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©Mindful_Media_iStock

Die „Pille“: Sexuelle Freiheit mit Nebenwirkungen

Ein Verhütungsmittel zwischen Zuspruch und Skepsis

Anfang der 1960er Jahre kam in Deutschland die Pille auf den Markt. Anfangs mit Misstrauen betrachtet, nutzten ein Jahrzehnt später immer mehr Frauen das hormonelle Verhütungsmittel. Mittlerweile hat sich das aber wieder geändert.

Als die erste „Pille“ 1957 in den USA eine Zulassung erhielt, wurde sie noch als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden vermarktet – wie auch das westdeutsche Präparat, das das Pharmaunternehmen Schering AG vier Jahre später auf den Markt brachte und das zunächst nur verheiratete Mütter von mehreren Kindern bekamen.1 Die DDR hatte ab 1965 eine eigene Pille.

Wer den Beipackzettel des in der BRD erhältlichen Präparats aufmerksam studierte, erfuhr jedoch, was die kleine Tablette noch bewirken konnte: verhindern, dass frau schwanger wurde. Dass das als „Nebenwirkung“ gelabelt wurde, hing mit damaligen Moralvorstellungen zusammen. Zwar hatten Menschen schon seit geraumer Zeit versucht, sich zum Beispiel mit Kondomen vor ungewollten Schwangerschaften zu schützen. Ein Verhütungsmittel, das der Frau deutlich mehr Freiheiten in ihrer Sexualität und bei der Familienplanung ermöglichte, gab es zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht. Die offizielle Zulassung der Pille als Verhütungsmittel erfolgte erst einige Jahre später.

Synthetisches Östrogen und Gestagen

Neu an den Präparaten war auch, dass sie auf hormoneller Basis funktionierten. Die Medikamente enthielten synthetisch hergestellte Formen der Geschlechtshormone Östrogen und Gestagen. Als Östrogen kam das heute noch gebräuchliche Ethinylestradiol zum Einsatz.

Tests an Bewohnerinnen von Slums unter anderem in Puerto Rico hatten bewiesen, dass das Präparat Schwangerschaften verhindern konnte. Einige Frauen hatten bei den aus ethischer Sicht fragwürdigen Studien allerdings Nebenwirkungen wie Übelkeit gezeigt. Die Menge der Hormone war damals noch deutlich höher als in heutigen Pillen.

Angst vor „enthemmter“ Sexualität

Bald schon bürgerte sich in beiden Teilen Deutschlands der Begriff „Antibabypille“ ein, obwohl er zum Teil äußerst kritisch gesehen wurde. So sagte damals etwa einer der Miterfinder der Pille, der Chemiker und Schriftsteller Carl Djerassi, dass die Pille kein Mittel gegen Babys, sondern eines für die Frau sei.2

Die neuen Freiheiten, die Frauen durch die Pille gewannen, waren aber ebenfalls nicht überall gern gesehen. Teile der Gesellschaft fürchteten durch die Einnahme der Pille einen „Verfall der Sitten“. 1965 warnten zahlreiche Ärzte und Wissenschaftler mit der „Ulmer Denkschrift“ vor einer „staatlich geförderten Hemmungslosigkeit“. Auch der damalige Papst Paul VI. verurteilte das neue Verhütungsmittel in einer Enzyklika, also einem kirchlichen Rundschreiben, zur Frage der Empfängnisverhütung.3

Die Pille setzt sich durch

Auch die Angst vor Nebenwirkungen verhinderte in den Anfangsjahren eine breite Akzeptanz der Pille. So hatte etwa der Contergan-Skandal das Vertrauen in Arzneimittel erschüttert. Zudem gab es Berichte über eine mögliche krebserregende Wirkung der Pille.
Allerdings wussten auch Ärzte in den ersten Jahren wenig über die Möglichkeiten und Probleme bei der hormonellen Verhütung. Manchmal waren die Frauen sogar besser informiert als die medizinischen Fachleute. Erst mit zunehmendem Fachwissen, das in den Folgejahren rund um das Thema entstand, lockerten Ärzte ihre Haltung gegenüber der Pille – mit der Folge, dass die Absatzzahlen des hormonellen Verhütungsmittels stiegen.4 Über die Jahrzehnte nutzten es so viele Frauen, dass sich Östrogen inzwischen auch in der Umwelt nachweisen lässt.

Wie die Pille funktioniert

Heute sind zahlreiche Pillen mit unterschiedlichen Hormonzusammensetzungen und -dosierungen auf dem Markt. Das häufig in den Medikamenten enthaltende Östrogen verhindert, dass in den Eierstöcken eine Eizelle heranreift und ein Eisprung stattfindet. Durch das Gestagen wird der Schleim im Gebärmutterhals dick und zäh, sodass kein Sperma dort hindurchgelangt. Ein weiterer Effekt: Die Gebärmutterschleimhaut baut sich nicht so stark auf. Eine Eizelle kann sich dann selbst im Fall einer (unwahrscheinlichen) Befruchtung nur schwer einnisten.

Bei korrekter Anwendung gilt die Pille als sehr sicheres Verhütungsmittel. Dennoch steht sie seit einigen Jahren wieder vermehrt in der Kritik. Dieses Mal jedoch aus einem anderen Grund als in den Anfangsjahren.

Nebenwirkungen und Kritik

Auch die Pillen, die heute auf dem Markt sind, sind trotz niedrigerer Dosierung und teils anderer Wirkstoffe nicht frei von Nebenwirkungen. So kann die regelmäßige Einnahme der Pille zum Beispiel zu Kopfschmerzen, Übelkeit und Spannungsgefühlen in den Brüsten führen. In seltenen Fällen kann es zu Venen­thrombosen oder gefährlichen Lungenembolien kommen.5

Das Risiko ist dabei bei Pillen der sogenannten 3. und 4. Generation höher als bei anderen Präparaten. Hinzu kommt, dass sie mit fragwürdigen Schönheitsversprechen wie volles Haar, schönerer Haut und Gewichtabnahme beworben werden – bei einer vorwiegend jungen Zielgruppe. Immerhin: Seit 2014 soll ein Rote-Hand-Brief des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte Ärztinnen und Ärzte dazu anregen, Pillen mit geringerem Thrombose-Risiko zu verschreiben.6

Allerdings scheint das nur wenig zu fruchten. In der Bevölkerung zeichnet sich indes generell ein rückläufiger Trend bei der Nutzung der Pille ab. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) vom November 2023, bei der rund 1.000 sexuell aktive Erwachsene zwischen 18 bis 49 Jahren befragt wurden, lehnen gerade jüngere Menschen die Pille ab, weil sie negative Auswirkungen auf „Körper und Seele“ befürchten. Eine Rückkehr feiert laut der Studie dagegen eine andere klassische Verhütungsmethode: das Kondom.7

 

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– Gute Pillen – Schlechte Pillen 03/2024 / S.16