehalten wurden – und vielleicht sogar längerfristig und mit größerer Intensität als vorher? Handelt es sich um eine neue Episode der Erkrankung? Oder sind es tatsächlich Entzugserscheinungen? Diese Möglichkeiten müssen behandelnde Ärztinnen und Ärzte bei entsprechenden Symptomen bedenken, abklären und mit den Leidenden besprechen – das ist keine einfache Aufgabe.

Im Falle eines Falles
Handelt es sich beim Absetzen tatsächlich um Entzugssymptome, kann es möglicherweise helfen, vorübergehend wieder genau die Dosis des Antidepressivums einzunehmen, bei der noch keine Probleme aufgetreten sind – und das Absetzen später erneut zu probieren. Dann mit einem noch langsameren Ausschleichen, also  kleineren Schritten bei der Reduzierung der Wirkstoffmenge. Unter Umständen hilft es zusätzlich, von Tabletten oder Kapseln auf Tropfen umzusteigen, die sich noch feiner dosieren lassen.

Doch mit praktischen Problemen ist zu rechnen, wenn es etwa keine noch niedrigere Dosis des Arzneimittels gibt, sich die Tablette nicht genau genug achteln lässt oder es das Mittel nicht als Tropfen gibt. Eventuell ist es dann hilfreich, sich mit Apothekerin oder Apotheker zu beraten, ob sie das Arzneimittel mit der notwendigen niedrigen Dosierung herstellen können.

Streit um Begriffe
Lange wurde übrigens um die Frage gestritten, wie genau die Beschwerden genannt werden sollen. So benutzen die Hersteller konsequent die Bezeichnung „Absetzreaktionen“ – wohl weil der von vielen Fachleuten bevorzugte Name „Entzugssymptome“ zu sehr an Sucht und Abhängigkeit erinnert. Tatsächlich treffen die Kriterien von Abhängigkeit nicht genau auf Antidepressiva zu. Anderseits treten beim Absetzen einzelne Symptome auf, die man von anderen definitiv abhängig machenden Wirkstoffen kennt – etwa von Benzodiazepinen wie Valium und Co., die gegen Ängstlichkeit, zur Beruhigung oder als Schlafmittel eingesetzt werden.6 Dass Beipackzettel und Informationen für Fachleute den verharmlosenden Begriff „Absetzreaktionen“ nutzen, trägt unserer Meinung nach nicht ausreichend zur Aufklärung der Betroffenen bei.

Erkenntnisse in Sicht?
Derzeit laufen in Großbritannien zwei große Untersuchungen, die hoffentlich mehr Klarheit bringen: Eine Studie soll die bisherigen Erkenntnisse zu Entzug und Abhängigkeit bei verschiedenen Arzneimitteln – darunter auch Antidepressiva –, systematisch zusammenfassen. Eine zweite Studie will ein Programm entwickeln, das Patientinnen und Patientinnen dabei hilft, Antidepressiva abzusetzen. Ergebnisse der Studien werden jedoch frühestens 2019 bzw. 2022 vorliegen.

Praktische Tipps
Was lässt sich angesichts dieser vielen Unsicherheiten und Schwierigkeiten überhaupt tun? Wer unter Depressionen leidet, sollte mit Arzt oder Ärztin gut abwägen, ob ein Antidepressivum nötig und sinnvoll ist. Bereits vor Beginn der Behandlung ist es wichtig zu besprechen, wie lange die Einnahme dauern soll und wie das Absetzen verläuft. Wer sich für ein Antidepressivum entscheidet, sollte auf die regelmäßige Einnahme achten und das Mittel nicht auf eigene Faust absetzen. Und schließlich ist es sinnvoll, beim Absetzen engen Kontakt mit Arzt oder Ärztin zu halten und mit ihnen über auftretende Probleme, zum Beispiel eine erhöhte Reizbarkeit, zu sprechen. Auch Partner und Angehörige sollten informiert sein, damit sie besser reagieren können.

1    Lohse M, Müller-Oerlinghausen B. Psychopharmaka. In: Schwabe U u.a. (Hrsg) (2017) Arzneiverordnungs-Report 2017. Berlin/Heidelberg: Springer
2    Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression (2015) www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/nvl-005.html (Abruf 5.7.2018)
3    DER ARZNEIMITTELBRIEF (2015) 49, S. 65
4    arznei-telegramm® (2018) 49, S. 62
5    Heinrich C (2018) Wenn die helfenden Pillen abhängig machen. Zeit Online 3. Juni www.zeit.de/wissen/gesundheit/2018-05/antidepressiva-medikamente-tabletten-abhaengigkeit
6    Fava G u.a. (2015) Psychother Psychosom; 84, S. 72

Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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